IWF Der Krisenlöser taumelt kopflos in die Krise

Der Präsident in Haft, der Vize auf dem Rückzug - mitten im Kampf gegen existenzielle Gefahren im Euro-Raum und mitten in den Aufräumarbeiten der Finanzkrise steht der Internationale Währungsfonds plötzlich kopflos da. Der Krisenlöser IWF droht selbst in eine Krise zu taumeln.
Finanzzentrale der Welt: Gemeinsame Tagung von IWF und Weltbank in der Zentrale des Internationalen Währungsfonds in Washington

Finanzzentrale der Welt: Gemeinsame Tagung von IWF und Weltbank in der Zentrale des Internationalen Währungsfonds in Washington

Foto: Stven Jaffe/ dpa

Berlin - Für Bundeskanzlerin Angela Merkel platzte am Sonntag ein spannender Termin: Sie wollte in Berlin mit dem charismatischen Dominique Strauss-Kahn, Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), über Gefahren für das globale Finanzsystem, über die Schuldenkrisen in Griechenland, Portugal und Irland sprechen. Doch Herr Strauss-Kahn kam nicht. Er erlebt seine eigene Krise.

Der Franzose hat Ärger mit der New Yorker Polizei, weil er in einem Hotel angeblich ein Zimmermädchen sexuell belästigte. Damit steht nicht nur Strauss-Kahns Karriere - er galt als aussichtsreichster Konkurrent von Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy bei den Wahlen im kommenden Jahr - in den Sternen. Unvermittelt gerät auch der IWF, der weltweit wichtigste Krisenhelfer, zu Unzeiten in Turbulenzen.

Mitten im Kampf gegen existenzielle Gefahren im Euro-Raum, mitten in den Aufräumarbeiten nach den Erschütterungen im globalen Finanzsystem in den letzten Jahren und mitten in einem dramatischen Wandel in der Weltwirtschaft, der auch den internationalen Institutionen radikale Reformen abverlangt - steht der IWF urplötzlich kopflos da. Denn gerade einmal ein paar Tage vor dem angeblichen Fehltritt Strauss-Kahns hatte dessen Vize, der Amerikaner John Lipsky, seinen Rückzug angekündigt. Damit entsteht über die personalpolitische Frage hinaus eine international höchst unangenehme Unwucht.

IWF wurde mit Finanzkrise zum zentralen Krisenlöser

Wenn es einen Gewinner der Finanzkrise von 2008 gab, die die globale Finanzwelt in ihren Grundfesten erschütterte, dann war das der Internationale Währungsfonds. Unmittelbar zuvor waren die mit harten Auflagen verbundenen Kredithilfen des IWF kaum noch gefragt. Der Fonds taumelte der Bedeutungslosigkeit entgegen. Doch mit der Krise kam die Wende: Plötzlich war die ehrwürdige Institution mit ihren 187 Mitgliedsländern und Nothelfererfahrungen der zentrale Dreh- und Angelpunkt für alles, was mit Krisenlösung zu tun hat.

So wurden die Hilfsmittel des Fonds schnell einmal um ein paar Hundert Milliarden Dollar aufgestockt. Doch der IWF wurde nicht nur als zentraler Krisenhelfer wiedergeboren. Seine Funktion als Wächter der weltweiten Finanzstabilität wurde ausgebaut. Und mehr noch: der IWF wurde mit der Erarbeitung von Strategien betraut, wie die Finanzkrise überwunden und wie ihrer Wiederholung vorgebeugt werden kann. Er wurde wichtigster Ratgeber einer verunsicherten Politik für alles, was mit Krisen zusammenhängt. Beim IWF laufen auch die Bemühungen für eine massiv engere weltwirtschaftliche Koordination zusammen, die die Weltwirtschaft letztlich stabiler machen soll.

In diesen Funktionen spielt der IWF auch in Europa eine wichtige Rolle. Von ihm kommt rund ein Drittel der Rettungspakete für Griechenland, Irland und Portugal. Er handelt mit diesen Ländern die harten Auflagen aus, und er prüft - zusammen mit EZB und EU, ob sie eingehalten werden. Merkel und Strauss-Kahn hätten viel Gesprächsstoff gehabt.

IWF-Nachfolgeregelungen stehen im Zeichen des Umbruchs

Wenn es nun um die Nachfolge von IWF-Vize Lipsky und möglicherweise bald auch um die von Strauss-Kahn geht, wird sich zeigen, wie stark der Wandel in der Welt auch den Fonds inzwischen verändert hat. Die großen Schwellenländer wie etwa China haben schon durch die Reformen der letzten Jahre deutlich mehr Einfluss beim Fonds gewonnen. Der stand lange Zeit in dem Ruf, wesentlich von den etablierten Wirtschaftsmächten wie den USA aber auch den Europäern gesteuert zu sein.

Bisher galt die Abmachung, dass beim IWF ein Europäer an der Spitze steht und bei seiner Schwester, der Weltbank, ein Amerikaner. Noch ist diese Praxis nicht offiziell umgeworfen. Doch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sagte gerade erst im IWF-Lenkungsausschuss IMFC, "Deutschland unterstützt die Bemühungen, die Spitze und das Top-Management aller internationaler Finanzinstitutionen in einem offenen, transparenten und auf Leistungen basierenden Prozess zu bestimmen - unabhängig von Nationalität und Geschlecht." Die nächsten Wochen werden zeigen, ob der IWF schon so weit ist.

Gernot Heller, reuters
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