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Chinas Pläne: Autarke Industriestadt mitten in Idaho

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Brückenkopf China will Sonderwirtschaftszone in den USA

Es könnte die brisanteste chinesische Auslandsinvestition werden: China will in Idaho eine autarke Industriestadt von der Größe Amsterdams hochziehen. Kritiker wettern gegen den Brückenkopf auf US-Boden - sie fürchten die neue chinesische Außenwirtschaftsstrategie gegenüber den USA.
Von Markus Gärtner

Idaho/USA - Wenn Amerikaner von Boise sprechen, denken sie meist an Kartoffeln, Jazz und Hinterland. Die Provinzhauptstadt des Bundesstaates Idaho produziert meist Nachrichten begrenzter Tragweite. Zuletzt waren es Graffiti an einem jüdischen Zentrum oder eine Elternversammlung, die so hitzig wurde, dass der Sheriff anrücken musste. In jüngster Zeit kursieren zudem immer häufiger Meldungen über gestohlene Zeitungen, aus denen finanziell erschöpfte Konsumenten die Beilagen herausnehmen, um Coupons auszuschneiden.

Doch in den kommenden Monaten dürfte die Stadt zwischen Seattle und Salt Lake City dicke Schlagzeilen in der Hauptsendezeit großer TV Sender im In- und Ausland machen. Denn Boise (sprich: Boisi) steht eine brisante Karriere als Chinas Brückenkopf in Amerika bevor. Der chinesische Staatskonzern China National Machinery Industry Corp., kurz Sinomach, will unweit des Provinzflughafens von Boise einen gigantischen Industriepark bauen. Und die Dimension des Vorhabens zeigt, worum es dabei wirklich geht:

Rund um die Fabriken in Boise ist eine komplette Technologiezone geplant, dazu Lagerhallen, Großhandelszentren, logistische Umschlagplätze und komplette Wohngebiete mit eigener Energieversorgung. Es geht um eine wirtschaftlich autarke Stadt, eine Insel mit einer Fläche von 129 Quadratkilometern. Das entspricht der Größe von Amsterdam.

Größe und Lage der geplanten Industriestadt veranlassen die führende lokale Zeitung, den "Idaho Statesman", von einer chinesischen Sonderwirtschaftszone auf amerikanischem Boden zu sprechen. Diese Zonen, vier an der Zahl - Shenzhen, Zhuhai, Shantou und Xiamen - hatte Ende der 70er Jahre Chinas Reformer Deng Xiaoping als Geburtsort und Experimentierlabor für die neue Öffnungspolitik auserkoren. Der Rest ist bekannt: Die Entfesselung des größten Wachstums-Schubs in der Geschichte der Menschheit. Er führte dazu, dass China in den vergangenen drei Jahren Deutschland als Exportweltmeister ablöste, Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft überholte und die USA als führenden Energieverbraucher und Automarkt hinter sich ließ. Aus dem früheren Fischerdorf Shenzhen wurde im Verlauf eine vibrierende Metropole mit 14 Millionen Einwohnern.

Mit einer Armee von Arbeitern

Chinas Idaho-Plan lässt die Amerikaner dann auch nicht kalt. "China hat sich zu einer Invasion der USA entschlossen, nicht mit Panzern und Kampfjets, sondern mit einer Armee von Arbeitern, die eine eigene Freihandelszone errichten werden", kommentiert beispielsweise Jerome Corsi das Vorhaben; der Autor hatte zuletzt mit seinem Buch "America for Sale" für Aufsehen gesorgt.

Führende Politiker in Idaho sehen das freilich ganz anders: "Idaho ist der letzte Bundesstaat, der Geschäfte mit Asien ablehnen wird", sagt Vizegouverneur Brad Little. "In Asien ist jetzt schließlich das ganze Geld", fügt Little trotzig hinzu. Noch deutlicher wurde bei Bekanntwerden der Sinomach-Pläne Idahos Wirtschaftsminister Don Dietrich: "Die Chinesen schauen sich nach einem Brückenkopf in den USA um, Idaho ist bereit, einen anzubieten".

Die Anleihe aus dem Wortschatz der Militärstrategen schlug solche Wellen, dass das Zitat schnell wieder von der Webseite des Idaho Statesman verschwand. Nicht aber die Pläne. Denn Idaho bräuchte ein solches Megaprojekt dringend. Die Arbeitslosenrate dort liegt mit aktuell 9,7 Prozent deutlich über dem Schnitt der USA von 9,1 Prozent. Und das Wirtschaftswachstum blieb zuletzt mit 1,4 Prozent klar hinter der ohnehin enttäuschenden Rate für die Gesamt-USA von 1,8 Prozent zurück. In der Liste der 257 Freihandelszonen in den USA taucht Idaho zudem nur mit einem einzigen Projekt auf - und das wirft indirekt auch noch ein eigentümliches Licht auf den neuen US-Plan des chinesischen Kraken.

Der Hauptinvestor in der Idaho-Freihandelszone ist ausgerechnet ein weiteres chinesisches Unternehmen mit strategischer Bedeutung. Hoku Materials, Ableger eines chinesischen Energiekonglomerats, baut in Pocatello mit 500 Leuten ein ultramodernes Werk für die Produktion von Polysiliconen; ein ähnliches Projekt realisiert die deutsche Wacker Chemie gerade für eine Milliarde Dollar in Tennessee. Das Material aus der 400 Millionen Dollar teuren Fabrik von Hoku Materials wird bei der Fertigung von Solar-Panels verwendet. Die Produktion in Pocatello soll in wenigen Wochen beginnen.

Chinas Kundschafter sind auch in Ohio, Michigan und Pennsylvania

Sinomach wäre als Investor freilich zwei Hausnummern größer. Sinomach ist ein Industriekoloss mit 15 Millliarden Dollar Jahresumsatz, der 1997 vom Staatsrat - Chinas Kabinett - gegründet wurde. Peking bündelte zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts die größten und strategisch wichtigsten Staatsbetriebe und lässt sie seitdem von der eigens eingesetzten State Asset Supervision and Administration Commission (SASAC) führen. Sinomach zählt seitdem zur industriellen Avantgarde für die Transformation der Volksrepublik in eine ökonomische Weltmacht. Zu Sinomach gehören 50 große Konglomerate, darunter sechs Publikumsfirmen und weltweit 80.000 Beschäftigte. Der Staatskonzern wächst seit Jahren mit Raten um die 30 Prozent.

Sinomach gilt in China als ein Schlüsselunternehmen, was Ausrüstungen für den Bergbau und die Energiewirtschaft angeht. Es ist auch einer der wichtigsten Hersteller von Baumaschinen im Land. Der Konzern ist einer der größten industriellen Developer Chinas. Er zieht vom Schiffbau, über die Autobranche bis hin zu Schwermaschinen und Kraftwerken strategische Verbindungen und kann als einer der wichtigen Spieler in Chinas Globalisierungskampagne gesehen werden.

"Sinomach ist nur eine von vielen chinesischen Firmen, die Interesse an Idaho zeigen", versichert Jeff Don, der Chefrepräsentant von Sinomach in Idaho. Die Chinesen haben freilich nicht nur diesen Bundesstaat im Visier. In den vergangenen Monaten hat das Unternehmen auch Delegationen nach Ohio, Michigan und Pennsylvania entsandt. Der Auftrag der industriellen Kundschafter: Standorte für weitere Sonderwirtschaftszonen zu identifizieren.

Worum es den Chinesen geht, liegt auf der Hand. Mit Transportflugzeugen liegt Boise nur 45 Minuten weiter von Asien entfernt als Seattle. Das ist nah genug, um die viertgrößte Stadt im pazifischen Nordwesten Amerikas als Exportzone für die Versorgung des chinesischen Marktes zu nutzen. Aber es liegt auch schon weit genug von Küstenstädten wie Portland und Seattle entfernt, um günstige Landpreise und großzügige Subventionen der lokalen Regierung für die Ansiedlung herauszuschlagen.

Versuchslabor für eine neue Außenwirtschaftsstrategie

Sinomach kann in diesem Teil der USA drei Jahre nach der Finanzkrise - und so kurz nach der Großen Rezession - mit weiteren Assen auftrumpfen: Der drittgrößte industrielle Developer Chinas hat als wichtiger staatlicher Konzern Zugang zu üppigen Finanzierungsquellen der Regierung. Daher hat sich Sinomach auch gleich für das Engineering, den Bau und die Finanzierung eines zwei Milliarden Dollar teuren Düngemittelwerkes in Idaho stark gemacht. Das Werk will der regionale Energieversorger Southeast Idaho Energy bauen. Technologisch geht es hier um die Umwandlung von Kohle in Gas, zur Produktion von Düngemitteln und Schwefel. Ein Knowhow, das auch China als größter Kohleverbraucher auf dem Planeten effizienter nutzen will.

Und noch etwas haben die Chinesen auf dem Monitor: Weil ihre Löhne jährlich um 15 Prozent steigen und eskalierende Ölpreise den Transport über den Pazifik ständig verteuern, wird allmählich eine Verlagerung bestimmter Industrien auf die andere Seite des Pazifiks interessant, vor allem dann, wenn Amerika der Absatzmarkt für die geplanten Produktion ist. Mit lokaler Produktion in Amerika können auch die nachteiligen Effekte des sinkenden Dollars und des stärkeren Renminbi - der in den kommenden Jahren weiter aufgewertet werden dürfte - abgefangen werden. Insofern dürfte Boise nicht nur ein Brückenkopf sein, sondern auch das Versuchslabor für eine neue Außenwirtschaftsstrategie gegenüber den USA.

Kein Wunder also, dass man beim "Idaho Statesman" das chinesische Großprojekt als "Symbol für eine fundamentale Veränderung der Beziehungen zwischen den beiden wirtschaftlichen Supermächten" sieht. "Dass die Chinesen mit einem so großen Projekt hierher kommen, bedeutet auch, dass sie auf eine Renaissance der amerikanischen Industriebasis setzen", sagt so Jeff Don - wie manche deutschen Unternehmen in den USA auch.

Eine wichtige Rolle hat bei diesem Projekt sicher auch der Volksentscheid von 2010 gespielt. Dabei wurde eine Änderung der Staatsverfassung abgesegnet. Sie räumt dem Flughafen von Boise die Möglichkeit ein, mit langfristigen Leasing-Verträgen Landerechte an internationale Fluggesellschaften zu vergeben, auch chinesische.

Noch allerdings können die Pläne für das chinesische Megaprojekt durchaus noch scheitern, etwa in einem nationalen Proteststurm wie vor sechs Jahren in einem anderen Fall. Damals bot der Ölkonzern China National Offshore Oil Corp. (CNOOC) für die kalifornische Unocal 18,2 Milliarden Dollar. Im Kongress und in der Öffentlichkeit formierte sich in Windeseile enormer Widerstand. Sogar vor einer Gefahr für die nationale Sicherheit der USA wurde gewarnt. Die starke Opposition gegen die Übernahme brachte das Projekt zum Scheitern.

Doch im Gegensatz zu heute brummte damals die US-Konjunktur auf allen Zylindern. Die Arbeitslosigkeit war mit knapp 5 Prozent nur halb so hoch wie jetzt, und in den US-Bundesstaaten wurden noch keine Feuerwehrstationen geschlossen, Polizisten heimgeschickt und Lehrer entlassen, weil Budgetdefizite die Bundesstaaten strangulieren. Vielleicht kommt Chinas erste Sonderhandelszone auf amerikanischem Boden deshalb tatsächlich durch alle Instanzen.

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