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Inflationshochburg China: Der verzweifelte Wettlauf gegen das Preisgespenst

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Lieferanten-Hopping Deutsche Firmen tricksen gegen die China-Inflation

Chinas Inflation bereitet Sorgen: Die Regierung hält dagegen, aber die Preise steigen dennoch. Deutsche Firmen stemmen sich in Asiens Riesenreich gegen Chinas Inflationssog - und machen dafür notfalls auch mit ihren lokalen chinesischen Lieferanten kurzen Prozess.
Von Christiane Kühl

Peking - Wang Tianqiao ist erleichert. "Einige Gemüsesorten sind in den vergangenen Wochen auf dem Großmarkt wieder billiger geworden", sagt der Pekinger Obst- und Gemüsehändler und zeigt auf Kisten voller Kohlköpfe oder Spinat. "Trotzdem ist das meiste noch immer deutlich teurer als letztes Jahr."

Und nicht nur das. Wang muss auf dem Weg zum Markt jeden Tag frühmorgens zum anderen Ende der Stadt - und zahlt seit einer Benzinerhöhung vor einigen Wochen nun auch noch mehr für diese Fahrten. "Und ich kann längst nicht jede Teuerung an die Kunden weitergeben", sagt der 44-Jährige. Denn die meckern ohnehin schon, wie teuer das Obst geworden ist.

Die hartnäckige Inflation ist für Chinas Konsumenten und Produzenten zum Dauerthema geworden, aller politischen Bemühungen Pekings zum Trotz. Seit Oktober erhöhte die Zentralbank viermal die Zinsen, zuletzt am 5. April. Die Regierung erschwerte den Kauf von Wohnungen am überhitzten Immobilienmarkt. Sie warnte Gemüsebauern vor überzogenen Preissteigerungen.

Und mehrmals hob Peking die Mindestreservesätze für Banken an, die ihnen vorschreiben wieviel Kapital sie zur Sicherheit vorhalten müssen. Je höher der Satz, desto weniger Kredite können sie verleihen. Die jüngste Erhöhung tritt am 18. Mai in Kraft und bringt diese Sätze auf 21 Prozent; das ist auch im globalen Vergleich sehr hoch. Allein im April hatten die Banken umgerechnet rund 85 Milliarden Euro verliehen - weit mehr als erwartet.

Ohne all diese Maßnahmen wäre die Teuerung vermutlich noch ausgeprägter. "Der Inflationsdruck ist sehr hoch", wie Sheng Laiyun, Sprecher des Nationalen Statistikamtes, sagt. Im April ging die Teuerungsrate minimal auf 5,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück - nach einem 32-Monatshoch im März von 5,4 Prozent. Vor allem die Lebensmittelpreise stiegen mit 11,5 Prozent weiterhin stark.

Inflation kann Volksaufstände schüren

Inflation ist für China stets ein sensibles Thema. Teuerung sorgte in der Geschichte immer wieder für Unruhen - zuletzt im Vorfeld der Tiananmen-Proteste von 1989. Mitte April streikten in Shanghai drei Tage lang hunderte Lastwagenfahrer, um gegen vom Staat verordnete Benzinpreiserhöhungen zu protestieren. Die Polizei löste den Streik auf, und die Stadt versprach, den Truckern als Ausgleich lokale Gebühren zu erlassen.

Die Regierung wird daher nicht müde, öffentlich den Ernst der Lage zu betonen. "Die Inflation ist für China derzeit das größte Problem", sagte Vize-Ministerpräsident Wang Qishan kürzlich in einem Fernsehinterview in den USA. Vor einigen Wochen forderte Ministerpräsident Wen Jiabao alle Funktionäre auf, den Kampf gegen die Teuerung zur obersten Priorität zu machen. Innerhalb der Regierung gebe es allerdings unterschiedliche Meinungen, wie schlimm das Problem wirklich sei - und welche Maßnahmen am besten helfen, meint Stephen Green von der Standard Chartered Bank in Shanghai.

Mittlerweile helfen den Chinesen jene Unternehmen im Inflationskampf, um die sie jahrelang so stark gekämpft haben: die Niederlassungen internationaler Topkonzerne in China. Zwar zahlen beispielsweise europäische Firmen ihren Angestellten in China in der Regel weit mehr als den dortigen Mindestlohn. Und um attraktiv zu bleiben, erhöhen auch sie weiter die Löhne. Im Einkauf aber spüren sie den Inflationsdruck bisher nicht so sehr. Im Gegenteil: Die ausländischen Firmen befinden sich am Ende der Lieferkette und blockieren nach Aussagen von Managern Versuche der lokalen Lieferanten, die Preise für ihre Vorprodukte zu erhöhen - auch wenn darüber niemand gern öffentlich spricht.

"Da der Wettbewerb zwischen den Lieferanten sehr hoch ist, können wir es ablehnen, höhere Preise zu zahlen. Wenn jemand auf Preiserhöhungen besteht, wechseln wir eben den Lieferanten", sagt ein europäischer Manager. "Ebenso handhaben das die chinesischen Konkurrenten." Nur in Ausnahmefällen gebe man nach, sagt ein anderer Manager. "Sonst könnten ja Nachahmer kommen."

Härtester Inflationszyklus seit Jahren

Es sind also die Teilelieferanten, die auf den höheren Kosten sitzen bleiben - wie offenbar auch Chinas Exportfirmen. Diese haben bisher nicht im großen Stil höhere Preise von ihren Kunden in Europa oder den USA verlangt, schrieb Mark Williams von Capital Economics diese Woche in einer Studie. "Das bedeutet, dass chinesische Firmen höhere Kosten noch immer abfedern können." Dazu gehören neben höheren Löhnen vor allem Rohstoffe wie Öl oder Kupfer, die heute um bis zu 50 Prozent mehr kosten als vor ein oder zwei Jahren.

Auf dem Konsumgütermarkt indessen macht die Regierung Druck, dass die Teuerung möglichst wenig an Privatkunden durchgereicht wird. Quasi als Warnschuss an die ganze Branche verdonnerte die NDRC kürzlich den Unilever-Konzern zu einer Strafe von zwei Millionen Yuan (215.000 Euro). Das Unternehmen habe Preiserhöhungen für Seifen und Waschmittel in Aussicht gestellt und damit "Inflationserwartungen geschürt", so die Begründung.

Ob diese Mischung aus Dirigismus und Geldpolitik erfolgreich ist, werden die nächsten Monate zeigen. Eine Hyperinflation erwartet jedenfalls niemand - aber auch kein plötzliches Verschwinden des Problems. "Wir glauben, dass die Inflation bis zum Ende des dritten Quartals bei 5 Prozent oder mehr bleiben wird", sagt Stephen Green.

Es sei diesmal schwieriger, die Teuerung zu drücken als im letzten Inflationszyklus 2008. Zum einen seien die Preissteigerungen bei Lebensmitteln hartnäckiger. Zudem erhöhe die lockere Geldpolitik der Regierung aus den Krisenjahren 2009 und 2010 bis heute den Inflationsdruck. "Die Regierung ist diesmal zögerlicher mit Straffungsmaßnahmen. Zum einen, weil es diesmal weniger Anzeichen einer Überhitzung der Gesamtwirtschaft gibt", sagt Green. "Und zum anderen, weil Peking immer noch aufmerksam auf die Weltlage schaut."

Manche Probleme indessen lösen sich quasi von selbst - etwa beim Gemüse. Die Regierung betont zwar, dank offizieller Stichproben auf den Gemüsemärkten die Preise gedrosselt zu haben. "Ach was", winkt Wang Tianqiao ab und lächelt. "Die kontrollieren doch kaum. Das Gemüse ist billiger geworden, weil es jahreszeitlich bedingt endlich wieder mehr Produkte gibt."

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