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Mehmet Şimşek: Prototyp einer neuen globalen Elite

Foto: ? Umit Bektas / Reuters/ Reuters

Türkei Der Wandelfalke

Investoren blicken vermehrt auf die Türkei. Nicht nur, weil das Land an der Nahtstelle zwischen Europa und Asien in diesem Jahr Partnerland der Cebit ist. Mehmet Simsek, Finanzminister der Türkei, ist der Prototyp einer neuen globalen Elite.

Hamburg - Mehmet Simsek erinnert sich noch genau an das letzte Gespräch mit seinem Vater. Simsek war zu jenem winzigen Weinberg gelaufen, den seine Familie bestellte, und hatte begeistert erzählt: Die türkische Regierung wolle ausgerechnet ihn, den kurdischen Kleinbauernsohn aus Südostanatolien, zum Studieren nach England schicken.

Der Vater unterbrach die Arbeit an den Rebstöcken. Er selbst hatte niemals lesen und schreiben gelernt. Aber er hatte Mehmet, das jüngste seiner neun Kinder, aufs Gymnasium geschickt, weil die Lehrer in der Volksschule sagten: Mehmet ist zu klug für die Feldarbeit. Er hatte ihn einige Jahre in Ankara auf die Universität gehen lassen, weil die Lehrer im Gymnasium sagten: Mehmet bekommt ein Stipendium.

Doch nun wollte Mehmet noch mehr lernen und noch weiter fortgehen. "Geht es dir um Geld?", fragte Simsek Vater verständnislos. Er bückte sich, nahm ein wenig trockene Erde, zerrieb sie zwischen den Fingern und sagte: "Dann wirst du erst Zufriedenheit finden, wenn die hier dein Gesicht bedeckt."

Simsek ging nach England. Gegen den Willen seines Vaters, der kurz darauf starb, ohne seinen Sohn wiedergesehen zu haben.

Während sich Mehmet Simsek an die Begegnung im Weinberg erinnert, sitzt er in einem eichengetäfelten Tagungsraum, der "Asia" heißt. Von hier oben, aus dem achten Stockwerk des "Istanbul Hilton", geht der Blick weit über den Bosporus, über die endlose Kette von Containerfrachtern und Öltankern, die sich ihren Weg zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer bahnen, über unzählige Baukräne und Minarette am asiatischen Ufer der Meerenge.

Draußen pulst die Globalisierung. Drinnen schwirrt ein halbes Dutzend Bedienstete um Simsek herum, bedient seine Handys, reicht Tee und Pistaziengebäck. Das gehört sich so, denn Simsek ist Finanzminister der Türkei. Als sich Mitte November in Seoul die G 20 trafen, die Regierungschefs und Finanzminister der 20 mächtigsten Staaten der Welt, da saß Simsek, gerade mal 43 Jahre alt, mit am Verhandlungstisch. Ein weiter Weg für den Sohn eines Kleinbauern, der nicht lesen und schreiben konnte.

Ein weiter Weg, aber keineswegs ein untypischer. Ob bei den G-20-Gipfeln oder beim World Economic Forum in Davos: Regelmäßig sehen sich die Politiker aus den etablierten Volkswirtschaften mittlerweile Persönlichkeiten wie Simsek gegenüber. Menschen, die einen für westliche Verhältnisse unvorstellbaren sozialen Aufstieg hinter sich haben und die daran erinnern, dass das Schlagwort "Globalisierung" nicht nur den Aufstieg von Indien und China beschreibt, sondern auch von Staaten wie Südafrika, Brasilien, der Türkei oder Indonesien.

Jahrzehnte- oder sogar jahrhundertelang wurden diese Länder von abgeschotteten Eliten regiert, die die wirtschaftliche und politische Macht unter sich aufteilten. Erst in den vergangenen 20 Jahren wandelten sich die Oligarchien zu (wenn auch manchmal holprig) arbeitenden Demokratien, in denen es Menschen von ganz unten nach ganz oben schaffen können - sei es durch Bildung, Charisma oder den schieren Willen zur Macht.

Prototyp der neuen globalen Elite

Man könnte im türkischen Finanzminister einen Prototyp sehen für eine neue, globale Elite, die die Welt in den kommenden Jahrzehnten prägen wird.

Nach seinem Abschluss in Ökonomie und einer Station als Wirtschaftsattaché an der US-Botschaft in Ankara sattelte Simsek um und wurde Investmentbanker. Zuletzt bei Merrill Lynch  in London, wo er für den Handel mit Anleihen aus Schwellenländern zuständig war. Er heiratete eine amerikanische Architektin, und um leichter reisen zu können, besorgte er sich neben dem türkischen auch einen britischen Pass. Aus dem armen Bauernsohn wurde ein wohlhabender Weltbürger.

2007 dann der eine Anruf, der Simseks Leben erneut umkrempelte: Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan will ihn in Istanbul treffen. Man sei über seine Anleihengeschäfte auf ihn aufmerksam geworden, ließ Erdogan Simsek wissen, und dann fragt der Premierminister den Investmentbanker, ob er nach den nächsten Parlamentswahlen sein Wirtschaftsminister werden wolle.

"Ich war sehr überrascht, aber ich musste mir meine Zusage nicht lange überlegen. Ich habe mir immer gewünscht, mein Wissen für etwas wirklich Nützliches einsetzen zu können", sagt Simsek. Wer möchte, kann in diesem Satz einen Seitenhieb sehen auf den nicht ganz so eindeutigen gesellschaftlichen Nutzen des Investmentbankings.

Zunächst musste Simsek in die islamisch-konservative Regierungspartei AKP eintreten ("Die AKP ist etwa so wie eure CDU", lautet Simseks gewagte Einschätzung). Er bekam einen sicheren AKP-Wahlkreis im kurdischen Teil Anatoliens zugeschanzt, seiner alten Heimat. Dennoch tat sich Simsek schwer mit dem Wahlkampf: "Nach all den Jahren in der Finanzindustrie musste ich erst wieder ein Gefühl dafür entwickeln, welche Sprache normale Türken verstehen."

Er lernt schnell, gewinnt das Mandat und wird wie versprochen Wirtschaftsminister. 2009 wechselt er auf den Posten des Finanzministers. Simsek treibt die Privatisierung von Staatsbetrieben voran und beraubt die alte Istanbuler Elite damit ihrer wichtigsten Pfründen. Derzeit versucht er das Steuersystem zu vereinfachen und zugleich die noch immer riesige Schattenwirtschaft zu bekämpfen. Die Belohnung für den Reformkurs: Die Wirtschaft der Türkei kam 2010 mit 10 Prozent Wachstum aus der Krise.

In der Türkei wird Simsek für seinen Reformeifer geachtet. Doch in der AKP ist er bis heute nicht wirklich verwurzelt. Zwar trinkt Simsek keinen Alkohol, bezeichnet sich selbst als gläubigen Muslim und ist inzwischen in zweiter Ehe mit Esra Kara verheiratet, einer türkischen Architektin, die auch während des Gesprächs im "Istanbul Hilton" nicht von seiner Seite weicht.

Doch entspricht Simsek mit seiner nachdenklichen, leisen Art so gar nicht dem Typ des emotionalen Volkstribuns, der die türkische Politik dominiert. Die Opposition sieht in ihm einen neoliberalen Technokraten von Erdogans Gnaden. In den Zeitungen nennen sie ihn "Sir Mehmet" - wegen seines britischen Passes und wegen des englischen Akzents, den sein Türkisch in der Fremde angenommen hat.

Aufsteiger in Schwellenländern

Für Michael Hartmann, Soziologe an der Technischen Universität Darmstadt und Deutschlands renommiertester Elitenforscher, zeigt Simseks Aufstieg beispielhaft, wie sich die Führungselite der Türkei in den vergangenen Jahren gewandelt hat: "Politische Konflikte in der Türkei werden im Westen meist als Auseinandersetzung wahrgenommen zwischen den Islamisten um Erdogan und der laizistischen Opposition. Doch darum geht es nur am Rande."

Den wahren Konflikt sieht Hartmann entlang einer anderen Trennlinie: Jahrzehntelang wurde die Türkei von einer kleinen Oberschicht gelenkt, meist von Istanbul aus, die die wichtigen Machtpositionen in Politik, Wirtschaft und Militär unter sich aufteilte.

Doch in den vergangenen 20 Jahren wuchs im asiatischen Teil des Landes eine neue Schicht von Unternehmern und Angestellten heran, gesellschaftlich eher konservativ eingestellt, wirtschaftlich aber liberal. In Erdogans AKP fand diese Bevölkerungsgruppe ihr politisches Sprachrohr, eroberte auf demokratischem Weg die Macht und pflegt seither eine eigentümliche Mischung aus Marktwirtschaft und Frömmigkeit.

Auch in anderen Schwellenländern ist eine solche Öffnung der politischen Elite zu beobachten, etwa in Brasilien 2002 mit der Wahl des Sozialisten Lula da Silva zum Präsidenten oder in Südafrika mit dem Ende der Apartheid. Höchst unterschiedlich verliefen die Lebenswege von Lula, Simsek, Erdogan oder dem südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma, der nie eine formale Schulbildung genossen hat. Und doch weist die neue Aufsteigerelite aus den Schwellenländern Gemeinsamkeiten auf.

Zum Beispiel eine große ideologische Flexibilität. Der marktwirtschaftliche Modernisierungskurs, den der ehemalige Investmentbanker Simsek und der islamisch-konservative Erdogan der Türkei verordneten, unterscheidet sich kaum von den Reformrezepten des Sozialisten da Silva oder seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff in Brasilien. Und auch der linksgerichtete Zuma hat am liberalen Reformkurs seiner Vorgänger bislang nicht gerüttelt.

Und noch eine Gemeinsamkeit gibt es: Der Weg nach oben war zu mühsam, um sich in der Politik mit Klein-Klein zufriedenzugeben. Das geht einher mit machtbewusstem Auftreten in der Heimat wie auf der internationalen Bühne. Die neue Elite will gestalten, nicht verwalten.

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