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Japan nach dem Beben: Land im Ausnahmezustand

Foto: DPA/ Asahi Shimbun

Fukushima I Brennstäbe im Reaktorblock liegen erneut frei

Nach dem Nachbeben und den erneuten Explosionen liegen im Atomkraftwerk Fukushima I nun auch die Brennstäbe in Block 2 im Trockenen. Damit droht auch im dritten Reaktor eine Kernschmelze. In Tokio wurde inzwischen für einige Stunden der Strom abgeschaltet, Benzin und Lebensmittel werden knapp.

Tokio/Fukushima - Die Brennstäbe in Reaktorblock 2 des Atomkraftwerks Fukushima I liegen nach Angaben der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo komplett trocken. Zuvor war versucht worden, den absinkenden Stand der Kühlflüssigkeit mit Meerwasser aufzufüllen. Damit droht nun in drei Reaktoren des AKW Fukushima I nach Angaben der Behörden eine Kernschmelze, sagte Regierungssprecher Yukio Edano nach Angaben der Nachrichtenagentur Kyodo.

Im Reaktorblock 2 könnte die Kernschmelze bereits begonnen haben, wie die Betreibergesellschaft Tepco mitteilte. Die Radioaktivität um den Reaktor sei erhöht.

Nach einem heftigen Nachbeben der Stärke 6,2 um kurz nach 10.00 Uhr (02.00 MEZ) und einer neuen Tsunami-Warnung war das Atomkraftwerk in Fukushima von einer zweiten Explosion erschüttert worden. Die neue Explosion zerstörte das Gebäude um den Reaktor 3. Der innerste Sicherheitsbehälter soll aber nicht beschädigt worden sein.

Im Umfeld der Anlage wurde nach Angaben von Regierungssprecher Edano keine erhöhte Radioaktivität gemessen. Bei der Explosion handelte es sich um eine Wasserstoffexplosion, wie die Nachrichtenagentur Kyodo berichtete. Eine solche Detonation hatte es bereits am Samstag im Reaktorblock 1 gegeben. Medien berichteten von einer möglichen Wolke aus radioaktiver Strahlung, die der in östliche Richtung wehende Wind hinaus auf den Pazifik trage.

Dort brach der amerikanische Flugzeugträger seinen Hilfseinsatz ab, wie Kyodo meldete. Die "New York Times" nannte die Gefahr durch eine Strahlenwolke als Grund und berief sich auf US-Regierungskreise. Mehrere Crewmitglieder hätten binnen einer Stunde eine Monatsdosis Strahlung abbekommen. Zudem seien am Sonntag von einem Hubschrauber etwa 100 Kilometer vom japanischen Atomkraftwerk Fukushima entfernt kleine Mengen radioaktiver Partikel gemessen worden. Diese Stoffe würden noch analysiert. Dem Bericht zufolge werden darunter Cäsium-137 und Jod-121 vermutet.

Drei AKWs haben Probleme mit Kühlsystemen

Insgesamt funktionieren nun in drei japanischen Atomkraftwerken die Kühlsysteme nicht. Am gefährlichsten ist die Lage im Atomkraftwerk Fukushima I. Dort sind in insgesamt drei Reaktorblöcken die Kühlsysteme ausgefallen. In den Reaktor Nummer 1 pumpen Experten bereits seit Samstagabend ein Gemisch aus Meerwasser und Borsäure. Damit soll eine Kernschmelze verhindert werden. Nach wie vor gibt es widersprüchliche Angaben über den Zustand der Reaktoren und ob Kernschmelzen eingesetzt haben. Noch sollen sich etwa 600 Menschen in der Evakuierungszone um Fukushima I befinden.

Daneben gibt es auch Probleme mit der Kühlung im rund zwölf Kilometer entfernten Atomkraftwerk Fukushima II. Dort arbeiten Experten an der Wiederherstellung der Kühlung von zwei Reaktoren. Bisher habe man bei keinem der vier Reaktoren Druck abgelassen, teilten die japanischen Behörden der Internationalen Atomenergieorganisation IAEA mit.

Zudem versagte im AKW Tokai am Sonntag (MEZ) eine Pumpe für das Kühlsystem. Die Anlage steht nur rund 120 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Tokio, sie hatte sich bei dem Beben am Freitag automatisch abgeschaltet.

Tokio ohne Strom

Wegen des Ausfalls der Atomkraftwerke hat der japanische Energiekonzern Tepco am Montag in der Region um Tokio mit der Stromabschaltung begonnen. Statt wie geplant schon tagsüber unterbrach Tepco die Stromversorgung jedoch erst um 17.00 Uhr Ortszeit (09.00 Uhr MEZ), um die Bürger möglichst lange von der Einschränkung zu verschonen.

Der Blackout sollte voraussichtlich zwei Stunden dauern. Etwa 330.000 Haushalte und andere Abnehmer in mehreren Präfekturen, darunter Tokio, Kanagawa, Ibaraki und Saitama, waren von der Unterbrechung betroffen.

Tepco hatte von der japanischen Regierung die Genehmigung erhalten, wegen des Versorgungsengpasses kontrolliert den Strom abzuschalten. Dadurch soll verhindert werden, dass einige Regionen aufgrund von Versorgungsengpässen plötzlich ohne Strom sind.

Am Sonntag hatte Tepco weitere Unterbrechungen bis mindestens bis Ende April angekündigt. Ausgenommen von den Blackouts sind demnach drei Versorgungsgebiete, die das Zentrum Tokios bilden und in denen unter anderem Ministerien, Botschaften, wichtige Behörden, große Hotels und Unternehmenszentralen liegen. Tepco hatte nach dem schweren Beben vom Freitag die Japaner bereits aufgerufen, Strom zu sparen.

Hamsterkäufe in den Supermärkten

Nach Berichten der Agentur Kyodo wurden noch vor dem neuen Beben in der Präfektur Miyagi im Nordosten des Landes 2000 weitere Leichen entdeckt. Die Toten seien an der Küste gefunden worden. Es wird befürchtet, dass durch das Erdbeben und den Tsunami über 10.000 Menschen getötet wurden. Mit Stand vom Sonntagabend deutscher Zeit hatten die Behörden 1597 Opfer identifiziert.

In den Supermärkten trieben die Verkäufer ihre Kunden zur Eile bei den Hamsterkäufen an: "Bitte beeilen sie sich. Wir haben noch zehn Minuten, dann wird der Strom für drei bis vier Stunden abgeschaltet", sagte ein Mitarbeiter in einem Lebensmittelladen in Ibaraki. Viele Regale wurden leergeräumt. Eine ältere Frau sagte dem Fernsehsender NHK, sie kaufe alle Lebensmittel, die sie auftreiben könne. Sie horte auch Trinkwasser sowie Batterien wegen der erwarteten Stromausfälle.

Auch die Versorgung mit Treibstoff wurde problematisch. Zettel mit der Aufschrift "Ausverkauft" hingen an vielen Tankstellen in der Präfektur Ibaraki, die zwischen Tokio und der besonders betroffenen Erdbebenregion mit dem Atomkraftwerk Fukushima liegt. Dort sei es bitterkalt, berichtete ein dpa-Reporter. An den wenigen noch offenen Tankstellen stünden lange Schlangen: "Menschen kamen mit Dutzenden Kanistern, um ihre Benzin- und Heizölvorräte aufzustocken."

Regierung in Tokio will keine weiteren Hilfsteams aus dem Ausland

Unterdessen legten die Botschaften mehrerer EU-Staaten ihren Bürgern nahe, Japan zu verlassen. Die deutsche Vertretung forderte die Bundesbürger in dem Krisengebiet und im Großraum Tokio/Yokohama auf, zu prüfen, "ob ihre Anwesenheit in Japan derzeit erforderlich ist" und andernfalls abzureisen.

Manche Hilfsorganisationen zogen aus Furcht vor einer atomaren Katastrophe ihre Helfer aus Japan ab. Die Regierung in Tokio bat die Europäische Union, keine Ausrüstung und keine Hilfsteams mehr ins Land zu schicken. Sie begründe dies mit den Schwierigkeiten, die Helfer in das Katastrophengebiet zu bringen, sagte ein Sprecher der EU-Kommission in Brüssel. Ein Team des Technischen Hilfswerks (THW) mit Rettungsgerät hat unterdessen die Region erreicht.

mg/dpa-afx/afp/rtr
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