Brisante Langfristfolgen Reaktorunglück trifft Wirtschaft härter als Erdbeben und Tsunami

Das Leid der Menschen und die Verwüstungen in Japan sind kaum zu schätzen. Die Folgen des Erdbebens und des Tsunamis wird die Volkswirtschaft mittelfristig verkraften, meinen Experten. Die Reaktorkatastrophe werde jedoch zu einem langfristigen Problem - für die Menschen wie für die künftige Energieversorgung.
Von Kristian Klooß
Verwüstungen: Eine Frau wartet in der verwüsteten Stadt Ishimaki auf Hilfe

Verwüstungen: Eine Frau wartet in der verwüsteten Stadt Ishimaki auf Hilfe

Foto: REUTERS/ Yomiuri Shimbun

Hamburg - Japans Premierminister Ministerpräsident Naoto Kan spricht von einer "historischen Notlage", von der "schlimmsten Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs". Es wird befürchtet, dass Erdbeben und Fluten mehr als 10.000 Menschen das Leben gekostet haben.

Im Vordergrund stehen derzeit vor allem die Rettung und Versorgung der Menschen im Erdbebengebiet und der Versuch, die von Kernschmelzen betroffenen Atomkraftwerke unter Kontrolle zu bringen. "Sachschäden und Kosten wurden hier bislang noch gar nicht diskutiert", sagt Pascal Gudorf, Sprecher der Deutsch-Japanische Handelskammer in Tokio.

Während die Bevölkerung noch mit den unmittelbaren Folgen zerstörter Verkehrswege und Stromknappheit kämpft, haben sich Analysten bereits daran gemacht, den Schaden auch in wirtschaftlichen Kennzahlen messbar zu machen.

So schätzt der auf Risikoanalysen spezialisierte Versicherungsdienstleister AIR Worldwide die versicherten Schäden, die durch das Erdbeben alleine an Gebäuden verursacht wurden, auf bis zu 21,5 Milliarden Euro. Die japanische Niederlassung der Schweizer Grossbank Credit Suisse in Tokio schätzte die wirtschaftlichen Schäden der Katastrophe auf bis zu 128 Milliarden Euro.

Am Montag schloss der Nikkei  mit einem Minus von 6,2 Prozent. Verlierer des Tages war das Unternehmen Tokyo Electric Power, kurz Tepco. Das Unternehmen, das die von der Kernschmelze betroffenen Atomreaktoren in Fukushima betreibt, wurde bei einem Verlust von 23 Prozent aus dem Handel genommen. Das Verkehrsunternehmen East Japan Railway - ein Zug des Unternehmens wurde von dem Tsunami aus dem Gleis gerissen - ging mit 18 Prozent Verlust aus dem Handel.

Die Regierung rationiert die Stromversorgung

Zu den weiteren Verlierern gehörten darüber hinaus Stahlwerke, Autohersteller wie Toyota  und Honda  sowie Elektronikproduzenten wie Toshiba und Hitachi. Der Grund: viele Unternehmen mussten wegen der Zerstörungen und der Energieknappheit die Produktion in wichtigen Fabriken einstellen.

Die japanische Regierung kämpft inzwischen an vielen Fronten. Einerseits ruft sie Großunternehmen zu Einsparungen und Produktionsstilllegungen auf und rationiert bis voraussichtlich Ende April die Stromversorgung. Andererseits pumpt ihre Notenbank, die Bank of Japan, Geld in die Märkte, um dem durch diese Maßnahmen befürchteten Absturz der japanischen Wirtschaft zu begegnen.

Das Programm zum Aufkauf von Wertpapieren werde um fünf Billionen Yen (rund 44 Milliarden Euro) ausgebaut, teilte die Notenbank am Montag kurz vor Handelsschluss in Tokio mit. Darüber hinaus behält sie ihre Nullzinspolitik bei. Geschäftsbanken können sich bei ihr weiter zu einem Leitzins von 0,0 bis 0,1 Prozent mit Geld versorgen.

Die Notenbank kündigte zudem an, umgerechnet rund 132 Milliarden Euro für das Finanzsystem zur Verfügung zu stellen. "Dieser Schritt zielt darauf ab, die Finanzmärkte zu stabilisieren", sagte ein Notenbanker. Finanzminister Yoshihiko Noda begrüßte die "angemessene und rasche Entscheidung".

Schlechte Ratings für Japan haben bislang kaum Spuren hinterlassen

Auch Experten gewinnen den Schritten der japanischen Notenbank Positives ab. "Die Regierung kann das schultern", sagt Klaus-Jürgen Gern, Makroökonom beim Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Da in der japanischen Volkswirtschaft die gesamtwirtschaftlichen Ersparnisse weiter stiegen, sei ein weiteres Konjunkturprogramm zumindest kurzfristig kein Problem.

"Durch die Finanzspritzen der Notenbank erhöht sich aber natürlich der Schuldenberg weiter", sagt Gern. Was bei einem Defizit von bereits nahezu 200 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung aber nicht mehr viel ausmache. "Die Neuverschuldung wird dann eben nicht bei 7, sondern bei 8 Prozent liegen." Und die Gesamtverschuldung werde schließlich vielleicht um 10 Prozent ansteigen.

Auch eine mögliche Herabstufung der Bonität des Landes durch die internationalen Rating-Agenturen sehen Experten derzeit als wenig problematisch an. Zwar hatte erst vor wenigen Wochen Standard & Poor's die Kreditwürdigkeit Japans herabgestuft. Und auch Moody's wies am Montag im Hinblick auf das verheerende Erdbeben darauf hin, dass die Refinanzierungskosten des Landes in die Höhe schnellen könnten.

"Downgrades auf den Finanzmärkten haben für Japan bislang aber kaum Spuren hinterlassen", sagt Wolfgang Leim, Analyst bei der Commerzbank. Grund sei, dass der Anteil der Auslandsverschuldung des Landes bei gerade 5 Prozent liege, den Großteil der Anleihen halten die eigenen Bürger. "Japan hat hohe Devisenreserven" ergänzt Leim.

"Das größte Problem sind die Atomanlagen"

Auch die Auswirkungen der Katastrophe auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) würden sich voraussichtlich in Grenzen halten. "In der Erdbebenregion ist die Situation zwar desolat. Gesamtwirtschaftlich ist das aber immer eine andere Nummer", sagt IfW-Ökonom Gern. Zumal die industriellen Zentren nicht im Krisengebiet im Nordosten lägen. "Es gibt sogar einige Schätzungen, dass die Schäden beim Kobe-Erdbeben im Jahre 1995 größer waren als sie voraussichtlich jetzt sind", sagt er. Und schon damals habe sich das Erdbeben in der Millionenstadt kaum in der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ausgewirkt.

Jan Poser, Chefökonom und Leiter Research der Bank Sarasin, teilt diese Einschätzung. "In Kobe betrugen die Gesamtkosten geschätzt 118 Milliarden Dollar", sagt er. Bezogen auf die Kapitalstockkosten ergab sich somit ein Rückgang des BIP um rund 2 Prozent. Die Auswirkungen auf die Produktion seien indes sehr begrenzt gewesen. "Letztlich gab es damals nur im Januar einen Rückgang um 2,6 Prozent, im Februar stieg die Produktion schon wieder um 2,2 Prozent an."

Und doch unterschiede sich die aktuelle Situation in Japan von der nach dem Erdbeben von 1995. "Das größte Problem sind die Atomanlagen." Nach derzeitigem Stand müssten 6 Prozent der gesamten japanischen Energieerzeugung stillgelegt werden. "Im besten Szenario fallen die Reaktoren einfach nur aus", sagt Poser.

Auch IfW-Ökonom Gern sieht in dem Ausfall der Nuklearkraftwerke die gravierendste Folge - zumindest aus wirtschaftlicher Sicht. "Es wird sich zeigen, wie die Japaner langfristig mit dieser Situation umgehen." Denn das Land sei für Stromimporte nicht gerade prädestiniert. "Dies hängt einerseits mit der Insellage zusammen, andererseits mit den historisch bedingten Spannungen zu Nachbarländern wie zum Beispiel China."

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