Entwicklungsforscher von Braun "Mehr Engagement gegen Hungerkrise"

Seit Monaten steigen die Preise für Lebensmittel. Jetzt fordert Joachim von Braun, Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung an der Universität Bonn, im Gespräch mit dem manager magazin internationales Engagement gegen die Hungerkrise - und eine Ende der Wegwerfgesellschaft.
Gute Ernte: Trotz hoher Erträge in manchen Gegenden der Welt besteht Ernährungsproblem

Gute Ernte: Trotz hoher Erträge in manchen Gegenden der Welt besteht Ernährungsproblem

Foto: dapd

mm: Seit Monaten steigen die Preise für Lebensmittel steil an. Naturkatastrophen wie die Flut in Australien, die Dürre in China oder zuletzt das Erdbeben in Japan zerstören Ernten und landwirtschaftliche Nutzflächen. Steuert die Welt auf eine Lebensmittelkrise zu?

von Braun: Das Ernährungsproblem zählt zu den ganz großen Problemen unserer Welt. Mehr als eine Milliarde Menschen hungern. Und eine zweite Milliarde bekommt keine ausreichende und gesunde Diät. Das heißt zwei der sieben Milliarden Menschen auf unserem Planeten erleiden langfristige Schäden an ihrer Gesundheit und können nicht die produktive Leistung bringen, zu der sie eigentlich fähig wären. Das ist ein gigantisches humanitäres Problem und ein riesiger volkswirtschaftlicher Schaden.

mm: Diese Zahlen sind uns im reichen Westen gar nicht so bewusst. Wir sehen nur den wachsenden Wohlstand in vielen Staaten Asiens und Südamerikas, die wir noch vor wenigen Jahren zu den armen Entwicklungsländern zählten.

von Braun: Während in den vergangenen 15 Jahren große Teile der Welt erfreulich reicher wurden, stieg gleichzeitig die Zahl der Hungernden von 820 Millionen auf mehr als eine Milliarde Menschen. Das muss uns auch ethisch anrühren: Die Ärmsten der Armen wurden abgehängt.

mm: Es steht wohl zu befürchten, dass moralische Appelle als Sonntagsreden verhallen. Wird nicht eher die Angst der Reichen vor den Aufständen der Armen zu Veränderungen führen?

von Braun: Diesen Zusammenhang gibt es in der Tat. Während der Nahrungsmittelkrise 2007/08 ließ sich ein enger Zusammenhang zwischen steigenden Lebensmittelpreisen und Hungerprotesten feststellen. Das haben Regierungen erkannt und wollen nun – wie in einigen arabischen und afrikanischen Staaten – mit Subventionen oder Sonderzahlungen beruhigen. Mit gemischtem Erfolg.

mm: Richtig viel bewirkt haben diese Maßnahmen offenbar nicht. In Ägypten, Tunesien oder Libyen waren die hohen Lebensmittelpreise zumindest Mitauslöser der Aufstände.

von Braun: Deshalb haben nun auch die G20-Staaten das Thema Ernährungskrise auf ihre Agenda gesetzt. Wachgerüttelt hat sie dabei weniger die Armut der Hungernden, sondern das politische Risiko der Destabilisierung – gerade in den Staaten, von denen sich die industrialisierte Welt zukünftiges Wachstum oder zuverlässige Öllieferungen wünscht.

mm: Was können die G20 zur Lösung des Hungerproblems beitragen?

von Braun: Die führenden Nationen können auf zwei Gebieten echte Führung zeigen. Einmal müssen sie die Handelspolitik reformieren und die Getreidereservepolitik verbessern. Zum anderen müssen sie die Landwirtschaft stärken, etwa in dem sie die Mittel des internationalen Agrarforschungsfonds vervielfachen. Der ist mit derzeit 600 Millionen Euro pro Jahr viel zu klein.

"Eine Aufgabe der internationalen Gemeinschaft"

mm: Wofür sollten denn die zusätzlichen Forschungsmittel verwendet werden?

von Braun: Wir brauchen nachhaltige Innovationen in der Pflanzen- und Tierzucht, bei der Landbearbeitung, der Wasserwirtschaft, der Erhaltung der Biodiversität. All diese Aufgaben kann kein Land allein stemmen – das ist eine Aufgabe der internationalen Gemeinschaft. Wir haben die Wirkung verstärkter Agrarforschung 2010 in einer Studie untersucht. Demnach würde eine Verdreifachung der Forschungsmittel die Zahl der unterernährten Menschen bis 2025 um 400 Millionen verringern.

mm: Eine ziemlich langfristige Perspektive. Was lässt sich denn gegen die derzeit aktuellen Preissteigerungen tun?

von Braun: Hier muss die Handels- und Entwicklungspolitik ansetzen. Drei Maßnahmen könnten zu einer Reduzierung der Volatilität der Lebensmittelpreise beitragen. Erstens die Verhinderung von Exportstops wie sie Russland 2010 und Argentinien 2008 initiierten, weil solche Ausfuhrbeschränkungen die Preise hoch treiben und der Spekulation Vorschub leisten. Zweitens Vertrauensbildung durch Transparenz bei der staatlichen Getreidelagerhaltung. Und drittens die Einrichtung einer Weltgetreidebank, die ähnlich wie eine Zentralbank mit physischen Reserven und Offenmarktpolitik die Märkte reguliert.

mm: Wollen Sie auch etwas gegen die Spekulation mit Rohstoffen unternehmen?

von Braun: Ungehemmte Spekulation der sogenannten nicht-kommerziellen Händler – also derjenigen die gar kein operatives Geschäft mit Rohstoffen betreiben, sondern sie nur als Anlageform nutzen – sollte eingedämmt werden. Da ging die Deregulierung der Warenterminbörsen 2005 einfach zu weit. Deshalb sollten jetzt so wie im Bankensektor einmal die Transparenz der Termingeschäfte gestärkt und zum anderen die Mindestreserven für Warentermingeschäfte mit Getreide erhöht werden. Dann können die Warenterminbörsen wieder ihre ureigensten Funktionen wahrnehmen – den Ausgleich von Risiken und die effiziente Preisbildung.

mm: Diese Maßnahmen wurden ja schon nach der Lebensmittelkrise 2008 vorgeschlagen. Werden sie jetzt endlich umgesetzt?

von Braun: So optimistisch bin ich nicht. Die Probleme werden jetzt zwar ernsthafter diskutiert, auch bei den G20. Aber ich bin skeptisch, ob das von der derzeitigen Krise ausgelöste globale Schmerzempfinden in den reichen Ländern ausreicht um die erforderlichen tiefgreifenden Änderungen im System herbei zu führen.

mm: Viel schlimmer als der reihenweise Sturz von Regierungen und Flüchtlingsmassen kann es doch gar nicht mehr kommen. Warum geschieht dennoch nichts?

von Braun: Wir müssen leider konstatieren, dass die großen internationalen Organisationen nicht gut funktionieren. Deshalb sind die Staatschefs verständlicherweise skeptisch gegenüber neuen übergreifenden Institutionen. Erfreulicherweise haben zumindest eine Reihe von afrikanischen Staaten und China und Indien verbesserte Ernährungsstrategien aufgelegt und investieren mehr in Agrarentwicklung.

"Die Verschwendung muss endlich aufhören"

mm: Wo setzen diese positiven Entwicklungen an?

von Braun: An den zwei großen Sünden der vergangenen 20 Jahre. Der Agrarsünde und der Infrastruktursünde.

mm: Mit der Agrarsünde meinen sie die zu geringen Ausgaben für Forschung und Entwicklung in der Landwirtschaft. Was aber steckt hinter der Infrastruktursünde?

von Braun: Seit Jahrzehnten wird viel zu wenig in die Infrastruktur im ländlichen Raum investiert – insbesondere in Afrika und Teilen Asiens. Es mangelt an Straßen, Strom- und Wasserversorgung und an Telekommunikation. Dieser Infrastruktur bedarf es aber, damit die Nahrungsmittel kostengünstig vom Feld auch zu den Konsumenten kommen. Durch schlechte Lagerhaltung, fehlende Transportmöglichkeiten, unzureichende Kenntnisse und Informationen der Bauern gehen viel zu viele Lebensmittel verloren. Diese Verschwendung muss endlich aufhören – und zwar von den Feldern der Kleinbauern in Entwicklungsländern bis hin zum Verbraucherverhalten bei uns.

mm: Es gibt ja Schätzungen, dass bis zu 50 Prozent der produzierten Lebensmittel im Müll landen. Was lässt sich dagegen unternehmen?

von Braun: Diese hohen Prozentsätze treffen auf Frischwaren wie Obst oder Salat in den Supermärkten der reichen Länder zu. Bei Getreide sind die Verluste eher bei 10 Prozent. Aber wie hoch die Zahlen auch im Einzelfall sein mögen – gerade wir westlichen Konsumenten müssen unsere Einstellung zu den Ressourcen und Lebensmitteln grundlegend rändern. Wer alle Waren superfrisch haben will, der soll dafür einen Premiumpreis zahlen. Alles was noch okay ist könnte günstiger angeboten statt weggeworfen werden. Da könnten die Händler innovative Ideen entwickeln.

mm: Wenn sie denn dürften. Schreiben nicht die EU-Regelungen strikt vor, welche Lebensmittel nicht mehr verkauft werden dürfen?

von Braun: Die strikten Verfallsdaten sind reglementierte Verschwendung. Oder Vorschriften, dass unverkaufte Brote nicht an Schweine verfüttert werden dürfen. Solchen Regelungen kann sich eine 9-Milliarden-Welt mit knappem Land und Wasser nicht mehr leisten.

mm: Regen Sie sich so auch über die Subventionen für die Landwirtschaft auf?

von Braun: Innovation in der Landwirtschaft muss gefördert werden. Den ausufernden Anbau von Energiepflanzen staatlich zu fördern, statt Geld in Agrarforschung und bessere ländliche Infrastruktur zu stecken, ist der falsche Weg. Statt solcher Subventionen brauchen wir dringend Investitionen in die Bioökonomie – also in die gesamte Wertschöpfungskette vom Acker bis zu Teller. Ohne Geld lässt sich die Welternährung nicht verbessern.

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