Auf der Kippe Sparkorsett presst Weltaufschwung zusammen

Der aktuelle Konjunkturtest für Deutschland zeigt: Es geht weiter aufwärts. Doch anderswo treten Firmen auf die Kostenbremse, Verbraucher schnallen den Gürtel enger. Der Weltkonjunktur wird ein schmerzendes Korsett kollektiver Sparanstrengungen angelegt. Der Aufschwung droht erdrückt zu werden.
Von Markus Gärtner
Container in Busan: Weltkonjunktur gerät unter Druck

Container in Busan: Weltkonjunktur gerät unter Druck

Foto: REUTERS

Hamburg - In Libyen fliegen französische und britische Jets Angriffe, und die dortigen Bohrtürme stehen still. In Tokio ist atomare Strahlung ins Trinkwasser vorgedrungen, und der GAU in Fukushima noch nicht abgewendet. In Brüssel kämpfen die Staatschefs Europas weiter gegen ausufernde Defizite und Portugals Premier José Socrates tritt zurück, weil die konservative Mehrheit im Parlament die eigentlich nötigen Sparbemühungen nicht mehr mittragen will.

Die Weltkonjunktur fühlt sich an, als sei ihr ein Korsett umgelegt worden, und alle ziehen die Schrauben fester an.

Nur in der Bundesrepublik scheint es unabhängig davon noch weiter bergauf zu gehen: "Insgesamt sind die Unternehmen in Deutschland weiterhin sehr zuversichtlich", sagte beispielsweise Ifo-Präsident Hans Werner Sinn heute. "Die Konjunkturampeln stehen hierzulande unverändert auf Grün. Deutschland befindet sich im Aufschwung." Und Christian von Engelbrechten, Fondsmanager des Fidelity Germany Fund, urteilt: "Deutschland ist im europäischen Vergleich der Musterschüler, und derzeit spricht alles dafür, dass das auch so bleibt." - Was für eine Differenz. Noch.

Regierungen von Madrid über Portugal, Rom, Dublin und London und bis über den Atlantik nach Washington müssen bereits sparen, weil sonst eine Vertrauenskrise an den Finanzmärkten droht. Firmen müssen auf die Kostenbremse treten, weil ihnen sonst eskalierende Preise für Vorprodukte die Margen verhageln. Konsumenten müssen anderswo den Gürtel enger schnallen, weil sie immer mehr Geld an der Tankstelle und im Lebensmittelgeschäft lassen. Im Klartext: Der globalen Konjunktur wird ein Korsett kollektiver Sparanstrengungen angelegt, und es schmerzt bereits.

"Die Konsumenten haben derzeit keine Motivation, ihre Garderobe zu wechseln, wir sind im Auge eines Orkans", sagt Paul Zahra, Chef von David Jones in Sydney, dem ältesten Kaufhaus der Welt. "Die laufende Erholung wurde von Zuversicht angetrieben, nicht von Jobs und Einkommen", spielt der Chefökonom Christopher Low beim Vermögensberater FTN Financial in New York auf das rasant sinkende Konsumentenvertrauen in Amerika und Europa an.

Der Deutsche-Bank-Ökonom Carl Riccadonna sieht gar "die Inflationsmaschine" auf allen Zylindern brummen. Selbst die US-Notenbank-Außenstelle in Dallas gesteht im jüngsten Konjunkturbericht "drehende Winde" gegen die Erholung ein. Sie sieht "mögliche Stürme" heraufziehen und vergleicht die US-Konjunktur mit einem Schiff, das sich angesichts der bekannten Gegenströmungen nun schwieriger navigieren lässt.

"Anhaltend höhere Benzinpreise wirken wie eine Steuer auf den Konsum" heißt es dort. Wenn sie auf diesem Niveau bleiben, wird die Benzinrechnung der Amerikaner im laufenden Jahr 70 Milliarden Dollar teurer werden". Das klingt ja noch einigermaßen beherrschbar.

Schlimmeres befürchtet allerdings der Wirtschaftsprofessor Peter Morici an der University of Maryland; er ist der frühere Chefökonom der US Handelskommission: "Die Krisen im Nahen Osten und in Japan drohen die globale Wirtschaft in eine zweite Rezession zu stoßen", sagt Morici. Seine Prognose: Geht der Ölpreis auf 140 Dollar je Barrel, kann die USA einige Zeit lang nicht genügend Jobs für ein selbst tragendes Wachstum schaffen. "140 Dollar fürs Öl und eine Fortsetzung der Krise in Japan würden reichen, wir hätten dann nur noch 2 Prozent Wachstum in den USA, die Firmen würden wieder entlassen, und voilà, da haben wir Armageddon".

"Das Problem ist nicht Japan allein"

"Der Preis für Öl und Benzin ist eine große Last für Familien geworden", befindet auch der britische Finanzminister George Osborne. Und Yale-Professor Stephen Roach, der 16 Jahre lang Chefvolkswirt von Morgan Stanley und auch Asienstratege der Investmentbank war, sieht Japan nur als den berühmten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringen kann: "Das Problem ist nicht Japan allein", sagt Roach, "die Nachrichten aus Japan verstärken nur all die anderen negativen Einflüsse".

Morgan Stanleys Konjunkturtracker für die USA, eine Art Wirtschafts-Seismograph, ist von 4,5 Prozent Wachstum für das erste Quartal auf 2,9 Prozent gesunken. Und das war noch vor dem Erdbeben in Japan. Optimistische Prognosen wie die vom Chief Investment Officer bei ABN AMRO, Didier Duret, werden dagegen seltener. Duret sieht die negativen Nachrichten bislang mit geringer Wirkung auf eine globale Konjunktur niederprasseln, "die Momentum gewinnt" und nicht so leicht aus dem Gleis geworfen werden kann.

Allein die Nachrichten dieser Woche bringen jedoch viele Analysten ins Grübeln. Die Verkäufe neuer Häuser brachten im Februar in den USA laut Handelsministerium um 16,9 Prozent ein. Das waren weniger Verkäufe als vor 50 Jahren, obwohl die USA damals nur halb so viele Einwohner hatten. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich so eine Nachricht je wieder schreiben muss", sagt die BMO Capital Markets-Analystin Jennifer Lee in Toronto konsterniert über diese Zahlen, "aber ich muss einfach".

Weil auch der Verkauf gebrauchter Häuser um fast 10 Prozent einstürzte, hat der amerikanische Immobilienmarkt ein neues Tief erreicht, das sogar unterhalb der Marke aus der Rezession von 2009 liegt. Seit 1971 waren gebrauchte Häuser in Amerika - gemessen am verfügbaren Einkommen - nicht mehr so billig, und die Hypothekenzinsen sinken seit Dezember. Doch das reicht nicht, um verzagte Konsumenten zu einer größeren Anschaffung zu motivieren.

Dabei haben die Amerikaner noch gar nicht richtig mit dem Sparen angefangen. Im Gegenteil: Die Autofahrer auf den Highways der USA fahren sogar mehr als vor einem Jahr, bestätigt die Energy Information Administration. Der tägliche Verbrauch von 9,1 Millionen Barrel Benzin liegt 1,2 Prozent über Vorjahr.

In Großbritannien sprang - so lernten wir in dieser Woche - die offizielle Inflationsrate auf 4,4 Prozent. Britische Zeitungen nennen die Zahl "shocking". Das ist jetzt der höchste Wert in mehr als zwei Jahren. Die Teuerungsrate kann im laufenden Jahr sogar 5 Prozent erreichen, warnt die Bank of England. Britischen Familien droht der schärfste Einkommensrückgang seit den 70er Jahren, warnte am Montag das Institute for Fiscal Studies. Die realen Einkommen der Briten werden demnach in den drei Jahren bis Ende 2011 um 1,6 Prozent fallen. Zum Vergleich: In den vorangegangenen 50 Jahren waren sie im Schnitt alle drei Jahre jeweils um 5 Prozent gestiegen.

Und während die Behörden in Tokio jetzt Wasserflaschen an Familien mit Kindern austeilen, weil das Trinkwasser stärker strahlt als erlaubt, eskalieren auch die Proteste im Jemen und anderen Teilen des Nahen Ostens. All das treibt die Ölpreise in die Höhe. "Die Fed wollte unbedingt Inflation kreieren" (um Deflation abzuwenden), ereifert sich der ehemalige Amerika-Chefvolkswirt von Merrill Lynch, David Rosenberg, "und jetzt wo die Preise für alles von Windeln über Seife bis hin zu Zahnpasta und Energie steigen, fragen wir uns, ob die Geldpolitik der Notenbank wirklich einer typischen Familie geholfen hat".

Analysen wie diese künden in den USA zunehmend von einem heraufziehenden Sturm auch für Notenbankchef Ben Bernanke selbst.

In Brüssel meldete die Statistikbehörde Eurostat am Mittwoch zudem schwache Auftragseingänge für die europäische Industrie. Während die deutschen Zahlen für den Januar im Monatsvergleich mit +3,7 Prozent immer noch glänzen, und nach Umfragen des britischen Markit-Instituts die hiesige Industrie auch im März noch zulegen kann, die Beschäftigung sogar stark aufstockt, geraten die Bestellungen anderswo im EU-Europa schon unter die Räder: -3,1 Prozent in Großbritannien, -7,7 Prozent in Finnland, -7,8 Prozent in Frankreich. Bei Investitionsgütern sah die EU-27 einen monatlichen Rückgang von 3,4 Prozent. Das klingt nicht nach der Vorbereitung auf eine blühende Konjunktur.

Firmen treten auf die Bremse

Und vor dem heutigen EU-Gipfel in Brüssel kündigte auch Spaniens Premier Zapatero - der im Herbst 2010 die Krise der höher verschuldeten Euro-Staaten schon für beendet erklärt hatte - zusätzliche Sparmaßnahmen an, um den Finanzmärkten nach dem Downgrading von Moody's Entschlossenheit zu demonstrieren.

Im Kampf gegen die wachsenden Defizite muss derweil wahrscheinlich nicht nur Premier Socrates in Portugal seinen Hut nehmen. In G7-Land Kanada drohen heute wegen der Budgetvorlage der Minderheitsregierung von Premier Stephen Harper ein Misstrauensvotum und damit vorzeitige Neuwahlen.

Und in Washington vermeidet Präsident Obama jeweils Wochenweise mit Notbudgets die Schließung der Regierung, weil sich Demokraten und Republikaner nicht auf Einsparungen einigen können. Der laufende Bundeshaushalt der USA weist ein Defizit von 1600 Milliarden Dollar aus, und im April könnte die offizielle Schuldengrenze des Staates von 14.300 Milliarden Dollar erreicht werden. Am Dienstagabend wies die "Nationale Schuldenuhr" im Internet bereits einen Schuldenstand von 14.251 Milliarden aus.

In diesem Strudel aus politischen Turbulenzen, Schuldenabgrund, drohenden Bailouts, steigenden Preisen und verschreckten Konsumenten treten auch Firmen auf die Bremse, um nicht von Margen-Kompression und enttäuschten Anlegern in die Enge getrieben zu werden.

Große US-Airlines wie Delta und US Air kündigten in der laufenden Woche an, noch mehr Jets aus dem Verkehr zu ziehen, weil sie höhere Auslastung brauchen, um die eskalierenden Ölpreise im Griff zu behalten. Delta schätzt, dass seine Rechnung für Treibstoff 2011 um 35 Prozent steigen wird, das sind drei Milliarden Dollar. Delta-Präsident Edward Bastian erwartet für das erste Quartal 2011 eine negative operative Gewinnmarge von 2 bis 3 Prozent, verglichen mit der vorangegangenen Prognose von Plus 1 bis 3 Prozent.

Zahlreiche Firmen - vom Netzwerkausrüster Cisco, über den Software-Hersteller Adobe, bis hin zum Sportschuh-Hersteller Nike - berichten über sinkende Margen, verzagte Konsumenten oder sparende Regierungen, die auf die Umsätze drücken. "Die Herausforderungen bei Bundesstaaten und Städten werden in den nächsten Monaten noch zunehmen", sagt Cisco-Chef John Chambers, und meint damit Budgetzwänge, die bei der öffentlichen Hand in den USA zu immer mehr Einsparungen bei Ausrüstungen führen.

Unter dem Strich wird ein Bild immer eindringlicher: Die Konjunkturaussichten sind nicht mehr auf Boom gerichtet. Dem Aufschwung, von so vielen herbeigesehnt, könnte vielmehr die Luft ausgehen, bevor er in vielen Staaten überhaupt die Schäden aus dem vorherigen Einbruch wettgemacht hat.

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