Fotostrecke

Desasterfolgen: Japans Riesenkampf gegen das Wirtschaftsbeben

Foto: AFP

Fabriknetzwerke Weltwirtschaft in der Japan-Zange

Es ist ein globales Netz, und es ist gestört. Japan droht als Lieferant für Fabriken von San Francisco bis nach Oberbayern auszufallen. Zugleich platzen Milliardenexporte in die Krisenregion. So droht Japan zum Engpassfaktor der Weltkonjunktur zu werden - und auch Deutschlands Aufschwung zu bremsen.
Von Markus Gärtner

Vancouver - Die Katastrophe in Japan wird auf die gesamte Weltwirtschaft ausstrahlen. In Brasilien sorgen sich Anleger um die Kurse ihrer Anleihen, weil Japan im südlichen Teil des amerikanischen Doppelkontinents viel in Bonds investiert hat und wohl einiges von dem Kapital für den Wiederaufbau abziehen muss. In Singapur, dem führenden Umschlagplatz Südostasiens, werden sämtliche Lebensmittel aus Japan auf atomare Strahlung untersucht. Währenddessen leiten Airlines wie die Lufthansa  oder die Air France Jets mit Flugziel Tokio in den Süden Japans um und nehmen neue Kabinenteams in Korea auf, damit keine Crew in Japan übernachten muss. Doch die brisanteste Fernwirkung der Katastrophe in Japan auf die Weltwirtschaft dürfte in den kommenden Monaten eine ganz andere sein.

Im engmaschigen Netzwerk der globalen Lieferketten, die vom Perlflussdelta in China bis in den Hamburger Hafen reichen, und vom Nordosten Japans bis in bayerische Autofabriken, droht ein Infarkt. Und der könnte die Weltwirtschaft empfindlich treffen - zu einer Zeit, in der die globale Konjunktur nach der stabilen Entwicklung im Jahr 2010 ohnehin schon etwas von ihrem Schwung einbüßt.

Japan, so haben die Analysten beim Credit Lyonnais Securities Asia (CLSA) ausgerechnet, liefert ein Fünftel der Technologieprodukte auf der Welt, und stattliche 40 Prozent der Technologiekomponenten. Das sind Teile und Baugruppen für alle modernen Geräte, vom PC über das Smartphone bis hin zum LCD-Bildschirm und elektronischen Lesegeräten. Lieferanten in Japan produzieren 30 Prozent aller Flash-Memory-Chips, die in Smartphones und digitale Kameras gepackt werden sowie 15 Prozent aller D-RAM Speicherchips für Computer.

Asahi , NH Techno und Nippon Electric Glass sind drei der weltweit größten Lieferanten für das Glas in den Flachbildschirmen. Lieferanten aus dem Land der aufgehenden Sonne steuern so viele Komponenten zum Dreamliner von Boeing  bei, dass Branchenkenner spotten, das Flugzeug sei in Wahrheit ein japanischer Jet. Japans Hightech-Zulieferer tragen laut einem Papier der Asiatischen Entwicklungsbank vom Dezember rund ein Drittel zum iPhone bei. Wenn sie ausfallen, stocken Lieferketten bis ans andere Ende der Welt. Beispiel: Wenn Toshiba  keine Display-Module mehr liefern kann, dann lahmt im schlimmsten Fall auch der Absatz von Kameramodulen, Mobilfunkchips und GPS-Empfängern, die Infineon zu dem Erfolgsprodukt von Apple  beisteuert. So weit verzweigt sind in der modernen Weltwirtschaft die Lieferketten, und so anfällig.

Handyriese Nokia fürchtet um Japan-Lieferungen

"Japan ist ein kritischer Bestandteil in der globalen Nahrungskette der Tech-Industrie", heißt es in dem Papier von CLSA. Jetzt fragen sich die Logistiker bei koreanischen Werften, ob sie noch genügend Stahl aus Japan bekommen. "Das Erdbeben hat 20 Prozent von Japans Stahlproduktion beeinträchtigt", sagt Kim Hyun-tae, ein Analyst beim Brokerhaus Hyundai Securities in Seoul. Auch im globalen Telekomsektor herrscht Nervosität mit Blick auf die Lieferketten, die in Japan beginnen. Nokia , immer noch der größte Handyproduzent der Welt, fragt sich ebenfalls, ob der Nachschub aus Japan abreißt oder weiter funktioniert. Denn das Unternehmen rechnet 12 Prozent seiner Zukäufe von Komponenten mit Lieferanten in Nippon ab.

"Bis wir Genaueres über die Folgen wissen, ist es nicht angebracht über Störungen der Lieferkette zu spekulieren", heißt es bei Nokia. So argumentiert man auch bei Toshiba, das etwa ein Drittel des weltweiten Angebots an sogenannten NAND Memory Chips bereitstellt, die in digitale Kameras, MP3-Player und Laufwerke eingebaut werden. Toshiba hat die Inspektion seiner Fabrik in der schwer zerstörten Präfektur Iwate - wo Bildsensoren und Mikroprozessoren gefertigt werden - noch gar nicht abgeschlossen. Doch auf der Webseite des Wirtschaftsblogs Business Insider ist eine schöne Grafik zu sehen, die allein bereits 42 beschädigte Halbleiter- und andere Hightech-Fabriken in ganz Japan anzeigt. Über den Grad der Beschädigung oder Zerstörung werden dort leider keine Angaben gemacht.

Dass man mehr Zeit braucht, ist ein Hinweis, der in diesen Tagen ständig kommt. Kaum jemand in Übersee hat bereits ein genaues Bild davon, wie stark die Schäden bei japanischen Lieferanten sind. Das schaffen nicht einmal die japanischen Hersteller selbst: Honda  zum Beispiel überprüft seit dem Wochenende 113 Lieferanten in der verwüsteten Region im Nordosten Japans. Doch erst mit der Hälfte der Zulieferer gelang bis zum Dienstag die Kontaktaufnahme.

Selbst BMW-Einkaufsvorstand Herbert Diess weiß nicht genau, ob die Getriebe, die die Münchener  aus Japan beziehen, bis in ein paar Wochen noch kommen. So lange reicht der Vorrat, wie Diess versichert. Nicht alle bleiben so ruhig wie der BMW-Manager. "Wir sind besorgt über Unterbrechungen in der Zulieferung von Chipkomponenten und Ausrüstungen, die unsere Fertigung beeinträchtigen können", sagt Kim Min-chul, der Finanzchef von Hynix, dem zweitgrößten Hersteller von Speicherchips auf der Welt.

Japan-Desaster sorgt für erste globale Preisschocks

Allein die Aussicht auf unterbrochene Lieferketten treibt seit Montag die Preise. Denn "selbst wenn sich der Schaden in den Fabriken im Nordosten Japans als begrenzt erweisen sollte", heißt es in einer ersten Analyse des Research-Spezialisten iSuppli, "können Strom- und Transportengpässe erhebliche Knappheiten auslösen und zu großen Preissprüngen führen". In der Tat:

Die Preise für verschiedene Computerchips schossen am Montag dieser Woche an den asiatischen Spotmärkten um 20 Prozent nach oben, am Dienstag um weitere 3 bis 5 Prozent, und heute um weitere 5 Prozent. Einiges von diesem Preissprung "ist spekulativer Natur", heißt es bei Kingston Technology, einem der größten Lieferanten von Speicherchips auf der Welt, "aber es gibt auch berechtigte Sorgen über eine Unterbrechung der logistischen Ketten".

Selbst wenn einzelne Fabriken wieder die Bänder anwerfen können, ist eine Fortsetzung der Fertigung längst nicht ausgemachte Sache. Für viele Firmen, auch solche, die in Japan selbst produzieren, ist gar nicht klar, ob ihre Beschäftigten noch am Ort sind. Alcatel-Lucent , Frankreichs größter Hersteller von Telefonausrüstungen, überlegt nach der Warnung von Regierungschef Naoto Kan, dass das Strahlenrisiko wächst, seinen Mitarbeitern in Tokio den Umzug in andere Landesteile zu erlauben. Und Infosys , Indiens zweitgrößter Exporteur von Software, hilft seinen Beschäftigten bereits beim Wechsel an sichere Orte. Auch die Citigroup  soll zahlreiche Anfragen ihrer Beschäftigten in Tokio erhalten haben, die Japan verlassen wollen. Die WestLB schließlich hat ihren verbliebenen 20 Angestellten in Tokio angeboten, von anderen Orten aus weiterzuarbeiten.

Die Katastrophe in Japan wirkt auch in die umgekehrte Richtung. Lieferanten in vielen Teilen der Welt wissen derzeit nicht, wann sie ihre Exporte in die Krisenregion wieder aufnehmen können. Beispiel Chile, der größte Kupferexporteur auf dem Globus: Japan kaufte dem südamerikanischen Staat im Januar ein Drittel seines gesamten Kupferkonzentrats ab, das Chile ausführt. Jetzt weiß in Chiles Minen niemand, wie es weitergeht. Denn wenn die Abnehmer in Japan wegen des Erdbebens höhere Gewalt geltend machen und für einige Zeit weniger oder nichts mehr kaufen, müssen sich die Schürfer in Escondida, der von BHP Billiton geführten größten Kupfermine auf dem Globus, neue Absatzmärkte suchen. Das dürfte einige Zeit dauern.

Japans Desaster bremst Weltkonjunkturlokomotive Asien

Das Desaster in Japan kann über die Lieferketten sogar die viel beschworene Dynamik in den Schwellenmärkten empfindlich drosseln. Japan ist der zweitgrößte Abnehmer für chinesische Waren, nach den USA. Im Februar nahm Japan 8,5 Prozent aller China-Exporte ab. Umgekehrt ist Japan längst zum größten Lieferanten der Volksrepublik aufgestiegen, mit einem Anteil von 12,3 Prozent aller Importe Chinas im Februar. Im Jahr 2009 gingen 37 Prozent aller japanischen Ausfuhren nach Asien. Oft an Hersteller, die später mit ihren Elektronikerzeugnissen europäische Kunden beliefern, ob von Penang in Malaysia aus, von Singapur oder von neuen Hightech-Clustern in China wie Suzhou, Shenzhen oder Dungguan.

Laut einer Analyse der Schweizer Großbank UBS  zu den Lieferbeziehungen innerhalb Asiens ist der Warenaustausch der Nachbarn mit Japan so ausgeprägt, dass in Singapur, Thailand und Taiwan die Importe aus Japan 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachen. Über die Hälfte davon sind Maschinen, Tech-Komponenten, Transportausrüstungen und Fahrzeugteile.

Stockt dieser technologische Malstrom, riskiert ganz Asien, das 2011 um 6 bis 7 Prozent wachsen und die globale Konjunktur weiter antreiben soll, eine unsanfte Bremsung. Und die dürfte dann bis nach Deutschland zu spüren sein.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.