Samstag, 24. August 2019

Geldmangel In Spanien entscheidet sich Europas Zukunft

Geldmangel: Im Mai, August und Oktober braucht die spanische Regierung jeweils Cash-Zufuhren zwischen 23 und 25 Milliarden Euro

Der Weltwirtschaft steht eine heiße Phase bevor. In den kommenden Monaten müssen die westlichen Staaten gigantische Summen an Schulden an den Finanzmärkten aufnehmen. In Europa steht vor allem Spanien im Fokus. Schafft es das Land, sich am eigenen Schopf aus der Krise zu ziehen?

Hamburg - Die Lage an den Anleihemärkten bleibt angespannt. Hochgradig angespannt sogar. Während offzielle Verlautbarungen derzeit eher beschwichtigen und darauf hinweisen, dass staatliche Sparprogramme von Griechenland bis Spanien im Plan sind, äußern sich amtliche Insider hinter vorgehaltener Hand deutlich besorgter. Gut möglich, dass es bei einigen Bond-Auktionen wieder zu Käuferstreiks kommt, dass dann eine Kettenreaktion ausgelöst wird, die andere Länder erfasst.

Die Welt spielt mit hohem Risiko.

Für die globale Wirtschaft beginnt eine heiße Phase. Im ersten Halbjahr 2011 müssen Europa, Nordamerika und Japan für ausstehende Staatsschulden in Höhe von zusammen rund 5,5 Billionen Dollar Anschlussfinanzierungen finden, das hat der Internationale Währungsfonds (IWF) kürzlich vorgerechnet. Rund ein Drittel dieser Schuldenaufnahme entfällt auf die USA - wo das strukturelle Defizit immer noch weiter steigt. Ein weiteres Drittel braucht Japan - dessen Staatsfinanzen sich inzwischen in heilloser Unordnung befinden (die öffentlichen Schulden liegen bei 220 Prozent des BIP). Die Staaten des Euro-Lands machen nur rund ein Sechstel der Schuldenaufnahmen des Westens aus.

Dennoch ist der Stress innerhalb der Euro-Zone besonders deutlich spürbar. Die Zinsabstände sind in den vergangenen Wochen wieder gestiegen. Vor allem aus zwei Gründen: Zum einen sind innerhalb einer Währungsunion Staatsbankrotte wahrscheinlicher, weil es keine nationalen Notenbanken mehr gibt, die mit einer Kombination aus Inflation und Abwertung dem Fiskus temporären Spielraum verschaffen könnten (wie aktuell in Großbritannien). Zum anderen ist noch immer nicht klar, wie genau der künftige Europäische Stabilisierungsmechanismus (ESM) funktionieren soll; das sorgt für Unsicherheit in den Märkten.

Das Alptraum-Szenario ist eine Corrida aus spanischen Staatsanleihen. Im aktuellen Heft befassen wir uns damit in einem umfassenden Report. Während Griechenland und Irland bereits Hilfen von den EU-Partnern bekommen und Portugal klein genug ist, so dass es ebenfalls gerettet werden könnte, ist Spanien eine so große Volkswirtschaft, dass sie manchem den Angstschweiß auf die Stirn treibt.

Spanien ist womöglich zu groß, um gerettet zu werden.

Ausstehende Staatsanleihen im Volumen von gut 130 Milliarden Euro müssen dieses Jahr abgelöst werden. Im Mai, August und Oktober braucht die Regierung in Madrid jeweils Cash-Zufuhren zwischen 23 und 25 Milliarden.

Der europäischen Krisenstrategie folgend "Die Geldlüge", versucht Spanien sich aus der Krise herauszusparen. Die iberische Nation habe sich "die ausgeprägteste Defizitreduktion unter den großen europäischen Ländern" vorgenommen, lobte kürzlich der IWF. Insbesondere verlasse sich die Regierung auf Ausgabenmaßnahmen, darunter die Senkung von Löhnen, Renten und öffentlichen Investitionen".

In unserem Report im Heft untersuchen wir, was eine derart harte Sanierungsstrategie für die viertgrößte Volkswirtschaft der Eurozone bedeutet. Was heißt es eigentlich, wenn die Bevölkerung auf mindestens 10 Prozent ihres Wohlstands verzichten muss, um wieder wettbewerbsfähig zu werden? Wenn die Arbeitslosenquote bei 20 Prozent verharrt und 40 Prozent der Jugendlichen keinen Job haben? Wir analysieren die wichtigsten Branchen und das Bankensystem und gehen der Frage nach, wie es eigentlich so weit kommen konnte, obwohl doch über viele Jahre alle mit Spaniens Performance hochzufrieden waren.

Dies ist die Hoffnung: Spanien löst seine strukturelle Schwächen und kuriert sich auf die harte Tour. Die Einsparungen bringen notwendige Reformen und steigern die Wettbewerbsfähigkeit, so dass das Land in einigen Jahren deutlich stärker dasteht.

Doch was, wenn diese Strategie nicht aufgeht: wenn die Bevölkerung unruhig wird und die Regierung handlungsunfähig, wenn die Akteure an den Finanzmärkten nervös werden - oder wenn die Finanzmärkte gerade deshalb in Panik geraten, weil die Bürger die Sparmaßnahmen nicht mittragen.

Es ist ein Spiel mit hohem Einsatz. In Spanien entscheidet sich die Zukunft des Euro. Und mehr als das: Sollten Zweifel an der Sanierungsstrategie aufkommen, dann könnten sich auch Italien und Belgien anstecken, warnt ein Insider. Das wäre dann die große internationale fiskalische Kernschmelze.

Wenn die Risiken im Hintergrund so schauderhaft groß sind, dann muss man fragen: Gibt es keine Alternative zur Strategie des kalten Entzugs? Und wenn ja, wie könnte sie aussehen?

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