Samstag, 30. Mai 2020

Brückenkopf China will Sonderwirtschaftszone in den USA

Chinas Pläne: Autarke Industriestadt mitten in Idaho
AP

Es könnte die brisanteste chinesische Auslandsinvestition werden: China will in Idaho eine autarke Industriestadt von der Größe Amsterdams hochziehen. Kritiker wettern gegen den Brückenkopf auf US-Boden - sie fürchten die neue chinesische Außenwirtschaftsstrategie gegenüber den USA.

Idaho/USA - Wenn Amerikaner von Boise sprechen, denken sie meist an Kartoffeln, Jazz und Hinterland. Die Provinzhauptstadt des Bundesstaates Idaho produziert meist Nachrichten begrenzter Tragweite. Zuletzt waren es Graffiti an einem jüdischen Zentrum oder eine Elternversammlung, die so hitzig wurde, dass der Sheriff anrücken musste. In jüngster Zeit kursieren zudem immer häufiger Meldungen über gestohlene Zeitungen, aus denen finanziell erschöpfte Konsumenten die Beilagen herausnehmen, um Coupons auszuschneiden.

Doch in den kommenden Monaten dürfte die Stadt zwischen Seattle und Salt Lake City dicke Schlagzeilen in der Hauptsendezeit großer TV Sender im In- und Ausland machen. Denn Boise (sprich: Boisi) steht eine brisante Karriere als Chinas Brückenkopf in Amerika bevor. Der chinesische Staatskonzern China National Machinery Industry Corp., kurz Sinomach, will unweit des Provinzflughafens von Boise einen gigantischen Industriepark bauen. Und die Dimension des Vorhabens zeigt, worum es dabei wirklich geht:

Rund um die Fabriken in Boise ist eine komplette Technologiezone geplant, dazu Lagerhallen, Großhandelszentren, logistische Umschlagplätze und komplette Wohngebiete mit eigener Energieversorgung. Es geht um eine wirtschaftlich autarke Stadt, eine Insel mit einer Fläche von 129 Quadratkilometern. Das entspricht der Größe von Amsterdam.

Größe und Lage der geplanten Industriestadt veranlassen die führende lokale Zeitung, den "Idaho Statesman", von einer chinesischen Sonderwirtschaftszone auf amerikanischem Boden zu sprechen. Diese Zonen, vier an der Zahl - Shenzhen, Zhuhai, Shantou und Xiamen - hatte Ende der 70er Jahre Chinas Reformer Deng Xiaoping als Geburtsort und Experimentierlabor für die neue Öffnungspolitik auserkoren. Der Rest ist bekannt: Die Entfesselung des größten Wachstums-Schubs in der Geschichte der Menschheit. Er führte dazu, dass China in den vergangenen drei Jahren Deutschland als Exportweltmeister ablöste, Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft überholte und die USA als führenden Energieverbraucher und Automarkt hinter sich ließ. Aus dem früheren Fischerdorf Shenzhen wurde im Verlauf eine vibrierende Metropole mit 14 Millionen Einwohnern.

Mit einer Armee von Arbeitern

Chinas Idaho-Plan lässt die Amerikaner dann auch nicht kalt. "China hat sich zu einer Invasion der USA entschlossen, nicht mit Panzern und Kampfjets, sondern mit einer Armee von Arbeitern, die eine eigene Freihandelszone errichten werden", kommentiert beispielsweise Jerome Corsi das Vorhaben; der Autor hatte zuletzt mit seinem Buch "America for Sale" für Aufsehen gesorgt.

Führende Politiker in Idaho sehen das freilich ganz anders: "Idaho ist der letzte Bundesstaat, der Geschäfte mit Asien ablehnen wird", sagt Vizegouverneur Brad Little. "In Asien ist jetzt schließlich das ganze Geld", fügt Little trotzig hinzu. Noch deutlicher wurde bei Bekanntwerden der Sinomach-Pläne Idahos Wirtschaftsminister Don Dietrich: "Die Chinesen schauen sich nach einem Brückenkopf in den USA um, Idaho ist bereit, einen anzubieten".

Die Anleihe aus dem Wortschatz der Militärstrategen schlug solche Wellen, dass das Zitat schnell wieder von der Webseite des Idaho Statesman verschwand. Nicht aber die Pläne. Denn Idaho bräuchte ein solches Megaprojekt dringend. Die Arbeitslosenrate dort liegt mit aktuell 9,7 Prozent deutlich über dem Schnitt der USA von 9,1 Prozent. Und das Wirtschaftswachstum blieb zuletzt mit 1,4 Prozent klar hinter der ohnehin enttäuschenden Rate für die Gesamt-USA von 1,8 Prozent zurück. In der Liste der 257 Freihandelszonen in den USA taucht Idaho zudem nur mit einem einzigen Projekt auf - und das wirft indirekt auch noch ein eigentümliches Licht auf den neuen US-Plan des chinesischen Kraken.

Der Hauptinvestor in der Idaho-Freihandelszone ist ausgerechnet ein weiteres chinesisches Unternehmen mit strategischer Bedeutung. Hoku Materials, Ableger eines chinesischen Energiekonglomerats, baut in Pocatello mit 500 Leuten ein ultramodernes Werk für die Produktion von Polysiliconen; ein ähnliches Projekt realisiert die deutsche Wacker Chemie gerade für eine Milliarde Dollar in Tennessee. Das Material aus der 400 Millionen Dollar teuren Fabrik von Hoku Materials wird bei der Fertigung von Solar-Panels verwendet. Die Produktion in Pocatello soll in wenigen Wochen beginnen.

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