Fukushima I Hubschrauber sollen Wasser auf Reaktor schütten

Verzweiflungstat: Ingenieure der Betreiberfirma Tepco wollen mit Hilfe von Hubschraubern Wasser durch das zerstörte Dach in Block 4 zu schütten, um den Reaktor des Atomkraftwerks zu kühlen. Inzwischen steigt die radioaktive Belastung auch in der Nähe von Tokio.
Fukushima I: Inzwischen sind vier Blöcke des Kernkraftwerks betroffen

Fukushima I: Inzwischen sind vier Blöcke des Kernkraftwerks betroffen

Foto: AFP/ NHK

Tokio- Seit Tagen versuchen Mitarbeiter von Tepco vergeblich, die Situation im Atomkraftwerk Fukushima unter Kontrolle zu bekommen. Nun werden die Mittel immer verzweifelter: Durch den Einsatz von Löschwasser aus der Luft sollen im Inneren Kernbrennstäbe gekühlt werden, wie der staatliche Fernsehsender NHK am Dienstag berichtete.

Zuvor war bekanntgeworden, dass sich die Wassertemperatur im Abklingbecken der Brennstäbe bedrohlich erhöht hatte.

Block 4 ist der derzeit einzige unter den havarierten Meilern, der sich aus technischen Gründen nicht aus unmittelbarer Nähe mit Meerwasser kühlen lässt. Eine Explosion hatte Löcher in eine Wand sowie das Dach gerissen.

Strahlung für Einsatz von Menschen wohl zu hoch

In den japanischen Medien wurde vermutet, dass die Radioaktivität im AKW zu hoch für einen Einsatz von Menschen ist. Deshalb werde eine Lösung aus der Luft geprüft. Alternativ könnten Feuerwehrwagen an das Reaktorgebäude herangefahren werden, um durch die Löcher Wasser in den Reaktor zu spritzen, hieß es.

Block 4 war noch vor dem Erdbeben am Freitag für Wartungsarbeiten vom Netz genommen worden. Deshalb lagern die Brennstäbe außerhalb der eigentlichen Schutzhülle des Reaktors.

Zwei Löcher in der Wand von Reaktor 4

Die japanische Atomaufsicht teilte mit, in der Wand von Reaktor 4 des Atomkraftwerks Fukushima I klafften zwei Löcher mit einer Größe von jeweils acht Quadratmetern. Im dem Reaktor war zuvor in einem Lager für verbrannte Brennstäbe ein Feuer ausgebrochen, das aber bereits wieder gelöscht worden sein soll. Dabei wurde die Außenwand stark beschädigt. Inzwischen hat sich vor der japanischen Ostküste nach Angaben des japanischen Meteorologischer Dienstes auf Höhe von Fukushima ein weiteres schweres Nachbeben der Stärke 6,3 ereignet.

Reaktor 4 war vor dem heftigen Erdbeben am Freitag für Wartungsarbeiten vom Netz genommen worden. Inzwischen droht auch hier die Kühlung auszufallen. Die abgebrannten Brennstäbe, die im Abklingbecken aufbewahrt werden, könnten das Kühlwasser zum Kochen bringen und verdampfen lassen, teilte die Nachrichtenagentur Kyodo am Dienstag unter Berufung auf den Betreiber Tepco mit.

Erhöhte Strahlungswerte südlich von Fukushima

Südlich von Fukushima meldeten die Behörden Strahlungswerte, die rund 100 Mal so hoch waren wie normal, wie die Nachrichtenagentur Kyodo berichtete. Die radioaktive Belastung in der Nähe von Tokio stieg nach Angaben der Präfektur von Chiba auf das zehnfache Niveau der üblichen Strahlung. Nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) beziffern japanische Behörden die Strahlenbelastung beim Atomkraftwerk Fukushima auf bis zu 400 Millisievert pro Stunde. Laut der deutschen Strahlenschutzverordnung von 2001 liegt der Dosisgrenzwert für die Bevölkerung bei ein Millisievert im Kalenderjahr.

Ministerpräsident Naoto Kan warnte vor weiteren Lecks und forderte alle Menschen im Umkreis von 30 Kilometern um das Kraftwerk Fukushima auf, sich nicht im Freien aufzuhalten. "Bitte gehen Sie nicht nach draußen. Bitte bleiben sie drinnen", sagte der Chef des japanischen Kabinettssekretariats, Yukio Edano, den Bewohnern der Region. "Bitte schließen Sie die Fenster und schließen Sie Ihr Haus luftdicht ab." Es bestehe eine Gefahr für die Gesundheit. "Daran gibt es keinen Zweifel."

Explosion beschädigt Hülle von Reaktor 2

Bereits am Morgen kam es im Reaktor 2 zu einer neuen Explosion. Bei der Explosion sei wahrscheinlich ein Teil des Reaktorbehälters beschädigt worden, sagte Regierungssprecher Yukio Edano. Jetzt werde in den Reaktorblöcken 1 bis 3 das Einpumpen von Wasser planmäßig fortgesetzt. Im Block 1 gab es bereits am Samstag, in Block 3 am Montag eine Wasserstoffexplosion. In beiden Fällen wurde das äußere Gebäude zerstört. Es gelte jetzt, die Kühlung aufrechtzuerhalten, sagte Edano. Eine Kernschmelze droht seit Tagen.

Die AKW-Betreibergesellschaft Tepco erklärte, dass bei der Detonation im Reaktor 2 im Unterschied zu den beiden ersten Explosionen der Reaktor selbst beschädigt worden sei. Es handle ich um eine "sehr schlimme" Lage. Ein Tepco-Sprecher teilte mit, es könne nicht ausgeschlossen werden, dass es zu einer Kernschmelze komme.

Zum Zeitpunkt der neuen Explosion herrschte nach Angaben von Meteorologen Nordwind. Dies würde bedeuten, dass radioaktive Teilchen auch nach Süden in Richtung Tokio gelangen könnten. In Ibaraki - südlich von Fukushima - wurde Kyodo zufolge bereits erhöhte Strahlung gemessen.

Eine geringe Menge radioaktiver Substanzen sei in Tokio gemessen worden, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo. Wie gefährlich diese ist, war zunächst unklar. Im Großraum Tokio leben mehr als 35 Millionen Menschen. Viele Bewohner hatten sich aus Angst vor dem Atomunfall schon auf den Weg in den weiter entfernten Süden des Landes gemacht.

Börse in Tokio bricht ein

Nach den neuen Schreckensnachrichten stürzten an der Börse in Tokio die Aktienmärkte dramatisch ein. Der Leitindex Nikkei brach nach Handelsmitte um 13 Prozent ein. Der Index sank zwischenzeitlich auf unter 8300 Punkte.

Am zweiten Tag in Folge schaltete der Energiekonzern Tepco den Strom im Großraum Tokio teilweise ab. Die Maßnahme begann am Dienstag um 7.00 Uhr Ortszeit in Teilen der Präfekturen Tochigi, Gunma, Saitama and Kanagawa. Damit soll Stromengpässen nach dem Erdbeben vorgebeugt werden.

Das THW-Einsatzteam beendete seinen Einsatz. Rund 100 Stunden nach dem Erdbeben und dem Tsunami gebe es praktisch keine Chancen mehr, dass es in den Katastrophengebieten noch Überlebende gebe, sagte Teamleiter Ulf Langemeier im Einsatzlager in Tome.

Ein Erdbeben der Stärke 9,0 und ein folgender Tsunami hatte am Freitag das asiatische Land verwüstet. Die offizielle Zahl der Toten stand am Dienstag bei 2414, berichtete der Sender BBC unter Berufung auf die japanische Polizei. Die Behörden fürchten aber, dass mindestens 10.000 Menschen ihr Leben verloren haben.

mg/dpa/dapd/rtr
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