US-Zinsentscheidung Fed-Chef Bernanke macht den Trichet

Zum ersten Mal wird Fed-Chef Ben Bernanke heute die Zinsentscheidung der US-Notenbank in einer Pressekonferenz erläutern. Weil er weiter auf seiner Nullzinspolitik besteht, wird die Erläuterung der einzige Punkt bleiben, in dem er sich an seinem europäischen Pendant Jean-Claude Trichet orientiert.
Fed-Chef Ben Bernanke gibt heute seine erste Pressekonferenz nach dem Vorbild von EZB-Chef Jean-Claude Trichet.

Fed-Chef Ben Bernanke gibt heute seine erste Pressekonferenz nach dem Vorbild von EZB-Chef Jean-Claude Trichet.

Foto: TIM SHAFFER/ REUTERS

Hamburg - Lampenfieber hat sich Ben Bernanke wohl längst abgewöhnt. Unzählige Reden hat der 58-jährige Chef der US-Notenbank Federal Reserve in seinem Berufsleben gehalten. Er hat Ausschüssen des US-Kongresses Auskunft gegeben und sich den bohrenden Fragen von Senatoren gestellt. Doch eines hat er bislang nie getan: Auf direkte Fragen von Reportern vor aller Weltöffentlichkeit geantwortet.

Heute jedoch wird die Sitzung des Fed-Offenmarktausschusses, der die Zinspolitik der USA festlegt, ein wenig anders verlaufen als geplant. Denn zwei Stunden nach der schriftlichen Bekanntgabe am Mittwoch Abend, das die US-Notenbank ihren Leitzins in der Spanne zwischen Null und 0,25 Prozent halten will, wird Bernanke die Gründe für die Entscheidung in einer Pressekonferenz erläutern - eine Premiere in der Geschichte der US-Notenbank. Ab 20:15 Uhr deutscher Zeit wird Amerikas oberster Währungshüter nach einer kurzen Rede offene Fragen von Journalisten beantworten, wie es sein europäisches Pendant Jean-Claude Trichet bereits seit Jahren tut.

Die Pressekonferenzen, die ab nun vierteljährlich stattfinden, sollen die "Klarheit und Aktualität der Kommunikation über die Geldmarktpolitik weiter verbessern", heißt es in einer Presseaussendung der Fed. Ob sie diese Erwartung erfüllen, wird sich noch zeigen. Allein die Ankündigung hat das Interesse an Bernankes Äußerungen gehörig in die Höhe getrieben.

Volkswirte, Währungexperten und vor allem die amerikanische Öffentlichkeit hoffen dabei auf Antworten zwei zentralen Fragen: Wie hält es Bernanke mit der Inflationsrate, die in den USA in den letzten Monaten deutlich gestiegen ist? Und: Wird Amerikas oberster Währungshüter deshalb die lockere Geldpolitik früher beenden als geplant?

Ziele erreicht, aber Inflation gestiegen

Auf den ersten Blick hat das jüngste Konjunkturprogramm der Fed gewirkt. Seit November vergangenenJahres kauft die Fed für insgesamt 600 Milliarden Dollar Staatsanleihen auf. Das sollte die Zinsen niedrig halten, die Ausgaben ankurbeln und das Wachstum beschleunigen. Seit November ist die Arbeitslosenrate von 9,8 Prozent der Bevölkerung über 16 Jahre auf 8,8 Prozent gesunken. In den vergangenen zwei Monaten hat die Privatwirtschaft eine Rekordzahl an Leuten eingestellt. Die US-Wirtschaft wuchs im vierten Quartal 2010 um auf das Gesamtjahr hochgerechnete 3,1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal.

Doch der lockere Geldkurs hat auch Schattenseiten. Volkswirte sehen einen direkten zeitlichen Zusammenhang zwischen dem Anstieg der US-Geldmenge und der Rally auf den weltweiten Rohstoffmärkten. Die Unruhen in Nordafrika und in Arabien haben den Ölpreis weiter in die Höhe getrieben.

Beides hat die Preise in den USA deutlich nach oben getrieben. Im März lag die Inflationsrate im Vergleich zum Vorjahresmonat bei 2,7 Prozent. Bernanke betonte zwar in den vergangenen Monaten immer wieder, dass er die vom Ölpreis getriebene Inflation für ein "vorübergehendes" Phänomen halte. Doch das wird immer schwieriger bei Ölpreisen, die sich seit längerem rund um 120 Dollar pro Fass (127 Liter) bewegen.

Zudem ist das US-Wirtschaftswachstum in den vergangenen Wochen ins Stocken geraten. Am Freitag dieser Woche wird die erste Schätzung des US-Bruttoinlandsprodukts für das erste Quartal 2011 veröffentlicht. Experten erwarten für die ersten drei Monate ein Plus von gerade einmal 2 Prozent (auf das Gesamtjahr hochgerechnet).

Alle warten auf Aussagen zur Inflationsbekämpfung

Die erklärten Inflationsbekämpfer innerhalb der Fed drängen deshalb seit einigen Wochen darauf, die geldpolitischen Zügel wieder zu straffen. Dennoch reagiert Bernanke nicht: Die Zentralbanker um den Gouverneur beschlossen bereits am Mittwoch, den Zins nahe Null zu belassen und die seit November laufenden milliardenschweren Staatsanleihenkäufe trotz des Wirtschaftsaufschwungs fortzusetzen. Die Erhöhung der Leitzinsen, wie sie die EZB vor kurzem beschlossen hat, hat Bernanke aber tunlichst vermeiden.

Spannend wird aber, wie Bernanke seinen Kurs begründet - und wie er sich als zugleich als Kämpfer gegen die Inflation verkaufen will. Denn in den USA hat sich in zuletzt eine Debatte darüber entzündet, ob die Fed in den vergangenen Monaten einen sinnvollen Kurs in der Geldpolitik verfolgt hat. Nicht nur viele Amerikaner fragen sich mittlerweile, ob sie der rasant steigenden Inflation im Lande, die das Auto-Volk der Amerikaner direkt an den Zapfsäulen ihrer Tankstellen vor Augen geführt bekommen, nicht wenigstens auch teilweise der Zinspolitik ihrer eigenen Zentralbank zu verdanken haben.

Wenige Tage vor Bernankes großem Auftritt erschien zudem ein vieldiskutierter Artikel in der New York Times, in dem Volkswirte der Fed ein schlechtes Zeugnis ausstellen. Ihr Fazit: Die meisten Amerikaner haben von der lockeren Geldpolitik nur wenig. Das Wirtschaftswachstum sei weiter schwach, und es seien nur wenige Jobs hinzugekommen.

Das stimmt so nicht, konterten die Volkswirte des angesehenen britischen Magazins "The Economist" in einem Blogbeitrag . Das Wachstum im ersten Quartal sei wegen des harten Winters geringer ausgefallen, nicht wegen der Politik der Fed. Das Anleihenaufkaufsprogramm der Fed, im Fachjargon QE2 genannt, war für die US-Wirtschaft "eine sehr gute Sache", meinen die britischen Fachleute. Weniger klug sei es von Seiten der Fed jedoch gewesen, eine exakte Summe für die Aufkäufe zu nennen. Besser wäre die Fed gefahren, wenn sie die Ziele ihrer Anleihen-Aufkäufe besser erklärt hätte.

Entscheidend ist, was die Fed tut - nicht, was Bernanke sagt

Politischer urteilt Steven Gandel vom amerikanischen Time Magazine in seinem Blog The Curious Capitalist : Das Ausbleiben des Aufschwungs sei vor allem ein Fehler von US-Präsident Obama und des US-Kongresse. Bernankes Job als Notenbankchef sei es, die Zinsen niedrig zu halten und das Geldmengenwachstum moderat zu halten. Das habe Bernanke getan - doch Obamas Maßnahmen zur Konjunkturankurbelung seien "nicht groß genug" gewesen. Etwas mehr Schuld daran als Obama habe jedoch der US-Kongress, denn "er hätte die Maßnahmen verabschieden müssen".

US-Nobelpreisträger Paul Krugman kommentiert den Artikel der New York Times in seinem Blog The Conscience of a Liberal  bissig. QE2 diente als "Signal der Entschlossenheit der Fed, alles zu tun, was nötig sei - und vielleicht auch höhere Inflation in Kauf zu nehmen." Der ursprüngliche Plan habe einen weit größeren Umfang gehabt, sei aber durch die Politiker deutlich geschrumpft worden. "Und jetzt sollen wir uns wundern, dass er sich als enttäuschend herausgestellt hat?", kommentiert Krugman spitzfindig.

Ausreichend Fragematerial für Bernankes heutige Pressekonferenz ist also vorhanden. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Alan Greenspan, der die Märkte gerne mit kryptischen Andeutungen verwirrte, ist Bernanke als Freund klarer Worte bekannt. Doch da die Worte von Notenbank-Chefs Märkte innerhalb von Sekunden beeinflussen können, sind sie meistens in ihrer Wortwahl sehr vorsichtig. Die Pressekonferenzen von EZB-Chef Trichet etwa gleichen einem verbalen Eiertanz. Wenn Trichet erklärt, gegenüber der Inflation "sehr wachsam" sein zu wollen, deuten das die anwesenden Journalisten als Zeichen für eine baldige Leitzinserhöhung.

Ähnlich spitzfindig werden heute auch Bernankes Worte ausgelegt werden. Das weiß der Fed-Chef, und deshalb wird er sich vermutlich nur sehr vorsichtig äußern. Bernanke wird "die Antworten geben, die er geben will; nicht diejenigen, die die Fragen beantworteen", meint Paul Vigna im renommierten MarketBeat-Blog  der US-Wirtschaftszeitung Wall Street Journal. Entscheidend sei weniger, was die Fed sage - sondern was sie tue. Die lockere Geldpolitik zeigt, meint Vigna, dass sich die Fed weiterhin große Sorgen um den Zustand der US-Wirtschaft mache - egal, was Bernanke heute auf der Pressekonferenz sagt.