Erdbeben in Japan Schockwellen für die Wirtschaft

Das Erdbeben in Japan trifft die Wirtschaft hart. Internationale Konzerne beklagen Schäden, zudem steigen wohl Versicherungsprämien. Doch vor allem ist das Beben eine Katastrophe für den hochverschuldeten Inselstaat: Es könnte Japan den finanziellen Todesstoß versetzen.
Brände in der Hafengegend von Iwaki: Japan ist von einem der heftigsten Beben seiner Geschichte erschüttert worden

Brände in der Hafengegend von Iwaki: Japan ist von einem der heftigsten Beben seiner Geschichte erschüttert worden

Foto: REUTERS/ Kyodo

Hamburg - Die Mitarbeiter der Hannover Rück haben das dramatische Ausmaß des Erdbebens in Japan am eigenen Leib gespürt. "Die PCs sind nur so durch den Raum gekullert", sagt eine Sprecherin des Rückversicherers gegenüber manager magazin. "Das Büro sieht wie nach Vandalismus aus." Verletzt worden sei jedoch niemand. Das Büro der zehn Kollegen liegt wohlgemerkt in Tokio, hunderte Kilometer vom Epizentrum des Bebens entfernt.

Der eigentliche Schaden wird für die Hannover Rück  und all die anderen Rückversicherer, die in Asien stark engagiert sind, finanzieller Natur sein. Wie hoch genau, ist dem Unternehmen noch nicht klar, wie auch den anderen Firmen der Branche. Von zwei Milliarden Euro im schlimmsten Fall sprach der Chef der Munich Re, Nikolas von Bomhard. Auf bis zu 1,4 Milliarden Euro taxiert die US-Bank JP Morgan die Kosten für die europäischen Rückversicherer.

Damit drohen der gesamten Wirtschaft höhere Versicherungsprämien wegen des Erdbebens. "Das Beben wird zweifelsohne Auswirkungen auf die Verhandlungen haben und die Rückversicherungsprämien in die Höhe treiben", sagt Versicherungsanalyst Carsten Zielke von der Bank Société Générale mit Blick auf die laufende Erneuerungsrunde in Japan.

Doch wirklich helfen dürften die steigenden Prämien den Rückversicherern nicht. Bei der Munich Re  etwa sei das Jahresbudget für Naturkatastrophen bereits aufgebraucht. "Die erhöhten Prämien werden nicht annähernd die Schäden der Rückversicherer decken können", sagt Zielke. Wenig überraschend, dass die Aktien der Rückversicherer am Freitag weltweit zu den größten Verlierern zählten. "Die Munich Re könnte in diesem Jahr ernsthafte Probleme bekommen, ihr Gewinnziel für 2011 zu erreichen."

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Noch ist der gesamte Schaden kaum absehbar, den das epochale Erdbeben in Japan auslösen wird. Dass sich die wirtschaftlichen Folgen nicht völlig auf den Inselstaat beschränken werden, zeigt sich aber nicht nur an den Sorgen der Rückversicherer und ihrer Kunden. So meldete der Stuttgarter Autozulieferer Bosch, mehrere Fabrikgebäude und Maschinen seien beschädigt worden.

Für die Weltwirtschaft insgesamt sehen Ökonomen weniger schwarz. "Japan profitiert mehr von der Weltwirtschaft als die Weltwirtschaft an Japans Nachfrage hängt", sagt Länderanalyst Jochen Möbert von der Deutschen Bank mit Blick auf mögliche wirtschaftliche Probleme, die Japan nun bekommt. Das Land lebt traditionell vom Export und lässt ausländische Firmen und Produkte dagegen nur unter erschwerten Bedingungen ins Land.

An den internationalen Aktienmärkten teilten Investoren diese Einschätzung scheinbar weitgehend. Überall gab es zwar spürbare Kursrückschläge, auch mit Verweis auf die unsichere Lage in Japan.

Szenario einer Staatspleite wird real

Doch das Wohlergehen von Japan, das von China unlängst als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt abgelöst wurde, wird als Indikator für die weltwirtschaftliche Großwetterlage nicht mehr so hoch gehandelt wie noch vor ein paar Jahrzehnten. Deutsche Exporteure verkaufen beispielsweise nur 2 Prozent ihrer Ware nach Japan.

Gerade weil sich Japan ökonomisch in mancherlei Hinsicht isoliert hat, trifft eine Katastrophe wie das jetzige Erdbeben das Land selbst aber besonders hart. "Das Erdbeben trifft Japan in einem ohnehin schwierigen Wirtschaftsumfeld," sagt Möbert. Vor allem die ausufernde Staatsverschuldung belastet das Land.

Zuletzt hatten mehrere Ratingagenturen das Land bereits unter Druck gesetzt. So senkte Standard & Poor's die Einstufung Ende Januar dieses Jahres auf AA-. Moody's hält die derzeitige Note Aa2 für langfristig nicht zu halten.

Der von Schulden, Deflation und schwachem Wirtschaftswachstum geprägte, rasante Abstieg Japans könnte sich beschleunigen. Einerseits drohen neue Milliardenlasten für den Staatshaushalt. Schon das Erdbeben von Kobe im Jahr 1995 hatte mit 110 Milliarden Euro zu Buche geschlagen. Das Beben hatte eine Stärke von 7,3; das aktuelle dagegen 8,9. Allerdings hatte es seinen Schwerpunkt nicht in einer dicht besiedelten Region wie im Fall Kobe.

Zentralbank ist am Zug

Zudem muss sich der Fiskus auf Steuerausfälle und kurzfristige Wachstumseinbußen einstellen. "Kurzfristig erwarten wir massive Produktionseinbußen", sagt Commerzbank-Volkswirt Wolfgang Leim gegenüber manager magazin. Bereits am Freitag teilten die Autohersteller Toyota , Honda  und Nissan  mit, sie hätten ihre Produktion teilweise gestoppt. Leim rechnet aber nicht damit, dass das Wachstum langfristig durch das Beben gefährdet ist.

Größere Sorgen bereitet Experten die horrende Staatsverschuldung. "Die Schulden des Staates werden stärker zulegen als erwartet", prognostiziert Leim. Schon jetzt liegt das Defizit bei 10 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt. Japans Regierung hat bereits angekündigt, notfalls neue Staatsanleihen auf den Markt zu werfen, um die Schäden der Katastrophe zu beseitigen.

"Die Staatsschulden laufen seit Jahren aus dem Ruder, das Erdbeben verschlimmert die Lage noch", sagt Deutsche-Bank-Analyst Möbert. "Der Zeitpunkt, zu dem Japans Staatsverschuldung nicht mehr finanzierbar sind, könnte durchaus ein paar Jahre nach vorn rücken."

Dann könnte es für den Inselstaat richtig dicke kommen. Das Land finanziert sich überwiegend über sein eigenes Finanzsystem, ausländische Banken sind kaum engagiert.

Gefragt ist dann die Zentralbank. Sie hält bereits jetzt etwa 8 Prozent der Staatspapiere. Viel mehr, als diese aufzukaufen, kann sie nicht tun, um die Finanzierung des Staates sicher zustellen und die Wirtschaft zu beflügeln. Die Zinsen liegen schon bei null Prozent. Nun muss die Bank of Japan ihre letzte Kugel womöglich schneller abschießen, als es dem Land lieb wäre.