Deutschland Chinas Hacker richten Milliardenschäden an

Trotz der jetzt besiegelten Milliardenverträge, das deutsch-chinesische Verhältnis ist nicht ungetrübt. Durch chinesische Computer-Hacker entstehen deutschen Unternehmen und Behörden jährlich Schäden von bis zu 50 Milliarden Euro.
Gefahr aus dem Netz: Chinesische Hacker greifen immer wieder die Computernetze deutscher Firmen und Behörden an. Deutschland gilt als "bevorzugtes Ausspähungsziel"

Gefahr aus dem Netz: Chinesische Hacker greifen immer wieder die Computernetze deutscher Firmen und Behörden an. Deutschland gilt als "bevorzugtes Ausspähungsziel"

Foto: ? Stringer Shanghai / Reuters/ REUTERS

Berlin/Washington - Der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao und Kanzlerin Angela Merkel haben sich am Dienstag zu ihren ersten gemeinsamen Regierungskonsultationen in Berlin getroffen. Im Mittelpunkt der Gespräche standen wirtschaftliche Themen. Obwohl der Handel zwischen den beiden weltgrößten Exportnationen brummt, klagen beide Seiten über große Hürden. Eines der deutsch-chinesischen Beziehungsprobleme ist die Spionage, die deutschen Unternehmen schadet.

Vertreter westlicher Geheimdienste sehen China als die Nummer Eins bei der weltweiten Computerspionage. Dabei sei Deutschland "mit Abstand zu allen anderen Ländern das bevorzugte Ausspähungsziel", sagte am Dienstag ein Verfassungsschützer der Nachrichtenagentur dapd am Rande des Besuchs der von Ministerpräsident Wen Jiabao angeführten hochrangigen chinesischen Regierungsdelegation in Berlin.

Der Verfassungsschützer betonte, es sei "unglaublich", wie viel Wissen die Chinesen mit ihrer elektronischem Spionage aus deutschen Behörden und Wirtschaftsunternehmen abzögen. Jährlich liege der Schaden für die Bundesrepublik bei rund 50 Milliarden Euro. Dazu sei noch die Dunkelziffer sehr hoch. Den chinesischen Computer-Spionen komme es entgegen, dass immer mehr Wissen elektronisch abgespeichert und über elektronische Netze verschickt werde.

Die aufstrebende Weltmacht China kann nach Darstellung von Experten ihr Wachstum nur erreichen, wenn sie politische und wirtschaftliche Informationen über ein elektronisches Spionagenetz sammelt. So hatte ein Spionageverdacht gegen Peking vor vier Jahren die Chinareise von Bundeskanzlerin Angela Merkel überschattet. In mehreren Bundesministerien, sogar im Kanzleramt, waren vor der Abreise Merkels auf vielen Computern Spionageprogramme aus China gefunden worden. Peking stritt wie immer alles ab.

Ein Heer von Spezialsoldaten, doch die Chinesen lächeln nur

Das Problem der chinesischen Computer-Ausspähungen mit Hilfe von Trojanern wird nach den Worten des innenpolitischen Sprechers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Geheimdienstspezialisten Hans-Peter Uhl (CSU) zwar immer wieder bei den Kontakten auf Regierungs- und Wirtschaftsebene angesprochen. "Doch dann wird einem mit asiatischem Lächeln versichert, das an all diesen Geschichten doch gar nichts dran sei", sagte Uhl vor geraumer Zeit der "Süddeutschen Zeitung".

In China ist nach Hinweisen der CIA ein Heer von Spezialsoldaten, Elite-Studenten und Hochschulabsolventen ständig damit beschäftigt, Spionageprogramme für die ausländischen Computer zu entwerfen. Dazu kommen noch die etwa 27.000 chinesischen Studenten in Deutschland. Viele von ihnen werden vor der Abreise aus China von Peking verpflichtet, in der Bundesrepublik mit Computerspionage "alles zu besorgen, was sie nur kriegen können", berichteten Verfassungsschützer.

IA-Fachleute schilderten, wie oft schon chinesische Hacker Spionageprogramme in amerikanischen Regierungsstellen, auch in das Pentagon, eingeschleust hätten. Die Hacker arbeiten mit Schnüffelprogrammen, die sie gut getarnt als Mail-Anhang an die Adresse der Opfer versenden. Der wahre Absender ist nicht zu erkennen. Als "Meisterstück" der Chinesen bezeichnete es ein CIA-Angehöriger, dass es ihnen vor zwei Jahren gelungen sei, in die Rechner des Pentagon einzudringen und Terabytes Daten zu kopieren. Darunter waren auch Detailpläne für ein neues Kampfflugzeug vom Typ F-35.

US-Forscher entdeckten Geisternetz

Forscher der kanadischen Universität von Toronto und Experten der Stiftung "Shadowserver" hatten im vergangenen Jahr einen Bericht herausgegeben mit dem Titel: "Shadows in the Cloud" (Schatten in der Wolke). Den Spezialisten war es nach eigenen Angaben gelungen, ein "Ghostnet", ein "Geisternetz", zu entdecken, das den Chinesen zugeschrieben wurde. Weit über hundert Computer von Regierungsstellen, Behörden und Organisationen in aller Welt sollen davon betroffen gewesen sein.

Im Mai 1999 hatte China seine erste konzertierte Hackaktion gegen das Ausland gestartet. Nachdem amerikanische Kampfflugzeuge im Balkankrieg irrtümlich die chinesische Botschaft in Belgrad bombardiert hatten, blockierten Hacker aus Peking mit Massen-E-Mails die Webseiten von US- und Nato-Einrichtungen. Sie dockten sich an Informationspakete an, knackten Schlüsselwörter und stifteten, wie sie es nannten, auf den "Festplatten des Feindes ein Chaos".

Deutschland hat inzwischen begonnen, sich möglichst gegen alle Cyber-Attacken zu wehren. Zu diesem Zweck wurde am 16. Juni in Bonn von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) das "Nationale Cyber-Abwehrzentrum" (NCAZ) eröffnet. Der Minister hatte darauf hingewiesen, dass die Bundesregierung entschieden habe, "die Informationsinfrastrukturen so robust und sicher wie möglich Auszugestalten".

Rei/dpad/reuters
Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.