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Übersicht: Die größten Ölexporteure

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Schwellenländer in Not Ölpreisschock bedroht deutsche Exporte

Der hohe Ölpreis macht stark wachsenden Schwellenländern wie China und Indien schwer zu schaffen. Deutsche Firmen sorgen sich deshalb um ihre Ausfuhren. Sogar die Ölpreisprofiteure der arabischen Welt könnten als Kunden ausfallen - vielen deutschen Schlüsselbranchen droht Ungemach.

Hamburg - Vordergründig betrachtet, sind die meisten deutschen Firmen für steigende Ölpreise bestens gerüstet. Geradezu vorbildlich hat die Industrie ihre Abhängigkeit vom Öl in den vergangenen Jahrzehnten reduziert. Auf weniger als 8 Prozent schätzt der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) den Ölanteil am gesamten Energieverbrauch der Firmen. Vor den Ölkrisen der 70er-Jahre lag der Wert noch weit über 30 Prozent.

Dennoch sehen viele Unternehmenslenker die aktuell rasant empor geschnellten Ölpreisnotierungen mit großer Sorge. Denn während Firmen und Verbraucher in Europa die Steigerungen vergleichsweise gut wegstecken können, sieht es auf den wichtigsten Wachstumsmärkten deutscher Exporteure anders aus.

Erdöl wird dort zunehmend wichtiger, wegen der hohen Nachfrage steigt der Preis weltweit. Zugleich sind Konsumenten und Unternehmen in vielen Schwellenländern kaum in der Lage, deutlich mehr Geld für den begehrten Rohstoff und seine Derivate auszugeben.

Die Gefahr, dass steigende Ölpreise das Wachstum in diesen Ländern abwürgt, steigt. Damit wächst das Risiko, dass die zuletzt besten Kunden deutscher Autohersteller, Maschinenbauer und anderer Firmen nicht mehr so freudig bestellen wie zuvor.

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Gewalt in Libyen: Ölkonzerne auf der Flucht

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"Wenn sich das Preisniveau hält oder steigt, wird das die Konjunktur in vielen Schwellenländern dämpfen", sagt Konjunkturexperte Klaus-Jürgen Gern vom Institut für Wirtschaftsforschung in Kiel. "Das werden auch die deutschen Exporteure spüren."

Zuletzt wurde Rohöl der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) den vierten Tag in Folge teurer und kostete 111,01 Dollar pro Fass. Öl aus der Nordsee und den USA legte in den vergangenen Tagen ebenfalls deutlich zu.

"Wenn die Preise in den nächsten sechs bis zwölf Monaten weiter anziehen, dürfte das Wachstum in Asien niedriger ausfallen als erwartet", sagt auch Schwellenländerexpertin Maria Laura Lanzeni von Deutsche Bank Research. "Steigt der Ölpreis vom jetzigen Niveau um zehn Dollar, sinkt das Wachstum weltweit um etwa einen halben Prozentpunkt."

Zeitbombe mit zweifacher Sprengkraft

In aufstrebenden Staaten wie China würde der Effekt noch stärker ausfallen, erwartet Lanzeni. "Für deutsche Unternehmen ergibt sich eine niedrigere Nachfrage auf ihren Exportmärkten." Momentan gebe es aber noch keinen Grund, die Wachstumsprognosen wegen des Ölpreisanstiegs nach unten zu revidieren.

Viele Firmen und Verbände selbst klammern sich an die Hoffnung, dass dies so bleibt. So der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA): "Steigende Ölpreise hätten sicher den einen oder anderen dämpfenden Effekt. Insgesamt erscheint die Konjunktur aber robust", sagt VDMA-Volkswirt Olaf Wortmann gegenüber manager magazin. "Wir trauen dem chinesischen Markt weiteres Wachstum zu."

Die exakten Folgen eines weiterhin hohen Ölpreisniveaus sind für viele Schwellenländer jedoch nicht eindeutig vorherzusagen. Gerade China ist möglicherweise in der Lage, höhere Ölpreise mittels seiner Devisenreserven zunächst aufzufangen. Wie in zahlreichen anderen Schwellenländern wacht der Staat streng über die Preise für Benzin an den Tankstellen und andere Rohölprodukte.

Treibstoff wird in jedem zweiten Schwellenland subventioniert

Treibstoff wird laut DB Research in jedem zweiten der 30 wichtigsten Schwellenländer subventioniert. Preissteigerungen an den internationalen Märkten schlagen für Verbraucher und Firmen in diesen Staaten nicht direkt durch.

Doch was zunächst Brisanz aus der Sache nimmt, könnte wie eine Zeitbombe mit zweifacher Sprengkraft wirken. Angesichts wachsender Haushaltsnöte kommen manche Staaten irgendwann womöglich nicht mehr um Subventionskürzungen herum.

Und diese fallen dann oft drastisch aus, wie Erfahrungen aus Ländern wie Pakistan, Indonesien und Indien aus. "Dann wirkt der Preisanstieg umso brutaler", sagt IfW-Forscher Gern. "Bevölkerung und Firmen sind in den Staaten deutlich empfindlicher als bei uns."

Schlüsselbranchen droht Ungemach

Die Regierungen in Schwellenländern müssen zudem aufpassen, dass sie keinen Volksaufstand heraufbeschwören, wenn sie die Vergünstigungen kappen. In Pakistan hatte eine Benzinpreiserhöhung Anfang Januar zu Massenprotesten und in eine Regierungskrise geführt.

Sie wurde erst beendet, als Premierminister Yousuf Raza Gilani die Maßnahme zurücknahm. In Indien und Indonesien hat es in den vergangenen Jahren ähnliche, destabilisierende Konflikte gegeben, die die Exportbedingungen für westliche Firmen weiter verschlechtern.

Besonders den deutschen Schlüsselbranchen droht in solchen Fällen Ungemach. "Nachfrageeffekte dürfte insbesondere die Autoindustrie zu spüren bekommen", sagt IfW-Forscher Gern. Daimler , Volkswagen , BMW  und Co. hatten zuletzt überproportional vom Wachstum in China und anderen Schwellenländern profitiert und planen mit weiteren Absatzsteigerungen.

Tata-Aktie unter Druck

Steigen die Spritpreise stark an, kaufen die Verbraucher weniger Autos, wie sich auch in der jüngst überwundenen Wirtschaftskrise zeigte. Kein Wunder, dass beispielsweise Aktien des indischen Autobauers Tata besonders stark einbrachen, als der Ölpreis wegen der Ereignisse in Libyen explodierte.

Wenig beruhigend für andere Branchen wie den Anlagen- und Maschinenbau ist zudem, dass sie bei der gegenwärtigen Ölpreishausse weniger als sonst vom so genannten Petrodollar-Recycling profitieren dürften. "Die Unsicherheit in vielen Förderländern dürfte sich negativ auf die Investitionen dort auswirken", sagt Gern.

In der Vergangenheit hatten Ölstaaten einen Großteil ihrer Öleinnahmen in Maschinen made in Germany investiert. Zudem werkelten deutsche Baufirmen an zahlreichen Infrastrukturprojekten in der arabischen Welt mit.

Dieses Mal müssen zumindest die von Aufständen betroffenen Ölstaaten ihre Fördermengen drosseln. Bis wieder Ruhe eingekehrt ist und die Staaten wieder Großprojekte verfolgen, dürfte vielerorts zudem noch einige Zeit vergehen.

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