Montag, 21. Oktober 2019

Griechenland-Chaos USA fordern den Insolvenzverwalter

Fotostrecke: Amerikas radikale Griechenland-Forderungen
AP

Amerika fordert die Europäer auf, Griechenland zu einem Schuldenschnitt zu zwingen. Eine Umschuldung sei selbst dann sinnvoll, wenn das griechische Bankensystem dabei vor die Hunde gehe. Die radikale Forderung des Weltschuldnerlands USA hat einen Grund.

Vancouver - Wenn US-Medien über die Schuldenkrise in Europa berichten, klingt zwischen den Zeilen oft Unverständnis durch. Als das Wall Street Journal vor wenigen Tagen die Lage in Spanien analysierte und der Frage nachging, ob das Land sich im Schuldendrama am Ende als "Domino oder als Damm" entpuppt, konnte sich das respektierte Blatt einen Seitenhieb auf EU-Währungskommissar Olli Rehn nicht verkneifen. Der hatte gerade zu Protokoll gegeben, dass eine Umschuldung für Griechenland "keine Option" sei.

"Er hat gar nicht erklärt", so das Blatt, "wie ein Land das auf zweijährige Anleihen 18 Prozent Zinsen zahlt, und dessen Bruttoinlandsprodukt (BIP) jährlich um 3 Prozent schrumpft, sich aus dieser Schuldenfalle befreien kann". Auch die jetzt verstärkt diskutierte Möglichkeit, die Laufzeiten für Griechenlands Schulden zu strecken, wird vom Tisch gewischt. CNBC zitiert Andrew Bosomworth, Manager beim größten Anleihefonds der Welt, Pimco, mit dem Hinweis: "Eine spätere Fälligkeit löst nicht Griechenlands Einnahmen- und Schuldenproblem, es wird die Schulden des Landes nicht reduzieren und damit den Märkten keinen Appetit auf den Kauf weiterer Anleihen machen".

So oder so ähnlich lautet der Befund in den meisten großen Zeitungen Nordamerikas: Ein Schuldenschnitt sei am Ende gar nicht abzuwenden.

Dabei werden dann gerne Wall-Street-Gurus und im TV-Geschäft erfahrene Professoren wie Nouriel Roubini von der New York University zitiert: "Im Fall Griechenland geht es nicht darum ob, sondern wann es einen Schuldenschnitt gibt", sagt Roubini, dessen Prognose der Finanzkrise ihm den Spitznamen "Dr. Doom" eintrug. Kein Verständnis hat man auf der anderen Seite des Atlantiks auch für die Erleichterungen, die den Griechen auf ihre Schulden aus dem Bailout gewährt wurden, darunter niedrigere Zinsen.

Über den wichtigsten Grund für die Misere scheinen sich auch die meisten einig zu sein: "Europas Politiker haben schlicht die Diagnose falsch gestellt", zitiert Marketwatch eine ganze Reihe von Experten. Die europäischen Abgeordneten hätten im Falle Griechenlands "ein Liquiditätsproblem, das man durch den Verkauf von Anleihen beheben kann, mit einem Solvenzproblem". Folgerichtig werden auch die Rettungsversuche seit dem Mai 2010 als erfolglos bezeichnet. "Die Bailout-Formel der europäischen Politiker zeigt keine Wirkung", kommentiert die New York Times. Ein Entkommen aus der Schuldenfalle, so die liberale Zeitung, "erfordert normalerweise eine Abwertung, aber die kommt ja hier nicht infrage".

Sinkender Lebensstandard, eisernes Sparen

Am Jahrestag des Bailouts für Griechenland im Mai schrieb der Christian Science Monitor, die bisher verteilten Finanzfallschirme für Griechenland, Irland und Portugal würden diese Länder zu fiskalischen Grausamkeiten verdonnern. Die Folge seien jahrelang eisernes Sparen, weniger öffentliche Dienstleistungen, geringere Lebensstandards sowie Schneckentempo beim Wachstum.

Dafür, so der Monitor, gebe es jedoch eine Alternative: Der Schuldenschnitt. Er habe zwar Proteste zur Folge, würde aber am Ende klare Verhältnisse schaffen und wieder Wirtschaftswachstums ermöglichen. In Europa jedoch habe man sich dagegen entschieden. "Man will die Besitzer von Anleihen und die Aktionäre der Banken schonen, zu Lasten der Steuerzahler". Die Kommentatoren des Blatts haben den Eindruck, dass es darum ging, "den Euro und die Banken zu schützen".

Beobachtern in Nordamerika will es nicht einleuchten, dass die volle Rückzahlung von Anleihen trotz des für Investoren bekannten Risikos garantiert sein soll. Ein Argument, das den USA als größter Schuldner gegenüber dem Rest der Welt leichter fällt als anderen. Man könnte ja irgendwann selbst in die Verlegenheit kommen, von den Gläubigern einen Verzicht zu verlangen. Der simple Befund, auf dessen Basis in Amerika das Problem auf der anderen Seite des Atlantiks erörtert wird, lautet jedenfalls so: "Je länger gewartet wird, desto tiefer das Loch, in dem sich Griechenland befindet".

Für die Position der Deutschen, die im Gegensatz zum Rest Europas laut über eine Umschuldung für Griechenland nachdenken, hat man in Nordamerika aufgrund dieser Betrachtung offen Sympathie. Auch die politischen Zwänge in Deutschland werden gesehen: "Die Deutschen schreiben bei Europas Bailouts die größten Schecks", konstatiert die kanadische Globe and Mail, "daher wagen sich Politiker unter dem Druck ihrer Wähler, die es leid sind ständig die Rechnungen zu begleichen, weiter aus dem Fenster". Gleich mehrmals wird der Analyst der amerikanischen Citigroup, Stefan Nedialkov, mit den Worten zitiert, "der Haircut für Griechenland sollte so schnell wie möglich über die Bühne gehen".

© manager magazin 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung