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Stromstoß: Wie Amerika mit dem Atombeben hadert

Foto: Mary Altaffer/ AP

Globalisierung Amerikas Angst vor dem Atombeben

Amerika, die Atomnation Nummer eins, ist in Sorge. Japans Reaktorkatastrophe schürt Angst vor möglichen Infarkten in weltweiten Lieferketten. Und vor einem Nachbeben auf einem wichtigen Gebiet der US-Politik - dem Ausbau des Atomprogramms.
Von Markus Gärtner

Vancouver - Amerika hält inne. Die drohende Atomkatastrophe in Japan, der drittgrößten Volkswirtschaft der Erde, da sind sich die Amerikaner einig, wird auch das Leben auf der anderen, auf ihrer Seite des Pazifiks verändern. Nicht zuletzt, weil das globale Netzwerk an Lieferanten heute viel enger verschlungen ist, als je zuvor.

Zwar ist Japan derzeit kein Treibriemen der Weltwirtschaft - im Gegenteil: Die Wirtschaftsleistung schrumpfte im Schlussquartal 2010 um 1,3 Prozent. Doch japanische High-Tech-Firmen nehmen in zahlreichen weltweiten Lieferketten Schlüsselpositionen ein. Und niemand weiß, wie viele von ihnen für wie lange ausfallen. Für den neuen Boeing Dreamliner, immerhin das Flaggschiffer der US-Flugzeugproduktion, liefern zum Beispiel japanische Zulieferer so viele Bauelemente, dass manche in der Branche spotten, der Flieger sei in Wirklichkeit ein japanischer Jet. Und das iPhone, das neue Kulttelefon des US-Computerunternehmens Apple, besteht zu mehr als 33 Prozent aus japanischer Wertschöpfung, wie die asiatische Entwicklungsbank im Dezember in einem viel beachteten Papier ermittelte. Allein der japanische Elektroriese Toshiba liefert für das iPhone wichtige Bauelemente: Flash Memorys, Display-Module und den Touchscreen genannten Bildschirm.

Vor diesem Hintergrund sorgt es in Nordamerikas Industrie für Unruhe, dass Toyota, Nissan und Honda allein zehn Fabriken geschlossen haben und Sony sechs weitere Werke stilllegte, und dass die Sorge um die Zulieferungen wegen zerstörter Straßen, Brücken und Häfen bei dieser Entscheidung eine wichtige Rolle spielt.

Mit Blick auf die Energieversorgung und die Strategie für ein Zeitalter nach dem Öl hat die Katastrophe in Japan ebenfalls sofort zu Reaktionen in Amerika geführt. Denn sie kommt zu einem sensiblen Zeitpunkt. In den USA rasen die Preise an den Tankstellen auf 4 Dollar je Gallone zu, was als politisch brisante Marke gilt. Präsident Barack Obama hatte am Freitag fast zeitgleich mit dem Erdbeben in Japan zu "einer umfassenden Energiestrategie" aufgerufen. Diese soll laut seiner Rede zur Lage der Nation vor zwei Monaten erreichen, dass bis 2035 rund 80 Prozent des Stroms von Energieträgern kommen, die weniger Klimagase als Öl freisetzen: vor allem Gas, Wind - und Atomenergie.

Atomkraft als Auswegenergie im Aufwind

Dabei sind jedoch die USA nicht ganz frei in der Wahl ihrer Mittel. Denn Erdgas zum Beispiel wird immer stärker aus sogenannten unkonventionellen Vorkommen gewonnen. Bei der als "Fracking" bezeichneten Methode wird Wasser zusammen mit Chemikalien unter starkem Druck in die Erde gepumpt, um Gestein aufzubrechen und das Gas freizusetzen. Das ruft wegen der Gefahren für das Trinkwasser zunehmend Umweltschützer auf den Plan und hat in Arkansas zur Einstellung vieler Projekte geführt. Die Öl- und Gaskommission des Bundesstaates fürchtet, dass die 800 kleinen Erdbeben, die in den vergangenen Monaten dort registriert wurden, mit dem "Fracking" zusammenhängen könnten. Widerstände gegen diese Art der Gasgewinnung sowie die Ölkatastrophe im vorigen Sommer im Golf von Mexiko haben der Atomenergie in den USA nach 30 Jahren Zwangspause, die auf den Unfall in Three Mile Island folgte, zuletzt wieder Auftrieb gegeben.

Der Bau neuer Kernkraftwerke ist eines der wenigen großen Vorhaben, auf die sich Demokraten und Republikaner derzeit in Washington ohne viel Gefeilsche verständigen können. Barack Obama hat in die Budgetvorlage für den Haushalt 2012 rund 36 Milliarden Dollar Kreditgarantien für den Bau neuer Atomkraftwerke eingeplant, mit Unterstützung der Republikanischen Opposition. Nach dem Unfall im Kraftwerk von Three Mile Island in Pennsylvania 1979 wurden 30 Jahre lang keine neuen Genehmigungen für den Bau solcher Kraftwerke erteilt.

Doch bis 2020 sollen vier neue Reaktoren in Georgia, Tennessee und South Carolina ans Netz gehen. Steigende Ölpreise, die hohe Abhängigkeit von den Ölimporten der Opec-Kartellstaaten sowie technische Fortschritte, die die Industrie unermüdlich betont, haben in der Öffentlichkeit den Boden für eine Wiederbelebung dieser Energiequelle bereitet. Ob die Krise in verschiedenen Nuklearanlagen in Japan, vor allem der Fukushima-Reaktoren, das neue Momentum in den USA beeinträchtigen werden, ist noch unklar. Am Wochenende gab es erste Warnungen, aber auch Zustimmung für die begonnene Wiederbelebung des Atomprogramms.

Wall Street beeinflusst Atomdebatte

Das Wall Street Journal, bekanntlich kein wirtschaftsfeindliches Blatt, äußerte Zweifel, ob sich nach Japan noch behaupten ließe, dass in Kernkraftwerke genügend Sicherheiten eingebaut werden können. Der einflussreiche Senator Joe Lieberman forderte angesichts der Entwicklung in Japan, die USA sollten mit den neuen Kraftwerken erst einmal "auf die Bremse treten". Er forderte mit dem Hinweis, er sei für Kernkraftwerke, die USA sollten zunächst genau studieren, was man aus den Erfahrungen in Japan lernen könne. Lieberman wies darauf hin, dass in den USA 104 Kernkraftwerke am Netz hängen und 23 auf demselben Design basieren wie jene in Japan, denen eine Kernschmelze droht.

Dagegen bekräftigten Senatoren wie Charles Schumer aus New York und Mitch McConnell aus Kentucky die Notwendigkeit für die USA, zur Drosselung der Ölimporte und für die Reduzierung der Treibhausgase mehr Atomkraftwerke zu bauen. "Wir müssen berücksichtigen, was in Japan passiert", sagt Schumer, "aber wir dürfen nicht so viel Öl von der anderen Hälfte des Planeten einkaufen".

Die weitere Diskussion über das Für und Wider der Kernkraft in den USA wird auch durch die Wall Street beeinflusst. Bei Banken und Investoren hat der Energieträger zuletzt weniger Gnade gefunden, weil die modernen Kraftwerke aufwändiger und damit riskanter zu finanzieren sind und weil Gas so günstig geworden ist, dass es eine ernst zu nehmende Konkurrenz darstellt. Die Rezession hat zudem den Strombedarf zumindest so weit gedrosselt, dass der Bau neuer Kraftwerke nicht mehr so attraktiv erscheint wie noch vor drei Jahren.

Kanadas Furcht vor den Folgen der Atomdiskussion

Auch in Kanada gibt es Befürchtungen, dass die Schäden an japanischen Kernkraftwerken Pläne für einen Ausbau dieses Energieträgers zurückwerfen könnten. "Das Mindeste was passieren wird, ist, dass die Sicherheitsvorkehrungen in bestehenden Kraftwerken erneut überprüft werden", sagt Energieberater Tom Adams in Ontario. In Kanada arbeiten derzeit laut der Nuclear Safety Commission sieben solche Kraftwerke, drei davon in Ontario. Die kanadische Kommission für nukleare Sicherheit beeilte sich nach den ersten Meldungen aus Japan zu versichern, die Kernkraftwerke im Ahornland "gehören zu den robustesten der Welt".

Immerhin eine kleine Entspannung verzeichnen die US-Kommentatoren für wirtschaftliche Entwicklung nach Japans Reaktorschreck für das eigene Land: Am Ölmarkt wird vorübergehend mit einer Beruhigung und mit sinkenden Kursen gerechnet, trotz der Unruhen in Nordafrika und dem Nahen Osten. Der Grund: Japan ist der drittgrößte Ölverbraucher auf dem Planeten und der zweitgrößte Nettoimporteur. Japans Industrie aber ist gerade zumindest zu einem Teil gelähmt - und deren Bedarf an Rohstoffen deshalb vorerst vergleichsweise gering.