US-Konjunktur Was nun, die Herren?

Jetzt noch der Arbeitsmarkt - schwache Konjunkturdaten ereilen die USA am laufenden Band. Die beiden mächtigsten Männer in den USA haben kaum Optionen. Die Zinsen liegen bei null, die Geldschwemme wirft bereits gefährliche Blasen. Und der Kongress stellt sich quer.
In der Klemme: Fed-Chef Ben Bernanke und US-Präsident Barack Obama

In der Klemme: Fed-Chef Ben Bernanke und US-Präsident Barack Obama

Foto: JASON REED/ REUTERS

New York/Frankfurt am Main - Die Konjunktur in den USA will trotz jahrelanger Nullzinspolitik der US-Notenbank Fed einfach nicht in Schwung kommen: Nach zuletzt stark enttäuschenden Daten aus der Industrie, zum Konsum und vom Immobilienmarkt strauchelt nun auch der wichtige Arbeitsmarkt.

Die Arbeitslosenquote stieg im Mai auf 9,1 Prozent - der höchste Wert in diesem Jahr. Im Vormonat lag sie bei 9,0 Prozent. Wie das Arbeitsministerium mitteilte, wurden im Mai lediglich 54.000 neue Jobs geschaffen - der geringste Zuwachs seit acht Monaten. Noch im April waren es revidierte 232.000 neue Stellen außerhalb der Landwirtschaft. Die neuen Zahlen wurden von Experten überwiegend als enttäuschend gewertet. "Das signalisiert einen deutlichen Rückgang der Dynamik", sagte ein Analyst der Wirtschaftsagentur Bloomberg.

Damit nicht genug, wenige Stunden zuvor gab es einen anderen Warnschuss: Nach der Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) droht nun auch Moody's mit einer möglichen Überprüfung oder gar Herabstufung der US-Bonität - falls es in den nächsten Wochen keine Fortschritte bei der Erhöhung der Schuldenobergrenze geben sollte.

Das US-Repräsentantenhaus hat die dringend benötigte Erhöhung des Schuldenlimits abgelehnt. US-Präsident Barack Obama gerät unter immer stärkeren Druck.Da nun der Arbeitsmarkt nicht nur eminent wichtig für den inländischen Konsum ist, sondern auch als Stellschraube für die amerikanische Geldpolitik gilt, stellt sich einmal mehr die Frage: Wie reagiert die Notenbank Fed auf den überraschenden Schwächeanfall der US-Wirtschaft?

Wie reagiert die Fed auf den Schwächeanfall?

Dass die Fed ihre immer noch hochexpansive Geldpolitik abermals lockern wird, halten die meisten Experten zurzeit noch für unwahrscheinlich. So liegt der Leitzins seit zweieinhalb Jahren auf dem Rekordtief von fast null Prozent. Das heißt nichts anderes, als dass sich die heimischen Banken bei der Notenbank faktisch zum Nulltarif refinanzieren können.

Doch damit nicht genug: Seit der Finanzkrise hat die Fed die Finanzmärkte mit Liquidität über mehrere Billionen Dollar geflutet - nicht zuletzt über den Kauf von amerikanischen Staatsanleihen. Ein Kurs, der von Experten teils hart kritisiert wird, zumal die US-Konjunktur vor der aktuellen Schwächephase wieder robust gewachsen war. Doch ausgerechnet mit dem Auslaufen des jüngsten und zweiten Kaufprogramms von Staatsanleihen (Quantitative Easing 2) droht die Konjunktur erneut zu verflachen.

Hierauf deuten jüngste Konjunkturdaten hin, die seit Wochen nahezu ausnahmslos enttäuscht haben. Höhepunkt dieser Entwicklung sind Zahlen aus der laufenden Woche. So hat sich nicht nur der Arbeitsmarkt schwach präsentiert. Zuletzt hat sich auch die Stimmung der Verbraucher stark eingetrübt und ist auf den tiefsten Stand in diesem Jahr gesunken. Noch schlechter fielen Stimmungsdaten aus der Industrie aus, dem wichtigsten Stützpfeiler der US-Konjunktur in den vergangenen Monaten. Der viel beachtete ISM-Einkaufsmanagerindex fiel im Mai auf den tiefsten Stand seit September 2009. Zudem war der Stimmungseinbruch so stark wie seit 27 Jahren nicht mehr. Zum Vergleich: Der Einbruch fiel sogar noch stärker aus als nach der Pleite der US-Bank Lehman Brothers, dem Höhepunkt der Finanzkrise.

Zinserhöhung wohl erst 2012

Die Reaktion auf derart schlechte Konjunkturdaten ließ nicht lange auf sich warten. Zahlreiche Banken senkten ihre Wachstumsprognosen für das zweite Quartal. Bereits im ersten Quartal hatte die US-Wirtschaft mit einem überraschend schwachen Wachstum enttäuscht. Die Commerzbank senkte ihre US-Prognose sowohl für 2011 als auch 2012 deutlich. Für das laufende Jahr erwartet die Frankfurter Bank nicht mehr ein Plus von 3 Prozent, sondern nur noch von 2,3 Prozent. Damit würden die USA deutlich schwächer als Deutschland wachsen, wo das Wachstum über 3 Prozent liegen dürfte. Für 2012 senkte die Commerzbank ihre US-Prognose gar um einen ganzen Prozentpunkt auf 2,8 Prozent.

Eine schwächelnde US-Konjunktur hat nicht zuletzt erhebliche Auswirkungen auf die Geldpolitik. Allen voran eine nachhaltige Eintrübung am Arbeitsmarkt würde die Fed davon abhalten, ihre Nullzinspolitik schnell zu beenden, sind sich Experten sicher. Bislang hatten die meisten Bankvolkswirte mit einer ersten Zinserhöhung nach der Krise zum Jahreswechsel 2011/2012 gerechnet.

Gefährliche Preisblasen an den Märkten

Schon dies wäre deutlich später als die Reaktion vieler anderer Notenbanken. Die Europäische Zentralbank (EZB) etwa hatte bereits im Frühjahr die Zinswende eingeläutet - und das trotz der immer noch lodernden Schuldenkrise in der Euro-Zone.

Die Fed hingegen hält weiter still: Die Commerzbank rechnet mit einem ersten Zinsschritt nun erst im dritten Quartal 2012. Sollte die Fed tatsächlich so lange zögern, würde der Leitzins ganze dreieinhalb Jahr bei null Prozent liegen. Die letzte Zinserhöhung würde dann sage und schreibe sechs Jahre zurückliegen.

Ökonomen kritisieren, dass die Fed mit ihrer Geldschwemme weitere Preisblasen an den Vermögensmärkten und damit eine neue Krise auslösen könnte. Weit hergeholt sind solche Warnungen nicht: An den Rohstoffmärkten sind die Preise in den vergangenen Monaten in die Höhe geschossen und haben so manchen Experten vor Preisblasen warnen lassen.

Hohe Rohstoffpreise wiederum treiben die weltweiten Inflationsraten nach oben, was viele Notenbanken wie die EZB bereits zu Zinserhöhungen gezwungen hat. Nicht so die US-Notenbank, die trotz einer erhöhten US-Teuerung die geldpolitischen Zügel weiter schleifen lässt. In dieses Bild passt die Warnung von Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz: Bisher habe sich die Fed um Preisblasen an den Vermögensmärkten kaum geschert, sondern lieber im Nachhinein Aufräumarbeit geleistet. Bleibt zu hoffen, dass es dieses Mal nicht so weit kommt.

Rei/dpa/reuters
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