Schuldenkrise Inflation oder Staatsbankrott

Noch nie waren die westlichen Volkswirtschaften so hoch verschuldet wie heute. Nun steigen die Zinsen und bringen immer mehr Länder in Bedrängnis. Die Auswege: Inflation oder Staatsbankrott - oder beides. Ein Gespräch mit Daniel Stelter, Partner der Unternehmensberatung BCG, über Aussichten für den Geldwert und Folgen für Unternehmen.
Die Schuldenberge in Europa wachsen: Es drohen Inflation oder Staatsbankrott

Die Schuldenberge in Europa wachsen: Es drohen Inflation oder Staatsbankrott

Foto: Boris Roessler/ dpa

mm: Herr Stelter, in einer Studie für das aktuelle manager magazin zeigen Sie, dass große Teile der westlichen Welt Schulden angehäuft haben, die alles bisher Bekannte in den Schatten stellen. Steht uns die wahre Finanzkrise erst noch bevor?

Stelter: In der Tat ist die Lage alles andere als beruhigend. Noch nie gab es eine derart hohe Gesamtverschuldung wie derzeit. Nicht nur die Staaten, auch die privaten Haushalte und die Unternehmen stehen so tief in der Kreide, dass man sich ernsthaft fragen muss, wie wir aus der Misere wieder herauskommen.

mm: Das klingt sehr düster.

Stelter: Ich weiß. Aber bei gesamtwirtschaftlichen Schuldenständen zwischen 200 und 400 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) kann man sich wirklich nicht entspannt zurücklehnen. Zumal in diesen Zahlen die teils gigantischen Verbindlichkeiten des Finanzsektors und die ungedeckten Verpflichtungen der Staaten mit Blick auf die demographische Entwicklung noch gar nicht berücksichtigt sind.

mm: Wie konnte es so weit kommen?

Stelter: Nicht nur die Staaten, aber auch die Bürger und die Wirtschaft, haben sich von zwei Jahrzehnten immer weiter sinkender Zinsen und relativ stabiler wirtschaftlicher Entwicklung , der sogenannten Great Moderation, einlullen lassen und die Schulden immer weiter in die Höhe getrieben. Das rächt sich jetzt.

mm: Wenn man sich nur die Verschuldung der Staaten anschaut, ist die Situation nicht so außergewöhnlich: Die USA und Großbritannien beispielsweise hatten nach dem Zweiten Weltkrieg Schuldenstände, die weit höher waren als heute. Diese Länder haben es dann geschafft, über die Jahrzehnte aus den Schulden herauszuwachsen. Das kann heute keine Strategie sein?

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Zinslast: Deutschland im Vergleich zur EU

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Stelter: Leider nein. Zum einen ist die Konstellation heute eine andere: Die demographische Entwicklung erschwert den Schuldenabbau, weil sie das Wachstum dämpft und die Staatsausgaben, sei es für Rente, sei es für Gesundheit und Pflege, in die Höhe treibt. Der Boom der ersten zweieinhalb Nachkriegsjahrzehnte lässt sich heute nicht wiederholen, selbst wenn Sie eine noch so wirtschaftsfreundliche Politik machen. Zum anderen muss man sehen, dass in den ersten Nachkriegsjahrzehnten die Gläubiger teilweise enteignet wurden.

mm: Was meinen Sie damit?

Stelter: Nun, in Ländern wie Deutschland geschah das durch Hyperinflation und anschließende Währungsreform. In anderen Ländern, zumal in den USA, war es ein schleichender Prozess: Bei - gemessen an heutigen Maßstäben - relativ hohen Inflationsraten von 5 bis 6 Prozent war die reale Verzinsung von Staatsanleihen sehr niedrig oder sogar negativ. Über die Jahre sanierte sich so der Staat, während die Sparer real Geldvermögen verloren.

mm: Und das wird nun auch so kommen, meinen Sie?

Stelter: Das halte ich für kein unwahrscheinliches Szenario, ja.

"Ein harter Sparkurs wird nicht funktionieren"

mm: Nun steigen die Zinsen. Für manager magazin haben Sie berechnet, wie der gesamtwirtschaftliche Schuldendienst für wichtige Länder zunimmt, wenn die Zinsen steigen. Gruselige Zahlen: Einige Nationen müssten schon bei langfristigen Zinsen von 10 Prozent - was im historischen Maßstab nicht übertrieben hoch wäre - ein Drittel ihres Bruttoinlandsprodukts an ihre Gläubiger zahlen. Welche Gesellschaft hält das aus?

Stelter: Gute Frage. Steigende Zinsen werden bei gegebenen Schuldenständen zu einer enormen Belastung der Steuerzahler und Leistungsbezieher führen, die kaum akzeptabel sein wird. Die Bürger müssen dann vorwiegend für die Sünden der Vergangenheit arbeiten. Was politisch kaum durchsetzbar wäre. Deshalb werden Regierungen und Notenbanken alles tun, um den Schuldendienst real zu senken: indem sie immer wieder überraschend für Inflation sorgen. Selbst wenn die Zinsen nominal steigen sollten, wird diese Bürde leichter erträglich erscheinen, wenn die Inflationsraten deutlich höher ausfallen als in der Vergangenheit. Inflation ist immer eine Umverteilung von den Gläubigern zu den Schuldnern - die Kaufkraft der ausstehenden Beträge sinkt. Zugleich steigt das Steueraufkommen, weil Scheingewinne und Einkommen besteuert werden. Das wäre bei der hohen Verschuldung heute hochwillkommen.

mm: Sie halten Inflation für wünschenswert?

Stelter: Nein, natürlich nicht. Es ist eher die Wahl zwischen Pest und Cholera.

mm: Inflation wäre die Cholera, Deflation die Pest.

Stelter: In der Tat stellt die Deflation bei den hohen Schuldenständen eine enorme Gefahr dar. Bei steigenden Zinsen wird der Wirtschaft immer mehr Kaufkraft entzogen - das Wachstum wird dann geradezu erdrosselt.

mm: Welche Optionen haben denn die westlichen Gesellschaften?

Stelter: Der fairste Ausweg aus dem derzeitigen Dilemma wäre es zu erkennen, dass Gläubiger auf Forderungen wegen Uneinbringbarkeit verzichten müssen. Ein geordneter Schuldenschnitt wäre die beste Lösung.

mm: Das wird aber politisch kaum durchsetzbar sein. Momentan setzt gerade die Bundesregierung auf den harten Weg: sparen, konsolidieren.

Stelter: Ja, aber das wird nicht funktionieren.

mm: Warum?

Stelter: Weil diese Strategie in eine Deflationsspirale münden dürfte. Jahrelanges synchrones Sparen praktisch aller westlichen Volkswirtschaften würde die gesamtwirtschaftliche Nachfrage derart dämpfen, dass die Weltwirtschaft zurück in die Krise fiele. Bei den derzeit sehr hohen Schuldenständen überall im Westen ist eine reine Spartherapie weder ökonomisch noch sozial noch politisch machbar.

"Dann explodiert plötzlich die Inflationsrate"

mm: Derzeit stemmen sich die Notenbanken ja mit aggressiv expansiver Politik gegen eine Deflation. Doch diese Strategie kann leicht in Inflation umschlagen - wie wir bereits sehen.

Stelter: Ehrlich gesagt, wäre eine moderate Inflation weniger schlimm als eine Deflation. Aber eine moderate Inflationierung birgt die Gefahr, dass sie rasch außer Kontrolle geraten kann. Ich spreche in diesem Zusammenhang von Ketchup-Flaschen-Inflation: Erst schüttelt man lange, und nichts passiert. Doch irgendwann kommt alles auf einmal. Dann explodiert plötzlich die Inflationsrate. Deutschland hat das 1922/23 durchgemacht. Zuerst druckte die Reichsbank in großem Stil Geld, doch es tat sich nichts. Dann kam es plötzlich zu einem Vertrauensverlust, der in einer Hyperinflation mit anschließender Währungsreform endete.

mm: Ist das inzwischen wieder ein realistisches Szenario?

Stelter: Ganz so schlimm wird es nicht kommen. Es sind jedoch alle Zutaten für eine nachhaltige Inflation vorhanden: die hohe Verschuldung, die nervösen internationalen Kapitalmärkte, die in vielen Ländern schwachen Regierungen. Nur: Wenn Sie mich jetzt fragen, wann es soweit sein wird, muss ich leider passen. Gut möglich, dass wir noch Jahre die Ketchup-Flasche schütteln können, ohne dass wir eine große Sauerei anrichten. Dennoch sollten sich Unternehmen auf ein Inflationsszenario vorbereiten.

mm: Wie denn? Indem sie sich jetzt verschulden, in der Hoffnung, ihre Verbindlichkeiten würden durch die Inflation getilgt?

Stelter: Das hängt davon ab, wie gesund ein Unternehmen dasteht. Wenn es eine niedrige Verschuldung hat, bereits heute eine führende Position im Markt hat und mit einer kreditfinanzierten Firmenübernahme noch stärker werden kann, spricht per se nichts dagegen. Wer zu den Gewinnern der Inflation gehören will, der muss vor allem in der Lage sein, seine Absatzpreise schneller steigen zu lassen als die allgemeine Inflationsrate. Nur dann haben Sie die Chance, Ihren Cashflow zu verbessern - und damit den Firmenwert zu steigern.

mm: Sie meinen, um die Preise schnell erhöhen zu können, brauchen Unternehmen eine gewisse Preissetzungsmacht?

Stelter: Die erreichen Sie, indem Sie besser sind als Ihre Wettbewerber: innovativer, größer, kosteneffizienter. Schwache Unternehmen mit geringen Margen hingegen bekommen womöglich existenzgefährdende Probleme.

mm: In der Inflation überleben vor allem die Stärksten?

Stelter: Ja. Inflation - zumal wenn die Inflationsraten immer weiter steigen - ist prinzipiell schlecht fürs wirtschaftliche Umfeld. Aber gute Unternehmen können relativ gewinnen: Marktanteile, Börsenwert. Jedes Unternehmen sollte sich frühzeitig die Frage stellen, wo es anfällig ist für Inflation. Und wie es profitieren kann.

mm: Was zum Beispiel wären derart offene Flanken?

Stelter: Ich will es extrem formulieren: Ein Unternehmen ist dann besonders anfällig, wenn es eine schwache Position auf einem wettbewerbsintensiven Markt hat und entsprechend niedrige Margen erwirtschaftet, wenn es außerdem langlaufende Absatzverträge hat, aber mit kurzlaufenden Einkaufsverträgen oder Tarifverträgen konfrontiert ist, wenn es einen hohen Refinanzierungsbedarf hat, entweder weil die Verschuldung ohnehin schon hoch ist oder weil große Teile des Produktivvermögens kurzfristig erneuert werden müssen.

mm: Positiv ausgedrückt: An all diesen Stellschrauben kann man drehen.

Stelter: Absolut. Unternehmen, die schneller als ihre Wettbewerber, Lieferanten und Kunden die Gefahren der Inflation durchdenken, können sich in eine vortelhafte Position bringen, ihre Rentabilität schützen, stärker wachsen und Marktmacht gewinnen, zum Beispiel durch Übernahmen oder Fusionen. Und die ersten Unternehmen haben diesen Kurs bereits eingeschlagen. Wer hingegen in ein Hochinflationsumfeld ohne Vorbereitung geht, der bekommt leicht existenzielle Probleme.

mm: Und was ist, wenn Ihr Inflationsszenario sich doch nicht materialisieren sollte?

Stelter: Dann sollten Unternehmen erst recht von den erforderlichen Maßnahmen profitieren. Besser zu werden ist generell eine gute Idee.

Kommentar: Schuldenschnitt als Alternative

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