Dienstag, 25. Juni 2019

Machtpoker mit Schwellenländern Lagarde kandidiert für IWF-Spitze

Finanzministerin Lagarde: Die 55-Jährige wäre die erste Frau an der Spitze des IWF

Die französische Finanzministerin Christine Lagarde bewirbt sich für den IWF-Chefposten. Die Politikerin wird als aussichtsreichste Aspirantin gehandelt, unter anderen hat sich bereits die Bundesregierung hinter ihre Kandidatur gestellt. Kritik kommt dagegen von Seiten der Schwellenländer.

Paris/Washington/Neu Dehli - Frankreich will die IWF-Spitze nicht so schnell aus der Hand geben: Die französische Finanz- und Wirtschaftsministerin Christine Lagarde hat ihre Kandidatur für die Nachfolge ihres in den USA angeklagten Landsmannes Dominique Strauss-Kahn angekündigt. "Falls ich gewählt werde, würde ich meine Erfahrung als Anwältin, Unternehmenschefin, Ministerin und auch als Frau zur Verfügung stellen", sagte sie am Mittwoch in Paris. Lagarde wäre die erste Frau auf dem IWF-Chefposten und würde zur mächtigsten Bankerin der Welt aufsteigen.

Sie könne auf die Unterstützung mehrerer Länder auch außerhalb Europas zählen, sagte die 55-Jährige. Ob sie die einzige Kandidatin Europas sei? "Das entscheidet sich am 10. Juni", sagte sie lächelnd. Dann endet die Bewerbungsfrist für den Chefposten des Internationalen Währungsfonds (IWF). Der bisherige IWF-Chef Strauss-Kahn war vergangene Woche von seinem Posten zurückgetreten, nachdem er in New York wegen des Vorwurfs der versuchten Vergewaltigung festgenommen worden war.

Die Bundesregierung und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso unterstützten umgehend Lagardes Kandidatur. Regierungssprecher Steffen Seibert lobte die 55-jährige Französin als "Person von hoher fachlicher Kompetenz", die auch auf internationalem Parkett große Erfahrung habe. Seibert betonte insbesondere, dass Lagarde "bestens vertraut" mit der Schuldenkrise einiger europäischer Staaten sei. Deshalb könnte sie "bruchlos" in die neuen Aufgaben wechseln.

Droht Lagarde ein Stolperstein?

Lagarde gilt zwar als Idealbesetzung. Doch Kritiker monieren, eine hochkochende Affäre um den Geschäftsmann Bernard Tapie könnte für sie noch zum Stolperstein werden. Dies scheint ihr jedoch keine Bauchschmerzen zu bereiten. "Ich habe ein reines Gewissen und immer das Gesetz beachtet", sagte sie. Selbst wenn es ein Justizverfahren gäbe, würde sie an ihrer Kandidatur festhalten.

Ihr wird vorgeworfen, Beihilfe zur Veruntreuung öffentlicher Gelder geleistet zu haben. Lagarde hatte 2008 zugestimmt, dass dem mit dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy vertrauten Tapie im Streit mit der Bank Crédit Lyonnais eine Rekordentschädigung in Höhe von 285 Millionen Euro zugesprochen wurde. Die Opposition hatte diesen Deal heftig kritisiert.

Eigentlich hatte sie nur antreten wollen, wenn Europa sich zuvor auf eine gemeinsame Kandidatur geeinigt hätte. Das ist zumindest offiziell nicht der Fall. Lagarde versicherte aber, dass sie mit Jean-Claude Juncker, dem Chef der Eurogruppe, in engem Kontakt stehe. Und natürlich stehe auch die französische Regierung hinter ihr. Lagarde gilt als Schwergewicht in der Regierung von Sarkozy.

Mehrere Schwellenländer hatten zuvor kritisiert, dass Europa die Spitzenposten der Finanzinstitution als Erbhöfe betrachte. Möglicherweise hat dies Lagarde bewogen, ihre Kandidatur selber anzukündigen. "Europäerin zu sein sollte weder ein Vorteil noch ein Nachteil sein", meinte sie. In dem Bewerbungsverfahren zähle letztlich die Kompetenz.

Bislang war nur eine einzige weitere Bewerbung angekündigt worden: Der große IWF-Kreditnehmer Mexiko will seinen Zentralbankchef Agustín Carstens ins Rennen schicken. "Wir haben miteinander telefoniert und freuen uns, gegeneinander anzutreten", sagte Lagarde. Falls sie gewählt werde, wolle sie den von Strauss-Kahn eingeschlagenen Reformkurs fortsetzen, der dem IMF eine sozialere Dimension gegeben hatte. "Die Institution ist sehr anpassungsfähig", sagte Lagarde.

Sollte sie den Posten bekommen, würde sie in das Land ihrer früheren Karriere als Juristin zurückkehren. Sie leitete in Chicago eine der weltgrößten Anwaltskanzleien, bevor sie 2005 in die Politik wechselte. Schon damals war sie "die erste Frau in dieser Position", ebenso wie später als erste weibliche Wirtschafts- und Finanzministerin Frankreichs - und möglicherweise bald als erste Frau an der Spitze des IWF.

mg/afp/dpa

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