Weltklimarat 77 Prozent erneuerbare Energien möglich

Mehr als drei Viertel aller Energie könnte nach einer Studie des Weltklimarates IPCC im Jahr 2050 aus erneuerbaren Quellen stammen. Voraussetzung sind optimale politische Bedingungen und hohe Investitionen, wie aus einem Report des Weltklimarates IPCC hervorgeht.
Windkraftanlagen in Brandenburg: "Das technische Potenzial der erneuerbaren Energien ist letztlich größer als der Energiebedarf"

Windkraftanlagen in Brandenburg: "Das technische Potenzial der erneuerbaren Energien ist letztlich größer als der Energiebedarf"

Foto: dapd

Abu Dhabi - Die Hauptergebnisse des 900 Seiten umfassenden Report des Weltklimarates IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) wurden am Montag in Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten präsentiert. Für den Report hatten 120 Forscher den Stand der Literatur zusammengefasst.

Die fossilen Rohstoffe Kohle, Öl und Gas stellten laut IPCC nach jüngsten verfügbaren Daten von 2008 rund 85 Prozent der genutzten Energie bereit, die Atomkraft lag bei 2 Prozent. Die erneuerbaren Energien boten insgesamt etwa 13 Prozent.

Knapp die Hälfte davon (6 Prozent) entfallen allerdings auf traditionelle Holz- und Dungverbrennung, rund 4 Prozent auf effizientere Bio-Energie wie moderne Holzschnitzelanlagen und Biotreibstoff. Es folgen Wasserkraft (2,3 Prozent), Windkraft (0,2 Prozent), Solarenergie und Erdwärme (je 0,1 Prozent) sowie Meeresenergie (0,002 Prozent).

Derzeit werde der Klimawandel keinesfalls begrenzt, sagte einer der drei leitenden Autoren des Reports, Prof. Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung in Abu Dhabi. "Wir beobachten einen enormen Anstieg bei der Emission von Treibhausgasen." Der technische Fortschritt im Bereich der erneuerbaren Energien sei in den vergangenen Jahren jedoch beeindruckend gewesen. Einige Energiequellen an einzelnen Standorten seien bereits wettbewerbsfähig.

Notwendig sei nun der politische Wille, um diesen Fortschritt adäquat zu nutzen. "Das weltweite technische Potenzial der erneuerbaren Energien ist letztlich größer als der Energiebedarf", fügte er hinzu.

Zuwachsraten im zweistelligen Bereich

Die modernen erneuerbaren Energien werden dem Bericht zufolge immer günstiger und haben Zuwachsraten im zweistelligen Bereich. Der IPCC hat 164 Zukunftsszenarien berechnet, die verschiedene politische und wirtschaftliche Ausgangsdaten hatten und vier beispielhafte davon genauer analysiert.

Das Ergebnis: Je nach Unterstützung durch Politik und Wirtschaft können die erneuerbaren Energien 2050 einen Anteil von bis zu 77 Prozent erreichen.

Geothermie könnte demnach bis 2050 beispielsweise 3 Prozent des weltweiten Stroms und 5 Prozent der Wärme stellen. Bei der Solarenergie gab es je nach Szenario eine weite Spanne von unter 10 Prozent bis zu einem Drittel der Stromversorgung. Windkraft könne auf über 20 Prozent steigen. Hinzu kommen Wasserkraft und Bioenergie.

In den vier beispielhaften Szenarien gingen die Forscher für den Zeitraum von 2011 bis 2020 von Investitionen in Höhe von 1360 bis 5100 Milliarden US-Dollar (949 bis 3562 Mrd Euro) aus. Für das folgende Jahrzehnt waren es 1490 bis 7180 Milliarden US-Dollar (1041 bis 5014 Mrd. Euro). Das Geld müsse aus einem weiten Spektrum an Finanzquellen von Politik und Wirtschaft kommen. Laut IPCC werden die Kosten für die erneuerbaren Energien jedoch nicht höher sein als ein Prozent des weltweiten Bruttosozialproduktes.

Derzeit würden die künftigen Gewinne der erneuerbaren Energien oftmals zu wenig in die Kalkulationen einbezogen. Zudem würden die "Nebenkosten" der fossilen Energien wie Erderwärmung und Gesundheitsschäden zu gering angesetzt.

560 Gigatonnen Kohlendioxid einsparen

"Der Report zeigt, dass es wissenschaftlich keine Probleme gibt, die Welt mit alternativen Energien zu versorgen", sagte Mitautor Sven Teske von Greenpeace International. "Technisch könnten die 560 Gigatonnen (Milliarden Tonnen) Kohlendioxid mit erneuerbaren Energien eingespart werden, die wir brauchen, um die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen", sagte er mit Blick auf den Jahresausstoß 2050. Daneben müsse die Waldzerstörung zurückgehen. "Der Report ist ein Meilenstein auf dem Weg zu 100 Prozent erneuerbare Energien", lobt auch Stephan Singer von der Umweltstiftung WWF.

Greenpeace und WWF waren in eigenen Analysen allerdings zu dem Ergebnis gekommen, dass die erneuerbaren Energien 100 Prozent erreichen können. Auch Hans-Josef Fell, Sprecher für Energiepolitik der Grünen-Bundestagsfraktion sagte: "Die kalifornischen Universitäten Stanford und Davis haben die Machbarkeit und die wirtschaftlichen Vorteile einer globalen Vollversorgung mit 100 Prozent erneuerbare Energien längst nachgewiesen."

Vertreter von mehr als 100 Ländern hatten von Donnerstag bis Montag um jeden Satz der 30-seitigen Zusammenfassung des Reports für Politiker gerungen, bevor sie verabschiedet wurde. Insbesondere Brasilien sowie die Ölstaaten Saudi Arabien und Katar hatten nach Angaben von Greenpeace die Verhandlungen immer wieder verzögert und Kernaussagen des Reports in der Kurzfassung für Politiker verwässert.

Dass der Report gerade in der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate verabschiedet wurde, ist kein Zufall. Der Staat strenge sich sehr an, seinen Energiemix zu verändern, und sei dabei, eines der führenden Länder im Bereich saubere Energie zu werden, sagte der Politische Direktor der Emirates Wildlife Society, Tanzeed Alam.

Die Ökostadt Masdar unweit von Abu Dhabi soll Brutkasten für alternative Energietechnik und klimaneutral werden. Auch Siemens  ist an ihrem Bau beteiligt. Zudem hat die Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) ihren Sitz in dem Wüstenstaat

la/dpa-afx
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