Griechenlands Wirtschaft Dauerpatient ohne Sauerstoff

Ob Griechenland wirtschaftlich wieder auf die Beine kommt, ist unsicherer denn je. Allianz-Chef Michael Diekmann fordert einen Marshallplan, die Regierung bietet ihr Tafelsilber feil. Doch weil Kreditklemme und Korruption die Firmen frustrieren, bleibt unklar, wer investieren und so das Land retten kann.
Einsamer Tourist bei Athen: Griechenland geht die Puste aus

Einsamer Tourist bei Athen: Griechenland geht die Puste aus

Foto: A3644 epa ANA PANTZARTZI/ dpa

Hamburg - Die Rahmenbedingungen für Investitionen in Griechenland haben sich zuletzt dramatisch verschlechtert. Acht von zehn Kreditanträge lehnen Banken ab, schätzen Unternehmensverbände. Der Staat als Auftraggeber zahlt seine Rechnungen oft nicht mehr. Und die Binnennachfrage ist angesichts von Steuererhöhungen und Sparprogrammen zuletzt eingebrochen.

Da mutet der Vorschlag des Allianz-Vorstandschefs Michael Diekmann reichlich ambitioniert an, Griechenlands Wirtschaft durch eine Art Marshallplan für Unternehmen wieder in die Spur zu bringen. "Es müsste Arbeit und Produktion aus ganz Europa in das Land verlagert werden. Was spricht dagegen, Fabriken nach Griechenland statt nach Osteuropa oder Asien auszulagern?", sagte er der "Bild"-Zeitung.

Tatsächlich hat Griechenland in den vergangenen Jahrzehnten einen beispiellosen Niedergang weiter Teile seiner Wirtschaft erlebt. Das macht die Lage derzeit so hoffnungslos, während Europas Regierungen über immer neue Hilfspakete für Hellas nachdenken und die griechische Regierung ihr letztes Tafelsilber verkaufen will, um den Staatsbankrott abzuwenden.

Investoren hat Griechenland bitter nötig, wenn die Wirtschaft wieder auf die Beine kommen soll. Eines der deutlichsten Symptome der Schwäche ist das chronische Außenhandelsdefizit der Griechen. Im vergangenen Jahr betrugen die Ausfuhren ganze 16,2 Milliarden Euro, während sich die Einfuhren auf 47,7 Milliarden Euro beliefen. Allein der Import von Maschinen und Fahrzeugen wog fast den Export aller griechischen Erzeugnisse auf. Der Tourismus glättet das Bild in der Leistungsbilanz regelmäßig ein wenig, aber nicht so sehr wie es nötig wäre.

Direktinvestitionen auf Tiefstand

Kein Wunder, dass sich die Begeisterung für ein Investment an der Ägäis in Grenzen hält. "Wir werden in Griechenland sicher nicht viel mehr machen als zur Zeit", heißt es in Kreisen eines deutschen Industriekonzerns. Die Zahlungsmoral der öffentlichen Hand sei schlecht, der Markt liege am Boden.

Die Werte für ausländische Direktinvestitionen legen nahe, dass sich an der bedenklichen Lage unter gleichbleibenden Bedingungen so schnell nichts ändern wird. Sie erreichten 2010 ein Mehrjahrestief und summierten sich auf 2,2 Milliarden Euro.

"Die Firmen benötigen stärkere Anreize, damit sie in Griechenland investieren", klagt der Geschäftsführer der Deutsch-Griechischen Industrie- und Handelskammer in Athen, Martin Knapp. Im Moment herrsche Stillstand, obwohl Potenzial vorhanden sei - in den Bereichen Software, erneuerbare Energien, Pharma- und Landwirtschaftsindustrie.

Griechenland als Teil eines europäischen Sun Belt?

Die internationalen Organisationen seien gefragt, doch sie konzentrierten sich zu stark auf die reine Haushaltssanierung. "Die Operation am offenen Herzen funktioniert nicht ohne Herz-Lungen-Maschine und Sauerstoff." Mit anderen Worten: Die Realwirtschaft braucht Liquidität - notfalls in Form von staatlichen Krediten.

Dass Griechenland in der äußersten Ecke Europas liegt müsse für einen langfristigen Wiederaufbau der Wirtschaft kein Nachteil sein. "Software kann man auch unter Aleppo-Kiefern entwickeln", sagt Knapp und verweist auf das Beispiel der ehemals unterentwickelten US-Bundesstaaten Kalifornien und Florida.

Bis dorthin ist es indes ein weiter Weg. Zuletzt hat die Tendenz in Griechenland fast stetig nach unten gezeigt, die industriellen Basis des Landes ist erodiert. Nach dem Mauerfall hatten internationale Konzerne das am Rande Europas gelegene Land kaum noch auf der Rechnung. Investitionen lenkten sie nach Mittel- und Osteuropa um, wo die Löhne niedrig und die Märkte vielversprechend waren.

Bürokratie macht jeden Erfolg kaputt

"Ein Hilfsprogramm für die Privatwirtschaft wäre sinnvoll", sagt auch Commerzbank-Ökonom Christoph Weil. Solange Korruption und Vetternwirtschaft jedoch weiter blühten, komme es wohl eher einem Tropfen auf den heißen Stein gleich. Erst wenn Fördergelder nicht mehr in der Bürokratie versickerten oder nicht abgerufen würden, gebe es Aussicht auf Erfolg.

Dies ist momentan die Priorität von EU und IWF: Griechenland vor dem akuten Finanzblackout zu bewahren, Sparmaßnahmen durchzusetzen und die Korruption zu bekämpfen. Doch der Erfolg bleibt aus. "Jeder will jetzt seine Pfründe bewahren", sagt Weil, der gerade drei Tage in Athen war.

Und darunter leiden momentan nicht zuletzt internationale Unternehmen, deren Engagement das Land so dringend bräuchte. Siemens  wartet bisher vergeblich darauf, dass die Griechen Schulden in niedriger dreistelliger Millionenhöhe begleichen. Das Pharmaunternehmen Merck  hatte zuletzt von unbeglichenen Forderungen in Höhe von 50 bis 60 Millionen Euro berichtet.

Geschäfte im privaten Sektor laufen gut

Im privaten Sektor hingegen, heißt es etwa bei Siemens, liefen die Geschäfte dagegen gut. So liefert der Konzern Turbinen und Generatoren im Wert von 110 Millionen Euro für den griechischen Kraftwerksbauer Metka. Auch Handelskammer-Mann Knapp sieht Hoffnungsschimmer wie den Fall des baden-württembergischen Autozulieferers Inos. Der hat seine Belegschaft gerade ausgebaut, und nach eigenen Angaben weit mehr geeignete Bewerber vorgefunden als erwartet.

"Das Land braucht vor allem ein Wiedererstarken der industriellen Basis, also einen Anstieg des Bruttoinlandsproduktsund des Exports", hatte Siemens-Finanzchef Joe Kaeser jüngst der "Financial Times Deutschland" gesagt.

Doch was würde es bringen, jetzt Milliarden in eine Wirtschaft zu pumpen, die am Boden liegt? Zunächst wohl nur ein wenig Optimismus, den die Griechen so dringend benötigen. Herrscht in Athen doch Katastrophenstimmung aller Orten.

Langfristig ist eine florierende Realwirtschaft ohnehin unverzichtbar, um den nächsten Finanz-GAU zu verhindern. Das zeigt das Beispiel Irland. "Irland ist eine dynamische Volkswirtschaft mit einem wettbewerbsfähigen Exportsektor urteilen die Anleiheexperten von Investec Asset Management. Die grüne Insel habe deshalb gute Chance, den Bankrott zu verhindern.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.