Schuldenkrise Deutsche Firmen locken junge Griechen

Griechenlands Jugend verliert ihre Hoffnung. Angesichts einer darbenden Wirtschaft sucht sie ihr Heil zunehmend im Ausland. Deutsche Firmen strecken ihre Fühler bereits nach Athen aus. Die ersten haben die dringend benötigten Fachkräfte in Hellas gefunden.
Büffeln für die Jobsuche in Deutschland: Junge Griechen im Goethe-Institut Athen

Büffeln für die Jobsuche in Deutschland: Junge Griechen im Goethe-Institut Athen

Foto: Goethe-Institut Athen

Hamburg - Sie ist 23, beendet in Kürze ihr Architekturstudium und will danach Gebäude entwerfen, "bei denen ich meiner Fantasie freien Lauf lassen kann". Doch Dimitra Argyraki weiß, dass sie in ihrer Heimat Griechenland wohl keinen Job finden wird. "Niemand baut mehr etwas", sagt sie. Deshalb sucht sie jetzt auch in Deutschland nach einem Job und hat bereits eine Bewerbung verschickt. In Kürze beginnt ihr Sprachkurs im Athener Goethe-Institut.

Die junge Athenerin ist eine von zahlreichen jungen Griechen, die das Land verlassen wollen - laut Umfragen denken bis zu 70 Prozent über diesen Schritt nach. Angesicht der dramatischen Schuldenkrise, die sich längst zu einer Wirtschaftskrise mit einer Jugendarbeitslosigkeit von mehr als 40 Prozent ausgewachsen hat, fürchtet Griechenland den Exodus seiner jungen Generation.

"Viele sagen, es gibt hier keine Zukunft mehr - wir müssen weg, egal wie", sagt die Leiterin der Spracharbeit am Goethe-Institut in Athen, Ulrike Drißner am Tag, da das griechische Parlament das nächste Sparpaket verabschiedet hat. Die Nachfrage nach Deutschkursen wachse beständig.

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Deutsche Firmen beobachten die Entwicklung in Hellas und anderen südeuropäischen Ländern interessiert. Manche nutzen die prekäre Lage für Investitionen in der Krisenregion und binden vor Ort gut ausgebildete Leute an ihr Unternehmen. Viele andere hoffen, in Südeuropa endlich die lange gesuchten Fachkräfte zu finden, die in Deutschland kaum noch aufzutreiben sind.

Einige Krankenhäuser vermelden bereits Erfolge. "Wir haben gerade zwei junge griechische Ärzte eingestellt", sagt die Personalreferentin des St.-Antonius-Hospital in Kleve am Niederrhein, Ulrike Adam. Mit vier weiteren Kliniken waren die Nordrhein-Westfalen im April auf einer von der Bundesagentur für Arbeit organisierten Jobmesse in Athen vertreten.

"Die Veranstaltung war sehr gut besucht, die Kandidaten hatten sich bestens vorbereitet", sagt Adam. Bei einigen weiteren Ärzten sei das Bewerbungsverfahren noch nicht abgeschlossen. "Gut möglich, dass weitere zu uns kommen."

Bisher hatte sich das Krankenhaus vor allem in Osteuropa nach Kandidaten umgesehen, um dem deutschen Ärztemangel zu begegnen. "Griechenland ist eines der wenigen Länder in Europa, das mehr Ärzte ausbildet als Arbeitsplätze zur Verfügung stehen", beschreibt Adam, weshalb die Suche in Helles besonders Erfolg versprechend ist.

Nach den Ärzten kommen die Ingenieure

Zudem gilt die fachärztliche Ausbildung in Deutschland als gut, und Ärzte verdienen mehr. "Und wir überweisen pünktlich, was in Griechenland offenbar nicht der Fall ist", sagt Adam.

Ermutigt von ersten Erfolgen im Gesundheitswesen, plant die Bundesagentur für Arbeit eine weitere Messe in Athen. Im Oktober sollen deutsche Firmen aus dem verarbeitenden Gewerbe mit griechischen Ingenieuren ins Gespräch kommen.

"Das Niveau der Ausbildung in Griechenland lässt vermuten, dass dort geeignete Fachkräfte zu gewinnen sind", sagt Arbeitsagentur-Expertin Brigitte Schmieg, Leiterin des Bereichs Incoming der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV). In Spanien haben ihren Angaben zufolge Firmen wie BMW , aber auch auf Ingenieure spezialisierte Personaldienstleister bereits erste Erfolge verbucht. "Es gibt auch von spanischer Seite großes Interesse", sagt Schmieg.

Der freie innereuropäische Arbeitsmarkt entfaltet angesichts der Krise im Süden und der Stärke des Nordens langsam Wirkung. Knapp 16.000 Griechen haben ihren Lebenslauf auf der EU-Jobdatenbank Eures eingestellt - Tendenz steigend. Aus Spanien liegen 130.000 Lebensläufe vor, aus Italien gut 80.000. Aus großen Länder wie Deutschland (31.000), Frankreich (25.000) und Großbritannien (18.000) gibt es deutlich weniger Kandidaten.

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"Was wir jetzt erleben ist ein klassisches Verhalten innerhalb eines Währungsraumes", sagt Arbeitsmarktexperte Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Er erwartet, dass sich die Wanderung für beide Seiten auszahlt. Deutschland bekommt die dringend benötigten Arbeitskräfte, Länder wie Griechenland müssen weniger für die Unterstützung der Arbeitslosen zahlen.

Gleichzeitig überweisen die Auswanderer erfahrungsgemäß hohe Summen in die Heimat, was die Zahlungsbilanzprobleme der Länder entschärft. "Zudem kehren viele nach ein paar Jahren in die Heimat zurück", sagt Brücker. Dann profitiere die Volkswirtschaft vom gewonnenen Know-how der Heimkehrer.

Griechische und spanische Medien sehen die befürchtete Auswanderungswelle dennoch kritisch - von einem Brain-Drain ist die Rede, unter dem die Gesellschaft langfristig leide. Eine massive Welle würde die Investitionen in das Bildungssystem konterkarieren, und die Schuldenlast pro Kopf wüchse in einer schrumpfenden Volkswirtschaft an.

Sprachbarriere als Hürde

"Die Mobilität von Arbeitskräften innerhalb Europas ist von großem Vorteil", sagt eine Sprecherin von EU-Beschäftungungskommissar Laszlo Andor gegenüber manager magazin. "Allerdings könnte das Ausmaß zu groß werden, wenn Verzweiflung der Grund für die Jobsuche im Ausland ist." Erfahrungsgemäß fallen Wanderungsbewegungen jedoch weit kleiner aus, als es sich aus Absichtsbekundungen ablesen lasse, sagt IAB-Experte Brücker.

Deutsche Unternehmen haben als eine der größten Hürde die Sprachbarriere identifiziert. "Beim klassischen deutschen Maschinenbauer wird immer noch Deutsch gesprochen", sagt Außenwirtschaftsexperte Ulrich Ackermann vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). "Die Idee, Arbeitskräfte aus dem Süden zu holen ist gut, aber sie bedarf einer ausführlichen Vorarbeit." Firmen müssten zusätzliches Geld in die neuen Mitarbeiter investieren.

Doch dazu ist eine wachsende Zahl von Unternehmen offenbar bereit. "In medizinischen Berufen akzeptieren die Arbeitgeber zunächst auch Kandidaten mit Grundkenntnissen in Deutsch", sagt die Athener Goethe-Instituts-Mitarbeiterin Drißner. Ein sechsmonatiger Intensivkurs reiche dann aus.

Architekturstudentin Dimitra Argyraki hat für einen Sprachkurs derzeit ohnehin recht viel Zeit. Der Termin für ihre Abschlussprüfung hat sich auf September verschoben. Ihre Dozenten an der Technischen Universität bieten aus Protest gegen die Sparpolitik der Regierung seit zwei Monaten keine Seminare und Prüfungen mehr an.

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