Wirtschaftswachstum Zittern um den globalen Boom

In den USA gerät die Konjunktur ins Stocken, an den Aktienmärkten bröckeln die Kurse. Auch die Rohstoffpreise gehorchen wieder der Schwerkraft. Handelskonzerne, Techfirmen und Hersteller warnen vor schwächeren Quartalen - die Sorgen um die Weltwirtschaft wachsen wieder.
Von Markus Gärtner
Börse im chinesischen Shenyang: Die Turbokonjunktur in China wird in der zweiten Jahreshälfte an Fahrt verlieren

Börse im chinesischen Shenyang: Die Turbokonjunktur in China wird in der zweiten Jahreshälfte an Fahrt verlieren

Foto: ? Sheng Li / Reuters/ REUTERS

Vancouver - Es sind die Großen, die vor dem möglichen neuen Unheil warnen. Zu ihnen zählen Firmen wie die Bekleidungskette GAP, der Techriese Hewlett Packard und der Modekonzern Ralph Lauren. Selbst FedEx-Chefökonom Gene Huang, der eine der besten Kristallkugeln in Amerika auf seinem Schreibtisch stehen hat, äußert Sorgen über den Konjunkturausblick.

Sorgen, die von den jüngsten Zahlen aus den USA noch einmal unterstrichen werden: Der US-Arbeitsmarktbericht für den Monat Mai enttäuschte auf ganzer Linie, statt der erwarteten 150.000 neuen Jobs sind im Mai nur 54.000 neue Jobs geschaffen worden. Die Arbeitslosenquote in den USA ist wieder auf 9,1 Prozent gestiegen. Der Einkaufsmanagerindex, der die Aktivität für die US-Industrie anzeigt, ist in der vergangenen Woche von 60 auf 53,5 Punkte eingebrochen und damit so stark wie seit rund 25 Jahren nicht mehr.

Die USA im Konjunkturschock: Selbst die viel bestaunte deutsche Sonderkonjunktur scheint dieser Tage an eine Decke zu stoßen. Der jüngste Ifo-Klimaindex bleibt zwar auf Rekordniveau. Doch die Erwartungen an die kommenden sechs Monate schwinden sichtbar. Und auch die Bundesbank warnt, "in der absehbaren Zukunft ist langsameres Wachstum wahrscheinlich". Das ist so deutlich, wie vorsichtige Notenbanker es auszudrücken vermögen.

Wenn die vergangene Woche eines klar gemacht hat, dann ist es das: Die globale Wirtschaft ächzt unter Gegenwind von hohen Ölnotierungen, Schwächezeichen in der weltgrößten Volkswirtschaft USA, Unruhen im Nahen Osten, stockenden Lieferketten aus Japan, steigenden Nahrungspreisen, dem Schuldendrama in Europa, ersten Schleifspuren in China sowie zahlreichen externen Störungen und Schocks.

Japan ist nach dem verheerenden Erdbeben vom 11. März schon wieder in der Rezession. Allein die letzten sieben Tage brachten Herabstufungen für Belgien, Italien und Portugal, dazu tödliche Verwüstungen durch Tornados in den USA, eine neue Aschewolke aus Island, aber auch schwächere Indizes aus China und die Bestätigung der schwachen Wachstumszahlen in den USA. Dort halbierte sich die Dynamik des Bruttoinlandsprodukts von Januar bis März gegenüber dem Schlussquartal 2010 auf 1,8 Prozent.

USA: "Die Krise ist erst vorbei, wenn wieder genug Jobs entstehen"

"Wir sehen das Ende der Fahnenstange bei Gewinnen und in der Fertigung", konstatiert der Fondsmanager Burt White. Er verwaltet bei LPL Financial in Boston 280 Milliarden Dollar Anlagevermögen. "Wir haben einen delikaten Moment in der Weltwirtschaft erreicht", bestätigt OECD-Generalsekretär Angel Gurria, "die Krise ist erst vorbei, wenn unsere Volkswirtschaften wieder genügend Jobs schaffen".

Das Prognoseunternehmen IHS Global Insight drosselt derweil seine Vorhersage für die globale Wirtschaft im laufenden Jahr auf 3,5 Prozent und zitiert als Grund drei Entwicklungen: Höhere Ölpreise, die Naturkatastrophe in Japan sowie die Sparpakete in westlichen Industrieländern.

"Die Weltwirtschaft löst erneut Double-Dip-Ängste aus", sagt der unabhängige Ökonom Andy Xie in Shanghai. Früher war Xie ein Analysestar bei Morgan Stanley  in Hong Kong. Bis heute ist er einer der angesehensten Chinaexperten in Asien. Xies Schwarzer Schwan - ein unvorhergesehener Schock für das System - ist "die starke Drosselung der chinesischen Turbokonjunktur im zweiten Halbjahr".

Selbst der frühere britische Premier Gordon Brown zweifelt zum Ende dieses Frühjahrs an der laufenden Erholung: "Wenn wir so weiter machen, werden die Historiker in Zukunft einmal sagen, dass die Finanzkrise vor drei Jahren nur das Vorspiel zu einer Serie vermeidbarer Krisen war".

Paul Krugman: "Frühstadium einer dritten Depression"

Noch düsterer hörte sich vor wenigen Tagen in der New York Times Nobelpreisträger Paul Krugman an. "Wir sind, fürchte ich, im Frühstadium einer dritten Depression. Sie wird mehr wie die lange Depression im 19. Jahrhundert aussehen, weniger wie die scharfe in den 30er Jahren, aber für Millionen Arbeitslose wird sie immens sein". Parallelen zur Depression - allerdings der in den 30er Jahren - sieht der Chefökonom Richard Koo bei Asiens führender Investmentbank Nomura .

Keine Frage: Die Lichtblicke in der globalen Konjunktur sind in den vergangenen Wochen schmaler und seltener geworden, trotz der jüngsten Korrektur der hohen Rohstoffpreise. Meldungen wie die aus Singapur, dass der südostasiatische Stadtstaat seine BIP-Prognose für 2011 anhebt, sind derzeit eine Seltenheit. Selbst im brummenden Asien, wo China einen Gang runterschaltet und Japan erneut in die Rezession gestürzt ist. Vorhersagen wie die des europäischen Chefökonomen bei der Citigroup , Michael Saunders, "der größte Investitionsboom in Jahrzehnten" werde die globale Expansion im laufenden Jahr auf 4 Prozent hieven, gelten vor diesem Hintergrund eher als mutig.

Nicht nur korrigierende Rohstoffpreise und wieder ansteigende Bondnotierungen signalisieren, dass Anleger, Banker und Firmen ihre Erwartungen dämpfen und wieder vorsichtiger mit ihrer Einschätzung werden.

Der Rohölpreis hat in den vergangenen 30 Handelstagen knapp 11 Prozent nachgegeben. Gleichzeitig meldet das Beratungsunternehmen Capgemini eine Schwäche in seinem globalen Handelsindex. Und der Global Property Guide meldet für die 35 führenden Immobilienstandorte auf dem Globus im ersten Quartal steigende Preise in zehn Märkten, aber fallende Preise in den anderen 25. Und obwohl die schwächere Konjunktur in den USA die Ölvorräte wieder anschwellen lässt, bringt die Internationale Energieagentur gegenüber der OPEC ihre "ernste Sorge" zum Ausdruck", dass die immer noch hohen Notierungen - 35 Prozent über Vorjahr - "die wirtschaftliche Erholung gefährden".

Wachstumserwartungen für Europa reduziert

Für China wurde in der Vorwoche ein sinkender Einkaufsmanagerindex gemeldet. In London teilte das British Retail Consortium für März mit minus 1,9 Prozent den stärksten monatlichen Rückgang des Einzelhandelsumsatzes in 16 Jahren mit. Auf der Insel hat sich die Zahl der Haushalte, die nicht mehr regelmäßig ihre Stromrechnung begleichen können, in vier Jahren fast verdreifacht, meldet der Schuldenberater Money Advice Trust. Und die Statistiker der Regierung sehen die Verbraucher nach einem Rückgang des privaten Konsums um 0,6 Prozent im ersten Quartal zurück in der Rezession. Großbritannien, so sagen amerikanische Ökonomen, liefert den USA ein Beispiel für das was passiert, wenn mit dem Sparen richtig Ernst gemacht wird.

Für Europa werden die Wachstumserwartungen derzeit ebenfalls gedrosselt. Eine der wenigen Ausnahmen ist die Citigroup, die gerade ihre BIP-Prognose 2011 für das Euro-Land auf 2,1 Prozent nach oben revidiert hat. Die Begründung: Anhaltende Dynamik in den Schwellenländern sowie eine stärkere Erholung in den USA und in Japan im zweiten Halbjahr. Doch selbst im optimistischen Deutschland wird man vorsichtiger. Das DIW erwartet für die größte Volkswirtschaft Europas im zweiten Quartal 0,6 Prozent Bip-Wachstum. Gegenüber dem Plus von 1,5 Prozent in den ersten drei Monaten des Jahres wäre das weniger als die Hälfte.

Die Euro-Zone war im Auftaktquartal 2011 um 0,8 Prozent gewachsen. Doch die EZB hat die Zinswende eingeleitet. Im Drama um Griechenland und die anderen europäischen Schuldenstaaten steigt die Angst vor einem schmerzhaften Schuldenschnitt. Der einzige Weg um diesen herum wären noch striktere Sparmaßnahmen, die zu größeren Protesten und weniger Wachstum führen.

Für Großbritannien hat die OECD gerade zum zweiten Mal hintereinander die BIP-Prognose gesenkt, auf 1,4 Prozent für 2011. Der Rückgang des Konsums um 0,6 Prozent im ersten Quartal war der stärkste in fast zwei Jahren. Am Wochenende bereitete der Chefökonom der Bank of England, Spencer Dale, die privaten Haushalte "für einige Zeit" auf "signifikante finanzielle Härten" vor. Ob der jüngste Anstieg des Konsumklimas im Mai daran etwas ändern kann, bezweifeln viele.

In den USA gehen die Einschätzungen der Konjunkturgucker weit auseinander, wobei der Chor der Mahner wächst. Morgan Stanley  hält die wirtschaftliche Erholung für "zu jung, um zu sterben". Auch bei der Credit Suisse  sehen die US-Ökonomen trotz der wachsenden Belastungen "keinen Grund, ein Bär zu werden". Die Analysten dort bezeichnen sich beim Blick nach vorn jetzt nur als "etwas vorsichtiger". Positiver gestimmt ist Mark Zandi bei Moody's Economy.com. "Wir kennen die Probleme, und sie sind temporär, die Ölpreise haben geschadet, aber sie gehen ja schon wieder nach unten", sagt er.

Japans Industrieproduktion im freien Fall

Doch aus dem industriellen Hinterland kommen derzeit keine Nachrichten, die das bestätigen. Die Industrieproduktion sank im April zum ersten Mal in zehn Monaten, wegen eines Rückgangs bei den Autoherstellern um 12 Prozent gegenüber dem Vormonat. Der wichtigste Grund: Stockende Lieferungen von Teilen aus Japan. Kein Wunder, dass die mit Zahlen besonders gut versorgte Fed bereits Ende April ihre BIP-Prognose von 3,4 bis 3,9 Prozent auf jetzt 3,1 bis 3,3 Prozent revidierte.

Wie zur Bestätigung meldete vergangene Woche die Notenbankzweigstelle in Philadelphia für ihre Wirtschaftsregion den schwächsten Industrieindex seit sieben Monaten. Die Häuserverkäufe gingen im April scharf zurück, die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe stieg wieder über 400.000 je Woche.

"Der private Konsum ist ziemlich schwach, und die Haushalte werden in den nächsten Monaten vorsichtig ihr Geld ausgeben", sagt Guy LeBas, Bondstratege beim Vermögensberater Janney Montgomery Scott in Philadelphia vorher. Währenddessen sieht Nouriel Roubini von der New York University - der die Finanzkrise vorhersah - die Börsen am Beginn einer Korrektur: "Daten aus den USA, Japan, Europa und China künden von einer wirtschaftlichen Abkühlung", sagt Roubini.

Im Nachbarland Kanada kommt der Konjunkturexperte Douglas Porter bei der Investmentbank BMO Capital Markets in Toronto zu dem Schluss: "Nach einem überraschend kräftigen Start ins Jahr hat das globale Wachstum in den vergangenen Wochen heruntergeschaltet". Beobachter wie der Bondexperte Jeffrey Gundlach bei Double Line Capital und David Blitzer im Case-Shiller-Ausschuss, der den viel beachteten Preisindex für den US-Immobilienmarkt erstellt, sehen äußerst schwache Häuserpreise als eine Gefahr, die die Banken erneut in Bedrängnis und die Konjunktur in eine Rezession führen kann.

Japan in der Rezession

Auch die globalen Zugpferde in Asien beginnen, Vitalität zu verlieren. Japan - immerhin die drittgrößte Volkswirtschaft auf dem Globus - stürzte mit einem Einbruch von 3,7 Prozent beim BIP im ersten Quartal zurück in die Rezession. Die Industrieproduktion ist seit dem Erdbeben im freien Fall.

In China, wo die Notenbank seit Oktober vier Mal die Zinsen anhob und die Reservevorschriften für die Banken seit Jahresbeginn fünf Mal verschärfte, bleibt die Inflation mit 5,3 Prozent im April halsstarrig hoch. Währenddessen schwächt sich die Industrieproduktion auf einen Zuwachs von 13,4 Prozent ab. Der jetzt führungslose IWF hat kürzlich seine BIP-Prognose für China auf 9,9 Prozent im laufenden Jahr angehoben. Goldman Sachs  dagegen korrigiert seine Prognose auf "nur" noch 9,4 Prozent. Der Verlust an Dynamik in der chinesischen Konjunktur sei "schärfer und ausgedehnter" als zuvor angenommen.

Die OECD hat in der vorigen Woche ihre Chinaprognose reduziert. Die jetzt zu beobachtende Abschwächung setze sich im zweiten Halbjahr fort. Die Zahlen zur Industrieproduktion und der Index der Einkaufsmanager zeigen nach unten. Marc Faber sieht China gar in eine "technische Rezession" abgleiten, was im Falle der Volksrepublik immer noch 5 bis 6 Prozent Wachstum verheißt. Doch von der Konjunkturfront kommen Nachrichten, die zu Vorsicht mahnen: In Boomprovinzen wie Zhejiang zwingen lokale Regierungen viele Firmen, den Strom zu rationieren, weil die Wirtschaft der Energiekapazität auf und davon gewachsen ist. In Branchen mit Überkapazität und geringen Margen - wie Zementherstellern und dem Stahlsektor - wird das zu Problemen führen.

In Indien schließlich, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Schwellenländer, werden ebenfalls Schleifspuren sichtbar. Steigende Zinsen und deutlich sinkende Investitionen in der Infrastruktur kündigen eine Konjunkturberuhigung an. Die OECD schätzt das BIP-Wachstum im Finanzjahr bis März 2012 auf 8,5 Prozent. Das ist deutlich weniger als die 9,6 Prozent vom Vorjahr. Und Finanzminister Pranab Mukherjee geht sogar nur von 8 Prozent aus.

Anleger, Topmanager und Ökonomen werden in den kommenden Monaten vor allem eines brauchen: Gute Nerven und Geduld. Das zeigt auch die fast schon philosophische Zusammenfassung des kanadischen Analysten Robert Kavcic bei BMO Capital Markets: "Vier Jahre nach dem Kreditinfarkt - und zwei Jahre nach der großen Rezession - ist glasklar, dass der Weg aus einer Finanzkrise lang und zäh verläuft, und dass er in Jahren gemessen wird, nicht in Quartalen".

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