Sorge um US-Wirtschaft Bernanke lässt Geldschleusen offen

Die US-Notenbank Fed bleibt ungeachtet der Zinswende in Europa geldpolitisch auf dem Gaspedal und lässt die Zinsen in den USA unverändert. Notenbankchef Ben Bernanke begründete dies in der erste Pressekonferenz der Fed nach einer Zinsentscheidung mit dem wackeligen Aufschwung. Die Wall Street reagiert erfreut.
Bernanke schreibt Geschichte: Der US-Notenbankchef gibt die erste Pressekonferenz der Fed nach einer Zinsentscheidung

Bernanke schreibt Geschichte: Der US-Notenbankchef gibt die erste Pressekonferenz der Fed nach einer Zinsentscheidung

Foto: Susan Walsh/ AP

Washington - Die Inflation habe zwar wegen der teureren Energie und der höheren Rohstoffpreise angezogen, sagte Fed-Chef Ben Bernanke in der ersten Pressekonferenz in der 97-jährigen Geschichte der US-Notenbank nach dem Zinsbeschluss. Doch dieser Effekt sei vorübergehend. "Die Fed kann dagegen nicht viel tun, ohne die Wirtschaft aus dem Trott zu bringen", sagte er.

Der Dollar gab nach der Pressekonferenz nach. Den Leitzins beließen die Währungshüter in der Spanne zwischen Null und 0,25 Prozent. Das Staatsanleihen-Ankaufprogramm läuft bis Ende Juni weiter.

Auch nach dem Ende des 600-Milliarden-Dollar schweren Programms werde die Bilanz der Fed nicht rapide zusammenschmelzen, sagte Bernanke. Damit dürfte die Fed weiterhin die Einnahmen aus auslaufenden Papieren nutzen, um sich am Markt wieder einzudecken. Ein Ausverkauf am Anleihemarkt, wie ihn einige Investoren befürchtet hatten, steht daher wohl nicht bevor.

Die Frage ist aber nun, wann die Fed die Geldpolitik wieder strafft. Bernanke hielt sich zu Details bedeckt, sagte aber, es könnte ein erster Schritt sein, die auslaufenden Anleihen nicht mehr zu ersetzen. Experten gehen nicht von einer schnellen Zinswende aus: Die erste Zinserhöhung stehe wohl erst 2012 an, sagte Commerzbank-Experte Bernd Weidensteiner. "Irgendwann im späten Sommer oder im Herbst dürfte die Fed die geldpolitische Wende signalisieren."

Geringe Kreditvergabe Schuld am schwachen Wachstum

Sorgen bereitet den Notenbankern der weiterhin wackelige Aufschwung in den USA. Zwar hat die weltweit größte Volkswirtschaft die Rezession inzwischen weit hinter sich gelassen. Doch das Wachstum reicht nicht aus, um die Arbeitslosigkeit deutlich abzubauen.

Die Wachstumsprognose schraubte die Fed nach unten. Die Notenbanker rechnen nun für 2011 mit einem Wirtschaftswachstum zwischen 3,1 und 3,3 Prozent. Im Januar sagten sie noch ein Wachstum von 3,4 bis 3,9 Prozent voraus.

Für das schwächere Wachstum sei die schwache Kreditvergabe sowie die anhaltende Schwäche am Häusermarkt verantwortlich. Hinzu kämen eine relativ hohe Arbeitslosigkeit, hohe Benzinpreise und viele Zwangsvollstreckungen. Dies sei eine "fürchterliche Kombination", sagte Bernanke. Die wirtschaftliche Erholung dürfte daher zunächst moderat bleiben, sich jedoch mittelfristig wieder beschleunigen. Im ersten Quartal dieses Jahres rechnet der Fed-Chef mit einem Zuwachs von etwas weniger als 2 Prozent - im vierten Quartal 2010 waren es noch 3,1 Prozent. Die Quartalszahl wird an diesem Donnerstag veröffentlicht.

Auch die hohe Inflation bremst die Wirtschaft aus. Die Fed korrigierte ihre Inflationserwartung für 2011 leicht nach oben, von 1,3 auf 1,7 Prozent im Januar auf nunmehr 2,1 bis 2,8 Prozent. Die Kerninflationsrate - ohne die schwankungsanfälligen Energiepreise - beziffert die Fed auf 1,3 bis 1,6 Prozent, ebenfalls leicht höher als im Januar geschätzt (1,0 bis 1,3 Prozent). Bernanke machte jedoch klar, dass er langfristig die Inflation unter Kontrolle sieht.

Besserung am Arbeitsmarkt in Sicht

Immerhin ist eine Besserung am Arbeitsmarkt in Sicht: Die Notenbank rechnet jetzt damit, dass die Arbeitslosenrate 2011 zwischen 8,4 und 8,7 Prozent liegen wird. 2013 könnte sie erstmals unter die 7-Prozent-Marke sinken. Zuvor war für dieses Jahr von einer Spanne zwischen 8,8 bis 9,0 Prozent ausgegangen worden. Die Quote liegt derzeit bei 8,8 Prozent - zu viel für die Fed, die nicht wie die EZB lediglich für stabile Preise, sondern überdies auch für Vollbeschäftigung sorgen soll.

Zuletzt waren im Kreis der Fed-Spitzenbanker Stimmen laut geworden, die vor den Folgen einer zu langen Nullzinspolitik warnen. Ihr Wortführer ist der Präsident der Federal Reserve von Minneapolis, Naranya Kocherlakota. Er hat bereits laut über eine Zinserhöhung noch 2011 nachgedacht, falls die Inflation aus dem Ruder laufen sollte.

Kritiker werfen der Fed vor, mit ihrem großzügigen Geldsegen und den niedrigen Zinsen die Preise für Rohstoffe weltweit in die Höhe zu treiben. Zudem bestehe die Gefahr, dass Vermögenspreisblasen entstünden.

Signale für eine bevorstehende Zinswende gab Bernanke nicht. "Ich weiß nicht wie lange es dauert, bis wir mit einer Verschärfung der Geldpolitik beginnen." Diese hänge ganz von dem wirtschaftlichen Ausblick ab.

Bernanke: "Die Rückführung des US-Haushaltsdefizits hat Toppriorität"

Zu der Neubewertung der Lage in den USA durch die Ratingagentur Standard & Poor's sagte Bernanke, dies sollte die Politik zu Entscheidungen treiben. Die Rückführung des US-Haushaltsdefizits habe Toppriorität.

In der vergangenen Woche hatten Zweifel an der Kreditwürdigkeit der USA weltweit für Wirbel gesorgt. An den Märkten wuchs die Sorge, dass sich die Schuldenkrise in den Vereinigten Staaten zuspitzt. Die Ratingagentur S&P hatte die Kreditwürdigkeit der USA infrage gestellt. Sie werde deren Bonität zwar weiter mit der Bestnote "AAA" bewerten. Allerdings senke sie den Ausblick für die langfristige Beurteilung von "stabil" auf "negativ". Damit droht in den kommenden zwei Jahren eine Herabstufung.

Ein schlechteres Rating kann zu erheblich höheren Zinsen für US-Staatsanleihen führen. Dies könnte nach Expertenmeinung das ohnehin zaghafte Wirtschaftswachstum abwürgen und die Gefahr einer neuen Rezession heraufbeschwören.

US-Börsen deutlich im Plus, Euro nähert sich 1,50 Dollar

Die erste Pressekonferenz des Fed-Chefs wurde weltweit viel beachtet. Bernanke will nun künftig viermal im Jahr zur Geldpolitik Rede und Antwort stehen und damit für mehr Transparenz sorgen.

Die Äußerungen von Bernanke haben am Mittwoch für gute Stimmung bei Investoren an der Wall Street gesorgt. Die wichtigsten Indizes lagen deutlich im Plus. Die Nasdaq erreichte ein Zehnjahreshoch.

Der Eurokurs näherte sich der Marke von 1,48 Dollar an. Mit 1,4795 Dollar erreichte er den höchsten Stand seit 16 Monaten. Der Euro wurde zuletzt durch die wachsende Zinsdifferenz zwischen der Euro-Zone und den USA gestützt. Die Aktienmärkte in den USA bauten während der Pressekonferenz ihre Kursgewinne aus.

mg/dpa-afx
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