Stromausfälle Firmen in China rüsten für den Blackout

Es ist eine Bremse für Chinas Aufschwung: Den Kraftwerken des Landes geht die Kohle aus. Der Brennstoff ist auf dem Weltmarkt zu teuer, 20 Provinzen haben bereits Strom rationiert. Jetzt rüsten sich auch Deutschlands Firmen in China für den großen Blackout.
Von Christiane Kühl
Kohlekraftwerk in Peking: Im Sommer übersteigt der Strombedarf Chinas regelmäßig die Kapazitäten

Kohlekraftwerk in Peking: Im Sommer übersteigt der Strombedarf Chinas regelmäßig die Kapazitäten

Foto: REUTERS

Peking - Es war mehr als ein kleines Warnsignal: Im April wurde jeden dritten Tag der Strom abgestellt. Anfang Mai war es schon jeder zweite Tag. "Jetzt ist es etwas besser, im Moment schalten sie nur noch jeden vierten Tag ab", sagt ein Manager der Huada Toy Manufacturing Factory aus Cixi in der Provinz Zhejiang. "Unsere Produktion beeinträchtigt das bisher nicht so sehr, denn wir können unseren Strom mit einem Generator selbst erzeugen. Aber das kostet natürlich mehr - zwischen 5 und 15 Prozent."

So wie der Spielzeugfabrik in Cixi geht es derzeit vielen Firmen entlang der dicht bevölkerten und hoch entwickelten Küste Chinas. Den Provinzen fehlt Strom, und so rationieren sie die Elektrizität für die Fabriken. Diese müssen entweder Produktionsausfälle hinnehmen oder - wie Huada - sich einen Dieselgenerator anschaffen. Beides ist für kleinere Privatfirmen mit knappen Margen eine große Last. Und die wiegt dieses Jahr besonders schwer. Denn 2011 fehlt China so viel Elektrizität wie seit Jahren nicht mehr.

Zwar wird in den heißen Sommern des Landes regelmäßig der Strom knapp, wenn bei Temperaturen von knapp 40 Grad überall stromfressende Klimaanlagen in Wohnanlagen und Fabriken surren. Doch dieses Jahr kommen viele Faktoren zusammen.

Zum einen steigt die Nachfrage besonders rasant. Der Stromverbrauch hat im ersten Quartal 2011 um 12,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 1,09 Billionen Kilowattstunden zugelegt - während die Gesamtwirtschaft um 9,6 Prozent wuchs. Ein Grund: Das von Peking in der Wirtschaftskrise aufgelegte Konjunkturprogramm finanzierte vor allem den Ausbau energieintensiver Schwerindustrie.

Etwa 20 Provinzen mussten bereits Strom rationieren

Zum anderen wächst dieses Jahr das Angebot an Strom besonders langsam. Die Kohlevorräte der Kraftwerke gehen zur Neige, denn aufgrund des gestiegenen Kohlepreises auf den Weltmärkten zögern sie mit dem Ankauf des Rohstoffs. Die Kraftwerke können Kostensteigerungen nicht an die Verbraucher weitergeben, weil die Regierung den Strompreis festsetzt.

Daher investieren sie auch wenig - der Ausbau an Kapazitäten stockt, auch wenn China die Atomkraft gewaltig ausbauen will. In Zhejiang etwa ging in diesem Jahr bisher kein einziges neues Kraftwerk ans Netz. Parallel herrscht Dürre im ganzen Land, sodass die Pegel hinter Chinas vielen Wasserkraftwerken absinken - und diese weniger Strom produzieren. Das China Electricity Council (CEC), eine Vereinigung von Stromfirmen und Institutionen, erwartet, dass in den Sommermonaten im ganzen Land rund 30 Millionen Kilowatt an Kapazitäten fehlen. So viel, wie die gesamte Stromkapazität der Provinz Anhui mit rund 60 Millionen Einwohnern.

"Das Angebot an Kohle, Öl und Strom ist in vielen Regionen knapp, und der Blick in die Zukunft gibt keinen Anlass für Optimismus", warnte kürzlich Liu Tienan, Direktor der Nationalen Energiebehörde. China müsse sich energisch auf den Spitzenbedarf im Sommer vorbereiten. Rund 20 Provinzen mussten nach Angaben der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC) in diesem Jahr bereits Strom rationieren.

Sechs bis acht Stunden Dunkelheit

Der Provinz Zhejiang, Zentrum der chinesischen Privatwirtschaft, fehlen derzeit etwa 3,5 Millionen Kilowatt an Kapazitäten. Im benachbarten Jiangsu sind es sogar elf Millionen Kilowatt. In Jiangsu, westlich von Shanghai gelegen und eine der reichsten Provinzen Chinas, stehen auch viele Fabriken deutscher Firmen.

Hier lag der industrielle Stromverbrauch im Februar im Schnitt um 23 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Aufstrebende Städte wie Changzhou, Yangzhou oder der Hafen Lianyungang meldeten sogar 30 Prozent mehr Verbrauch. Jiangsu sei besonders schlimm getroffen, sagt Bernd Reitmeier, der viele Jahre bei der Außenhandelskammer in Shanghai gearbeitet hat und nun mit "Startup Factory" eine Art Inkubator für deutsche Mittelständler in der Stadt Kunshan in Jiangsu aufbaut. "Übers Jahr fehlen etwa 10 Prozent des Bedarfs. Das heißt, in den Sommermonaten wird es deutlich mehr sein."

Den Fehlbetrag, der durch Rationierung eingespart werden muss, verteile die Provinzregierung auf die einzelnen Distrikte und Industrieparks. Ausnahmen gebe es dort, wo Stromausfälle "technisch problematisch oder gar gefährlich" seien, so Reitmeier. So bleiben alle Arten von Öfen verschont, ebenso wie Stahl- und Chemiewerke, die Tage brauchen, um nach einem Ausfall wieder hochzufahren. Normale Fließbänder aber, die man problemlos ab- und anschalten kann, müssen abgestellt werden. Reitmeier geht davon aus, dass dies in Kunshan im Juli einmal pro Woche für sechs bis acht Stunden der Fall sein wird.

Die Fabrik des Autozulieferers Contitech im nahen Changshu darf an sogenannten "Power Limit"-Tagen nur 10 Prozent der installierten Leistung der Trafo-Station des Werks nutzen. Das werde vom lokalen Strombüro strikt kontrolliert, sagt Torsten Laufer, General Manager von Contitech China Rubber & Technology. 2010 gab es zehn "Power-Limit"-Tage. Dieses Jahr werden es etwas mehr, erwartet Laufer - im Juli bis zu zwei pro Woche.

Subventionen für den Dieselkauf

Die Contitech-Fabrik arbeitet im Drei-Schicht-Betrieb, fünf Tage die Woche. Bisher kann also Arbeit von dem betroffenen Tag auf das Wochenende verlegt werden. "Wer an der Kapazitätsgrenze produziert, hat allerdings große Probleme", sagt Laufer. Er überlegt bereits, einen Dieselgenerator anzuschaffen, für den Fall der Fälle: "Auch wenn ich glaube, dass dies der falsche Weg ist." Dieselgeneratoren seien schmutzig und ineffizient.

Die knatternden Stromspender widersprechen Chinas Streben nach sauberer und umweltfreundlicher Produktion. Doch selbst moderne Industrieparks fördern nun die Generatoren; sie haben den angesiedelten Firmen in aller Regel eine sichere Stromversorgung versprochen - was sie nun nicht halten können. In Changshu etwa zahlt die Parkverwaltung daher Subventionen für den Dieselkauf.

Eine kurzfristige Besserung der Lage ist nach Ansicht von Experten nicht in Sicht. Das CEC erwartet gar, dass die Knappheit zur Mitte des laufenden Fünfjahresplans (2001 - 2015) noch schlimmer wird.

Kohlevorrat unter die Warnschwelle gerutscht

Da der Aufbau von neuen Kraftwerken der rasant anschwellenden Nachfrage hinterherhinkt, wird sich die Versorgungslücke weiter öffnen. Allein in Jiangsu könnten zwischen 2011 und 2015 rund 15 Millionen Kilowatt fehlen.

Zwar erhöhte die NDRC den Strompreis in 16 Provinzen um etwa 0,012 Yuan pro Kilowattstunde - als Anreiz zum Stromsparen sowie als Hilfe für die Kraftwerke. Doch der neue Preis reicht nicht, um die Kraftwerke rentabel zu machen.

"Für viele Kraftwerke gilt: Je mehr Strom sie produzieren, desto größer sind ihre Verluste", sagte Xue Jing, Statistikdirektor des CEC. Viele Experten fordern daher, mehr Marktmechanismen im Energiesektor zuzulassen - etwa durch Strompreisliberalisierung. Das scheut Peking bisher - auch aus Sorge vor der Wut der Verbraucher, die derzeit ohnehin mit einer Inflationsrate von 5 Prozent klarkommen müssen. Xue Jing schlägt zudem vor, dass die Regierung klammen Kraftwerken Subventionen zum Kohlekauf geben und generell Pläne zur ausreichenden Kohlevorratshaltung aufstellen sollte.

Angesichts der hohen Kohlepreise schieben die Kraftwerke den Ankauf des Rohstoffs derzeit auf die lange Bank. Im April war daher der Kohlevorrat in den großen Kraftwerken des Landes nach offiziellen Angaben auf 53 Millionen Tonnen zurückgegangen, genug für 14 Tage - weniger als Chinas offizielle Warnschwelle von 15 Tagen.

Stromversorgung dreht sich im Kreis

China kann nun versuchen, den Aufbau neuer Kraftwerke stärker zu forcieren. Außerdem setzt Peking - neben der Atomkraft - auf den kräftigen Aufbau erneuerbarer Energien und subventioniert das auch mit Milliarden. Doch bis all das Erfolg hat, werden Jahre vergangen sein.

Kurzfristig versuchen die am stärksten betroffenen Provinzen, sich bei den Nachbarn zu bedienen. Zhejiang bezieht nach Angaben des lokalen Stromnetzbetreibers seit Anfang des Jahres Strom aus anderen Provinzen; derzeit etwa zehn Millionen Kilowattstunden am Tag. Doch auch Inlandsprovinzen wie Jiangxi oder Hunan geht zunehmend die Elektrizität aus.

Daher bleibt den Provinzen und ihren Firmen vorerst nur eins: Zu hoffen, dass dieser Sommer vergleichsweise kühl ausfallen wird. Und die Regierung muss bereits an der nächsten Baustelle basteln. Da so viele Firmen sich Dieselgeneratoren anschaffen, setzte Peking vergangene Woche den Export des Treibstoffs aus.

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