Wen Jiabao in Berlin Die Mär von der China-Invasion in Deutschland

Die große Welle ist noch nicht angekommen. Zwar haben Angela Merkel und Chinas Premier Wen Jiabao heute gegenseitige Milliardenorders unterzeichnet. Auch investieren Chinas Unternehmen vermehrt in Deutschland - doch selbst kleine Staaten wie Belgien sind hierzulande noch aktiver. Das hat Gründe.
Yuan-Geldscheine: Noch sind die Investitionen aus China in Deutschland sehr gering

Yuan-Geldscheine: Noch sind die Investitionen aus China in Deutschland sehr gering

Foto: AFP

Hamburg - Der Ankündigungsmarathon vor dem deutsch-chinesischen Wirtschaftsforum in Berlin hat bald ein Ende. Heute sind Milliardenaufträge mit China unterzeichnet worden, und Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao, der mit 13 Ministern nach Deutschland gereist ist, geizt nicht mit großen Worten: Er hält eine Verdopplung des Handelsvolumens mit Deutschland von derzeit 150 Milliarden Euro in den nächsten fünf Jahren für möglich.

Große deutsche Unternehmen haben vor dem Treffen deshalb zurecht auf einen Auftragsreigen gehofft: Airbus, Daimler  und Volkswagen  haben grünes Licht der Pekinger Regierung für neue Milliardeninvestitionen erhalten. VW will zusammen mit Joint-Venture-Partnern neue Fabriken und Elektroautoprojekte ins Rollen bringen. Der Daimler-Konzern will in China eine Motorenfabrik sowie ein Forschungszentrum errichten. Der Chemiekonzern BASF  bereitet eine strategische Zusammenarbeit mit der Stadtregierung von Chongqing vor.

Kein Wunder also, dass Wirtschaftsminister Philipp Rösler bereits vor dem Treffen in China "enorme Chancen" für deutsche Unternehmen sah. Doch China werde auf den internationalen Märkten nicht nur im Handel, sondern auch bei Investitionen und im Projektgeschäft immer aktiver, stellte Rösler fest. Boulevardzeitungen wird das Treiben der Chinesen in Deutschland bereits jetzt unheimlich. In großen Lettern warnt etwa die "Bild"-Zeitung vor der "China-Invasion", die laut der Zeitung einem "Peking-gesteuerten Plan" folgt.

Chinesen investieren häufiger in Deutschland - allerdings geringe Summen

In einem hat die Zeitung recht: Die Aktivitäten chinesischer Unternehmen in Deutschland nehmen deutlich zu. In diesem Jahr haben bereits sechs chinesische Unternehmen Beteiligungen oder Übernahmen in Deutschland angekündigt, zeigen Zahlen des Finanzdienstleisters Bloomberg. In den Jahren 2010 und 2008 verzeichnete Bloomberg nur je fünf solcher Schritte, im Jahr 2009 waren es sogar nur zwei.

Und die chinesischen Investoren wagen sich an bekanntere Unternehmen. Im April etwa übernahm die chinesische CQLT-Gruppe den insolventen deutschen Autozulieferer Saargummi, im Juni griff der chinesische Computerhersteller Lenovo  bei Medion  zu. Für rund 600 Millionen Euro schnappte sich Lenovo die Mehrheit bei dem Lieferanten von Aldi-Computern, der bislang größte Deal eines chinesischen Unternehmens in Deutschland.

China will sich in Europa und speziell in Deutschland technologische Expertise einkaufen. Der jüngste Fünfjahresplan der Chinesen für die Jahre 2011 bis 2015 sieht Investitionen von 300 Milliarden Dollar jährlich in sieben Branchen vor, zu denen alternative Energien ebenso zählen wie die Automobilindustrie, IT und Biotechnologie.

Laut Angaben der staatlichen Investitionsförderungsagentur wollen die Chinesen in Deutschland vor allem in Unternehmen im Bereich IT, Finanzen und Automobilbau investieren. Die Kassen der Chinesen sind dank enormer Währungsreserven gut gefüllt.

Bundesbank: Belgien investiert zehnmal so viel in Deutschland wie China

Im Jahr 2010 hat China zwar laut Statistiken 28 Milliarden Dollar im Ausland investiert. Doch der überwiegende Teil floss in die Rohstoffindustrie außerhalb Europas. Die Investitionen der Chinesen in Deutschland fallen sehr bescheiden aus. Im Jahr 2009 betrug der Bestand der chinesischen Investitionen in Deutschland gerade einmal 613 Millionen Euro, zeigen Zahlen der Bundesbank. Neuere Zahlen sind nicht verfügbar.

Die Wachstumsraten sind hoch, seit 2006 hat sich die Summe der chinesischen Investitionen hierzulande fast verdoppelt. Trotzdem sind die chinesischen Investitionen in Deutschland noch sehr niedrig: Mit seiner Investitionssumme lag China im Jahr 2009 in etwa auf Augenhöhe mit Liechtenstein, das in Deutschland rund 700 Millionen Euro investiert hat.

Sogar ein vergleichsweise kleines EU-Land wie Belgien hat laut den Daten der Bundesbank in Deutschland die zehnfache Summe der Chinesen angelegt.

Nur zum Vergleich: Mit 20 Milliarden Euro waren die deutschen Investitionen in China im Jahr 2009 beinahe 30 Mal höher als jene der Chinesen in Deutschland.

Großteil der chinesischen Investoren sind Kleinstunternehmen

Von einer Invasion der Chinesen ist also in Deutschland längst noch nichts zu merken. Zumal sich die Manager aus dem Reich der Mitte schwertun, in Deutschland Fuß zu fassen. Vor der Reise von Ministerpräsident Wen Jiabao hat das chinesische Handelsministerium Hürden für Investoren beklagt. Laut seinem Vizedirektor sind Visa und Arbeitsgenehmigungen die größten Hürden für chinesische Unternehmen, die in Europa investieren wollen.

Eine Studie der German Center for Market Entry unter 96 chinesischen Unternehmen in Deutschland bestätigt diese Aussagen. Fast zwei Drittel aller befragten Firmen beklagen grundsätzliche Vorurteile gegenüber chinesischen Unternehmen. Insgesamt gestalte sich der Markteintritt für chinesische Unternehmen in Deutschland schwierig, heißt es in der Studie vom Februar dieses Jahres.

Und noch etwas zeigt die Erhebung: Rund 70 Prozent der hier ansässigen chinesischen Unternehmen sind Kleinstfirmen mit weniger als zehn Mitarbeitern. Große Produktionsstätten oder Forschungszentren sind eher die Ausnahme - auch wenn sie in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen werden.

Natürlich werden chinesische Firmen in nächster Zeit verstärkt in Deutschland investieren und auch bei Großprojekten mitbieten. Doch die Gefahr, dass sie Deutschland mit Investitionen überrollen, ist für die nächsten Jahre relativ gering.

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