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Katastrophenfolgen: Wie die Weltkonjunktur ins Wackeln gerät

Foto: Franck Robichon/ dpa

Verunsicherte Konsumenten Japan-Drama verursacht Wackel-Aufschwung

Die Katastrophe in Japan verhagelt Konsumenten weltweit mehr und mehr die Laune. Das zwingt Analysten reihenweise zurück an die Rechenschieber, um die globalen Wachstumsprognosen für dieses Jahr neu zu kalkulieren. Jetzt wird immer klarer: Der Aufschwung gerät ins Wackeln.
Von Markus Gärtner

Vancouver - Die verheerende Serie in Japan aus Erdbeben, Tsunami und Atomdrama lässt der globalen Wirtschaft den Schreck in die Glieder fahren. Sie eskaliert den Preisdruck für Firmen und Verbraucher und sie verschärft den ohnehin wachsenden globalen Wettbewerb um knappe Energieträger. In Teilen Europas steigen die Gaspreise, weil Japan für den Wiederaufbau schlagartig mehr davon einführen muss. "Die Gaspreise werden noch höher gehen", sagt Shell-Chef Peter Voser vorher.

Das Wechselbad der Nachrichten um die Katastrophen-Reaktoren in Fukushima bringt bis ins ferne Russland Konsumenten aus der Fassung. Während sie Rotwein und Seetang aufkaufen, horten die Chinesen Meersalz. Und bis nach Bulgarien und in die USA werden Jodtabletten knapp. Der Hinweis des Centers for Disease Control and Prevention, dass dies nicht nötig sei, half nichts. Zu intensiv sind die Bilder aus Fukushima.

Nicht nur Verbraucher, auch Analysten, bekommen nun Zweifel, was den bis Februar noch recht positiven Ausblick für die globale Konjunktur angeht. "Wir sind in dieser Woche pessimistischer geworden" sagte am Freitag der Analyst Kiichi Murashima bei Citigroup  Global Markets, "unsere Bestandsaufnahme der Folgen aus dem Erdbeben ist Schritt für Schritt negativer geworden, weil wir erkannt haben, wie ernsthaft Japans Lieferantennetzwerk beschädigt ist".

Kurz nach dem Erdbeben hatten die ersten Reaktionen noch ganz anders gelautet: "Der Verlust aus der Produktion reicht nicht, um eine Rezession in Japan auszulösen", hatten die Volkswirte der Bank of America  zu Beginn der vergangenen Woche geurteilt. Und noch am Tag des Erdbebens hatte der Präsident der US-Notenbank in New York, William Dudley, zu Protokoll gegeben, die neu geschaffenen Jobs in der US-Wirtschaft im Februar machten ihm "Hoffnung". Mehr noch: Die amerikanische Notenbank gab am Dienstag ein Statement heraus, in dem sie fast trotzig feststellte, die Konjunktur stehe jetzt "auf festeren Füßen".

Stephen Roach: "Ein Szenario, das in Tränen endet"

Doch je mehr sich der Staub in Japan legt, und je länger das Drama um Fukushima anhält, desto negativer klingen die Analysen des Schadens. Das gilt auch mit Blick auf die Weltwirtschaft: "Das Desaster in Japan spielt sich nicht in einem Vakuum ab", urteilt Mohamed el-Erian, der Chef des weltweit größten Anleihefonds Pimco, "es verschärft noch den Angebotsschock, den die globale Wirtschaft aufgrund der Unruhen im Nahen Osten und dem damit zusammen hängenden Anstieg der Ölprerise erlebt". Dieses Risiko, so El-Erian, "sollte nicht ignoriert werden".

Noch deutlicher formuliert seine Analyse der Yale-Professor Stephen Roach, der 16 Jahre lang Chefvolkswirt von Morgan Stanley  und Topökonom der Investmentbank in Asien war: "Die globale Weltwirtschaft nach der Krise wird von einem Schock nach dem anderen getroffen, und weil die Zentralbanken keinen Spielraum haben um die Zinsen weiter zu senken, ist es nicht schwer, sich ein Szenario vorzustellen, in dem die Geldschöpfung immer weiter zunimmt und mit Tränen endet".

Auch Kanadas bekannteste Wirtschaftsexpertin, Sherry Cooper bei der Bank of Montreal  - eine Frau, die um optimistische Betrachtungen selten verlegen ist - hat die rosa Brille abgelegt: "Der Schock aus Japan und das nukleare Risiko werden kurzfristig das globale Wachstum ausbremsen". Und sie fügt hinzu: "Wieder einmal wird die Welt durch einen höchst unwahrscheinlichen Zwischenfall durchgeschüttelt". Was sie damit meint, erläuterte in der vergangenen Woche schon der Gründer des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, mit der Beschreibung des "Titanic-Syndroms".

Es tritt ein, wenn die Menschheit mit einer komplexen Technologie bis an die Grenzen geht und dabei nachlässig wird, weil sie denkt, sie habe alle Risiken berechnet und im Griff. Das hat laut Schwab jedoch weder bei Subprime-Hypotheken und deren Verbriefung, noch bei den Tiefsee-Bohrungen nach Öl im Golf von Mexiko oder in Fukushima geklappt. Die Kernfrage sei jetzt, sagen die Analysten von Kanadas größter Bank, der Royal Bank , "ob man sich auf jene Zahlen konzentriert, die bestätigen dass die globale Wirtschaft auf einem guten Wege ist, oder darauf, dass die Kombination hoher Ölpreise und zerbrechlichen Wachstums in einigen Ländern die Weltwirtschaft aus dem Gleis werfen kann".

Utah führt Gold- und Silbermünzen als alternatives Zahlungsmittel ein

Der Vertrauens-Index des Konsumforschers Gallup für die USA ist von -17 Punkten Anfang Februar auf jetzt -30 eingebrochen. Kein Wunder, das Bureau of Labor Statistics meldete am Donnerstag für den Februar im Monatsvergleich 0,5 Prozent höhere Verbraucherpreise. Das wären aufs Jahr hochgerechnet 6 Prozent. Gleichzeitig gingen im Februar die realen Stundelöhne in der US-Wirtschaft um 0,5 Prozent zurück.

Steigende Preise und sinkende Löhne, das höhlt nicht nur die Geldbeutel der US-Konsumenten aus, sondern auch deren Zuversicht. Die Genehmigungen für den Bau neuer Häuser fielen im schwachen US-Immobilienmarkt im Februar auf ein Allzeittief, die Zahl der Baustellen für neue Wohnhäuser plumpste auf den niedrigsten Stand seit 1984.

Der ehemalige Arbeitsminister Robert Reich schreibt in seinem Blog, die US-Konsumenten gingen auf dem Zahnfleisch: "Selbst vor dem Japan-Schock war die US-Erholung zerbrechlich, das Konsumentenvertrauen ist auf einem Fünfmonatstief, die Häuserpreise fallen weiter, mehr als 14 Millionen Amerikaner bleiben arbeitslos, und als prozentualer Anteil an der Gesamtbevölkerung gab es noch nie so wenig Erwerbstätige". Das Vertrauen in das eigene Land und in den Greenback ist so gestört, dass der Senat im Bundesstaat Utah Gold- und Silbermünzen als alternatives Zahlungsmittel für den Dollar einführen will.

Der US-Index für Nahrungspreise legte im Februar aufs Jahr hochgerechnet um über 7 Prozent zu. "Wenn Sie eine Diät planen", spottet der Bankenanalyst Sal Guatieri in Toronto, "dann ist jetzt die Zeit günstig, damit anzufangen". Die Nahrungspreise auf Großhandelsebene stiegen im Februar um 3,9 Prozent gegenüber dem Januar. Das war der schärfste Anstieg seit dem November 1974. Beim Burger-Brater Wendy's werden jetzt Tomaten nur noch auf die Hamburger gelegt, wenn die Kunden es verlangen.

Arbeitslosigkeit steigt in Großbritannien seit drei Monaten in Folge

Auch in Europa leidet das Vertrauen der Konsumenten: In Großbritannien brach das es nach Angaben der Nationwide Building Society in der vergangenen Woche auf einen historischen Tiefstand ein. Mit 38 Punkten ist der Index nun kleiner, als er seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2004 war. Das Bruttoinlandsprodukt in Großbritannien schrumpfte im Schlussquartal 2010, die Inflation ist jetzt doppelt so hoch wie die Zielgröße der Bank of England bei 2 Prozent. Und die Arbeitslosigkeit steigt seit drei Monaten in Folge wieder an, auf den höchsten Wert seit 1994. Großbritanniens Inflation ist mit 4 Prozent nun höher als die in Zimbabwe, die laut Reuters im Februar auf 3 Prozent sank.

In Deutschland berichtete das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung vergangene Woche aus der ersten Umfrage, die zumindest zum Teil nach dem Erdebeben gemacht wurde. Resultat: Die zu Beginn der Umfrageperiode ab 28. Februar eingegangenen Antworten beim ZEW seien "deutlich optimistischer" gewesen als jene, die nach dem Erdbeben in Japan bis zum 14. März eintrafen. Der Index der Erwartungen fiel um 1,6 Punkte auf 14,1 und liegt damit weiter deutlich unter dem langjährigen Schnitt von 26,7.

Bis ins ferne China machen steigende Preise den Konsumenten zu schaffen. Drei Zinsanhebungen seit Oktober, höhere Reservevorschriften für die Banken sowie Preiskontrollen konnten die Erzeugerpreise nicht davon abhalten, im Februar trotzdem um 7,2 Prozent zu steigen. Es war der höchste Anstieg seit Oktober 2008. In Deutschland kletterten die Fabrikpreise im Februar um 6,4 Prozent, während die Firmen für ihre Vorprodukte sogar 8,5 Prozent höhere Preise registrierten. Dass von diesem Anstieg bei den Verbrauchern in den Supermarkt-Regalen im Februar "nur" 3,1 Prozent Teuerung ankam, lässt auf weiteren Preisdruck in der Lieferanten-Pipeline schließen.

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