Dienstag, 22. Oktober 2019

DIW "Griechenland braucht einen Schuldenschnitt"

Prekäre Lage: Hellas müsste um 7,5 Prozent pro Jahr wachsen, allein um die Zinsen zahlen zu können. Die Sparvorgaben der EU sorgen bereits jetzt für Unmut und Proteste

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hält weitere Griechenland-Rettungspakete für sinnlos. Die Schulden seien so hoch, dass Hellas unter der Zinslast zusammenbreche: Ein Schuldenschnitt - also ein Verzicht der Gläubiger auf einen großen Teil ihres Geldes - sei unausweichlich.

Berlin (dapd). "Griechenlands Schulden sind so hoch, dass das Land unter der Zinsbelastung zusammenbricht. Auch ein weiterer Rettungsschirm kann da keine Abhilfe schaffen", sagte DIW-Konjunkturchef Ferdinand Fichtner am Mittwoch in Berlin. Er plädierte für einen weitgehenden Verzicht der Gläubiger auf ihre Forderungen.

Allein für die jährlichen Zinszahlungen müsste die griechische Wirtschaft um 7,5 Prozent wachsen. "Auch das jetzt beschlossene Hilfsprogramm reicht nicht aus, um dem Land eine langfristige Perspektive zu geben", erklärte Fichtner: "Die Schulden fressen das Land letztlich auf", und deshalb "ist ein Schuldenschnitt unausweichlich".

Die einzige Alternative wäre, dass die anderen Euroländer die griechischen Schulden zurückzahlten. "Griechenland braucht einen Schuldenschnitt, nur dann hat es eine Chance auf eine selbstständige Erholung von der Krise", sagte der Wirtschaftsforscher.

Wenn die Gläubiger auf 50 Prozent ihrer Ansprüche verzichten würden, könnte das Land wieder auf die Beine kommen.

Rürup sieht Damoklesschwert über Italien

Der DIW-Kuratoriumsvorsitzende Bert Rürup sagte, bei einem Schuldenschnitt "hätte die EZB die Verluste", weil sie griechische Staatsanleihen in großem Umfang als Sicherheit akzeptiert hatte. Nach einem "geordneten Teilkonkurs" Griechenlands könnten die Finanzmärkte außerdem auch Portugal und Italien auf den Prüfstand stellen, und es drohte "ein langsames Zerbröseln der Eurozone", sagte Rürup.

Die Finanzminister hätten die Entscheidung eigentlich nur vertagt. "Die Stunde der Wahrheit wird im September schlagen", sagte Rürup.

Die Glaubwürdigkeit der Europäischen Zentralbank (EZB) habe in der Krise gelitten. "Die EZB wäre gut beraten, sich wieder auf die Sicherung der Preisstabilität zu konzentrieren und sich aus der Rettung der südeuropäischen Krisenländer etwas mehr herauszuhalten", kritisierte Fichtner. "Die derzeitige Geldpolitik ist allenfalls für die südeuropäischen Mitgliedsländer der Währungsunion angemessen, nicht aber für die übrigen Länder, in denen deutlich höhere Zinsen angebracht wären."

Auch Deutschland könnte bei 2,4 Prozent Inflation in diesem Jahr höhere Zinsen brauchen. Das DIW erwartet eine leichte Zinserhöhung durch die EZB, "um die Glaubwürdigkeit wieder herzustellen".

la/dapd

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