Sonntag, 8. Dezember 2019

Brisante Langfristfolgen Reaktorunglück trifft Wirtschaft härter als Erdbeben und Tsunami

Verwüstungen: Eine Frau wartet in der verwüsteten Stadt Ishimaki auf Hilfe
REUTERS/ Yomiuri Shimbun
Verwüstungen: Eine Frau wartet in der verwüsteten Stadt Ishimaki auf Hilfe

Das Leid der Menschen und die Verwüstungen in Japan sind kaum zu schätzen. Die Folgen des Erdbebens und des Tsunamis wird die Volkswirtschaft mittelfristig verkraften, meinen Experten. Die Reaktorkatastrophe werde jedoch zu einem langfristigen Problem - für die Menschen wie für die künftige Energieversorgung.

Hamburg - Japans Premierminister Ministerpräsident Naoto Kan spricht von einer "historischen Notlage", von der "schlimmsten Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs". Es wird befürchtet, dass Erdbeben und Fluten mehr als 10.000 Menschen das Leben gekostet haben.

Im Vordergrund stehen derzeit vor allem die Rettung und Versorgung der Menschen im Erdbebengebiet und der Versuch, die von Kernschmelzen betroffenen Atomkraftwerke unter Kontrolle zu bringen. "Sachschäden und Kosten wurden hier bislang noch gar nicht diskutiert", sagt Pascal Gudorf, Sprecher der Deutsch-Japanische Handelskammer in Tokio.

Während die Bevölkerung noch mit den unmittelbaren Folgen zerstörter Verkehrswege und Stromknappheit kämpft, haben sich Analysten bereits daran gemacht, den Schaden auch in wirtschaftlichen Kennzahlen messbar zu machen.

So schätzt der auf Risikoanalysen spezialisierte Versicherungsdienstleister AIR Worldwide die versicherten Schäden, die durch das Erdbeben alleine an Gebäuden verursacht wurden, auf bis zu 21,5 Milliarden Euro. Die japanische Niederlassung der Schweizer Grossbank Credit Suisse in Tokio schätzte die wirtschaftlichen Schäden der Katastrophe auf bis zu 128 Milliarden Euro.

Am Montag schloss der Nikkei Börsen-Chart zeigen mit einem Minus von 6,2 Prozent. Verlierer des Tages war das Unternehmen Tokyo Electric Power, kurz Tepco. Das Unternehmen, das die von der Kernschmelze betroffenen Atomreaktoren in Fukushima betreibt, wurde bei einem Verlust von 23 Prozent aus dem Handel genommen. Das Verkehrsunternehmen East Japan Railway - ein Zug des Unternehmens wurde von dem Tsunami aus dem Gleis gerissen - ging mit 18 Prozent Verlust aus dem Handel.

Die Regierung rationiert die Stromversorgung

Zu den weiteren Verlierern gehörten darüber hinaus Stahlwerke, Autohersteller wie Toyota Börsen-Chart zeigen und Honda Börsen-Chart zeigen sowie Elektronikproduzenten wie Toshiba und Hitachi. Der Grund: viele Unternehmen mussten wegen der Zerstörungen und der Energieknappheit die Produktion in wichtigen Fabriken einstellen.

Die japanische Regierung kämpft inzwischen an vielen Fronten. Einerseits ruft sie Großunternehmen zu Einsparungen und Produktionsstilllegungen auf und rationiert bis voraussichtlich Ende April die Stromversorgung. Andererseits pumpt ihre Notenbank, die Bank of Japan, Geld in die Märkte, um dem durch diese Maßnahmen befürchteten Absturz der japanischen Wirtschaft zu begegnen.

Das Programm zum Aufkauf von Wertpapieren werde um fünf Billionen Yen (rund 44 Milliarden Euro) ausgebaut, teilte die Notenbank am Montag kurz vor Handelsschluss in Tokio mit. Darüber hinaus behält sie ihre Nullzinspolitik bei. Geschäftsbanken können sich bei ihr weiter zu einem Leitzins von 0,0 bis 0,1 Prozent mit Geld versorgen.

Die Notenbank kündigte zudem an, umgerechnet rund 132 Milliarden Euro für das Finanzsystem zur Verfügung zu stellen. "Dieser Schritt zielt darauf ab, die Finanzmärkte zu stabilisieren", sagte ein Notenbanker. Finanzminister Yoshihiko Noda begrüßte die "angemessene und rasche Entscheidung".

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