Nationaler Volkskongress Chinas Plan und Deutschlands Chancen

430 Milliarden Euro für Schlüsseltechnologien, Stärkung des Konsums, Fabriken im Westen des Landes: Der neue Fünf-Jahres-Plan der Wirtschaftsupermacht China bietet enorme Chancen für deutsche Unternehmen. Jedoch nur, wenn sie sich an bestimmte Regeln halten.
Große Bühne: In der Großen Halle des Volkes in Peking werden 3000 Delegierte ab Samstag tagen - und dann den Fünf-Jahres-Plan der Partei verabschieden

Große Bühne: In der Großen Halle des Volkes in Peking werden 3000 Delegierte ab Samstag tagen - und dann den Fünf-Jahres-Plan der Partei verabschieden

Foto: Feng Li/ Getty Images

Hamburg - Ab morgen werden wieder mehr als 3000 auserwählte Chinesen in die Große Halle des Volkes am Platz des Himmlischen Friedens strömen. Wie jedes Jahr um diese Zeit tagt in Beijing der Nationale Volkskongress. Für die herrschende Kommunistische Partei Chinas ist dieser fünf Tage dauernde Kongress das wichtigste Entscheidungsgremium, für die westlichen Beobachter hingegen lediglich ein Scheinparlament, das die Vorschläge der Parteiführung brav abnickt.

Strittige Diskussionen gibt es in dem riesigen Plenum kaum. Die Auseinandersetzungen fanden vorher statt, und zwar in den vielen Parteigremien und -zirkeln, die dem Kongress vorgeschaltet sind. Besonders ausgiebig im Vorfeld diskutiert wurde das wichtigste Thema des diesjährigen Volkskongresses - der neue Fünf-Jahres-Plan für die Jahre 2011 bis 2015.

Nach chinesischer Zeitrechnung ist es der Zwölfte. 1953 wurde in bester sowjetischer Tradition der erste Fünfjahresplan aufgestellt. Fast 60 Jahre später hat dieses Werk immer noch eine immens wichtige Bedeutung. Aus ihm kann man ableiten, welche Prioritäten die Partei (und damit natürlich auch die Regierung) in den kommenden fünf Jahren setzen will. So wird auch der zwölfte Plan ein wichtiger Wegweiser für die chinesische Politik sein, ein sogar besonders wichtiger.

Denn China befindet sich an einem Scheideweg. Die Führung versucht einen doppelten Systemwechsel. Mehr Konsum statt Export. Und: Schonung statt Verschwendung der Ressourcen.

Steigerung des Konsums steht obenan

Deshalb soll auch das Wachstum nach unten revidiert werden. Nur noch 7 Prozent soll die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt in den kommenden Jahren wachsen. Das ist deutlich weniger als bisher: 2010 wuchs die Wirtschaft um 10,3 Prozent, 2009 um 9,2 Prozent. Einige Provinzen haben freilich in ihren Fünf-Jahres-Plänen höhere Ziele ausgegeben. Viele Provinzen in der Mitte und im Westen des Landes wollen um die 12 Prozent wachsen, die Mega-Metropole Chongqing gar um 13,5 Prozent. Sie sollen und wollen damit gegenüber dem prosperierenden Osten aufholen und damit das krasse regionale Gefälle etwas nivellieren.

Für ausländische Unternehmen bedeutet dies, dass Standorte in diesen bislang eher vernachlässigten Regionen zunehmend attraktiver werden, zumal dort auch die Löhne deutlich niedriger sind als in den immer teurer werdenden Großräumen Shanghai und Guangzhou, wo noch die meisten Fabriken Chinas stehen.

Weil diese Fabriken sukzessive Richtung Westen "wandern", steigt in jenen Regionen die Kaufkraft. Und das ist erwünscht. Denn die Steigerung des Konsums steht an oberster Stelle im neuen Fünf-Jahres-Plan. China hat mit knapp 36 Prozent eine der niedrigsten Konsumraten der Welt. Diese soll sich in den nächsten Jahren - so der Plan - um mehrere Prozentpunkte erhöhen.

Adidas gegen Li Ning, Anta und Xstep

Deswegen wird auf dem Kongress unter anderem eine Erhöhung des steuerfreien Mindesteinkommens beschlossen. Wer weniger als 3000 Yuan (rund 400 Euro) im Monat verdient, braucht künftig keine Steuern mehr bezahlen. bislang lag die Schwelle bei 2000 Yuan.

Nicht nur dadurch soll der Konsum gefördert werden, sehr zur Freude der Konsumgüterhersteller aus aller Welt. Von den großen deutschen Firmen können von dem bevorstehenden Konsumboom vor allem Adidas, Beiersdorf, die Handelskette Metro , aber auch die Autohersteller profitieren.

Freilich stellt dies die Unternehmen auch vor große Herausforderungen. Einerseits brauchen sie die richtigen Produkte für diese neue Konsumentenschicht. Das heißt vor allem: Simpel und preiswert müssen sie sein. Andererseits müssen sie in dem Riesenreich eine landesweite Logistik aufbauen. Und zudem stoßen sie gerade bei den einfachen Produkten auf eine starke inländische Konkurrenz. Adidas  zum Beispiel kämpft auf dem chinesischen Land nicht gegen Nike, sondern gegen die Lokalmatadoren Li Ning, Anta, 361 Degrees oder Xstep.

Siemens Healthcare: Simpel und preiswert muss es sein

Den Konsum auch fördern soll eine weitere Maßnahme aus dem kommenden Fünf-Jahres-Plan. Das nur rudimentär vorhandene Sozialsystem soll zügig ausgebaut werden. Denn dann - so das logische Kalkül der Parteiführung - müssen die Chinesen weniger für Krankheit und das Alter sparen, sondern können konsumieren. Der geplante Ausbau des Sozialsystem bietet große Chancen für Unternehmen aus verschiedenen Bereichen - von der Medizintechnik über Pharma bis hin zu Betreibern von Krankenhäusern und Altersheimen.

Doch auch hier gilt: Keep it simple. Wie zum Beispiel die Forscher von Siemens Healthcare, die ein spezielles, um einige Features abgespecktes Ultraschallgerät für den chinesischen Markt entwickelt haben.

Neben dem Ausbau der Konsumgesellschaft sieht der neue Fünf- Jahres-Plan ein zweites nationales Großprojekt vor, den Ausbau der erneuerbaren Energien. Die Parteiführung hat eingesehen, dass das Wirtschaftswachstum zunehmend zu Lasten der Umwelt geht. Rechtzeitig vor dem Volkskongress warnte Umweltminister Zhou Shengxian in den China Environment News ungewöhnlich deutlich: "Noch nie in der viertausendjährigen Geschichte der chinesischen Zivilisation war der Konflikt zwischen Menschen und Natur so ernst wie heute."

Um diesem Dilemma zu entkommen, sollen die erneuerbaren Energien - Sonne, Wind und Wasser - massiv gefördert werden. Ihr Anteil am Energiemix soll von 9,9 Prozent Ende 2009 auf 11,4 Prozent bis 2015 steigen, bis 2020 gar auf 15 Prozent. Von diesem Wachstum sollen und können auch ausländische Firmen profitieren.

Ausbau erneuerbarer Energien - Solarworld gegen Yingli

Vor allem für deutsche Solar- und Windenergiehersteller bieten sich hier große Chancen. Doch auch hier gilt: Die chinesische Konkurrenz - ob Yingli oder Suntech Power - wird immer stärker.

Die erneuerbaren Energien gehören denn auch zu den neun Schlüsselindustrien, die die chinesische Führung in den kommenden Jahren massiv fördern will. Die anderen sind neue Materialien, Informationstechnologie, Biotechnik, Luftfahrt, Marine, Umweltschutz, Produktionstechnik und High-Tech-Dienstleistungen.

Nicht weniger als 4000 Milliarden Yuan, das sind rund 430 Milliarden Euro, sollen in diese Branchen gesteckt werden. Ein Teil davon kommt sicher auch deutschen Maschinenbauern zugute, die kräftig mithelfen, die modernen chinesischen Industrien aufzurüsten.

China wird also in den kommenden fünf Jahren alles daran setzen, die technologische Lücke zwischen sich und dem Westen weiter zu verringern. Und wenn das nicht in dem wünschenswerten Umfang gelingen sollte, gibt es ja den nächsten Fünf-Jahres-Plan, der im März 2015 präsentiert werden wird.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.