Samstag, 21. September 2019

Fabriknetzwerke Weltwirtschaft in der Japan-Zange

Desasterfolgen: Japans Riesenkampf gegen das Wirtschaftsbeben
REUTERS

2. Teil: Japan-Desaster sorgt für erste globale Preisschocks

Allein die Aussicht auf unterbrochene Lieferketten treibt seit Montag die Preise. Denn "selbst wenn sich der Schaden in den Fabriken im Nordosten Japans als begrenzt erweisen sollte", heißt es in einer ersten Analyse des Research-Spezialisten iSuppli, "können Strom- und Transportengpässe erhebliche Knappheiten auslösen und zu großen Preissprüngen führen". In der Tat:

Die Preise für verschiedene Computerchips schossen am Montag dieser Woche an den asiatischen Spotmärkten um 20 Prozent nach oben, am Dienstag um weitere 3 bis 5 Prozent, und heute um weitere 5 Prozent. Einiges von diesem Preissprung "ist spekulativer Natur", heißt es bei Kingston Technology, einem der größten Lieferanten von Speicherchips auf der Welt, "aber es gibt auch berechtigte Sorgen über eine Unterbrechung der logistischen Ketten".

Selbst wenn einzelne Fabriken wieder die Bänder anwerfen können, ist eine Fortsetzung der Fertigung längst nicht ausgemachte Sache. Für viele Firmen, auch solche, die in Japan selbst produzieren, ist gar nicht klar, ob ihre Beschäftigten noch am Ort sind. Alcatel-Lucent Börsen-Chart zeigen, Frankreichs größter Hersteller von Telefonausrüstungen, überlegt nach der Warnung von Regierungschef Naoto Kan, dass das Strahlenrisiko wächst, seinen Mitarbeitern in Tokio den Umzug in andere Landesteile zu erlauben. Und Infosys Börsen-Chart zeigen, Indiens zweitgrößter Exporteur von Software, hilft seinen Beschäftigten bereits beim Wechsel an sichere Orte. Auch die Citigroup Börsen-Chart zeigen soll zahlreiche Anfragen ihrer Beschäftigten in Tokio erhalten haben, die Japan verlassen wollen. Die WestLB schließlich hat ihren verbliebenen 20 Angestellten in Tokio angeboten, von anderen Orten aus weiterzuarbeiten.

Die Katastrophe in Japan wirkt auch in die umgekehrte Richtung. Lieferanten in vielen Teilen der Welt wissen derzeit nicht, wann sie ihre Exporte in die Krisenregion wieder aufnehmen können. Beispiel Chile, der größte Kupferexporteur auf dem Globus: Japan kaufte dem südamerikanischen Staat im Januar ein Drittel seines gesamten Kupferkonzentrats ab, das Chile ausführt. Jetzt weiß in Chiles Minen niemand, wie es weitergeht. Denn wenn die Abnehmer in Japan wegen des Erdbebens höhere Gewalt geltend machen und für einige Zeit weniger oder nichts mehr kaufen, müssen sich die Schürfer in Escondida, der von BHP Billiton geführten größten Kupfermine auf dem Globus, neue Absatzmärkte suchen. Das dürfte einige Zeit dauern.

Japans Desaster bremst Weltkonjunkturlokomotive Asien

Das Desaster in Japan kann über die Lieferketten sogar die viel beschworene Dynamik in den Schwellenmärkten empfindlich drosseln. Japan ist der zweitgrößte Abnehmer für chinesische Waren, nach den USA. Im Februar nahm Japan 8,5 Prozent aller China-Exporte ab. Umgekehrt ist Japan längst zum größten Lieferanten der Volksrepublik aufgestiegen, mit einem Anteil von 12,3 Prozent aller Importe Chinas im Februar. Im Jahr 2009 gingen 37 Prozent aller japanischen Ausfuhren nach Asien. Oft an Hersteller, die später mit ihren Elektronikerzeugnissen europäische Kunden beliefern, ob von Penang in Malaysia aus, von Singapur oder von neuen Hightech-Clustern in China wie Suzhou, Shenzhen oder Dungguan.

Laut einer Analyse der Schweizer Großbank UBS Börsen-Chart zeigen zu den Lieferbeziehungen innerhalb Asiens ist der Warenaustausch der Nachbarn mit Japan so ausgeprägt, dass in Singapur, Thailand und Taiwan die Importe aus Japan 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachen. Über die Hälfte davon sind Maschinen, Tech-Komponenten, Transportausrüstungen und Fahrzeugteile.

Stockt dieser technologische Malstrom, riskiert ganz Asien, das 2011 um 6 bis 7 Prozent wachsen und die globale Konjunktur weiter antreiben soll, eine unsanfte Bremsung. Und die dürfte dann bis nach Deutschland zu spüren sein.

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