Fotostrecke

Ölsand: Wie China der Welt das Öl abgräbt

Foto: Getty Images

Kanadas Ölsand Chinas Gier nach dem Öl-Dorado

Während in den arabischen Ölstaaten die Revolution in der Luft liegt, gerät Kanada ins Zentrum globaler Energiestrategien: Im stabilen Ahornland werden immer gigantischere, neuartige Ölquellen erschlossen. Die sichert sich jetzt China Zug um Zug - und versetzt Amerika und Deutschland in Aufregung.
Von Markus Gärtner

Vancouver - Im Petroleum-Club von Calgary werden jetzt wieder dickere Steaks serviert und öfter Zigarren gereicht als während der Krise im Jahr 2009. Da war es vorübergehend so ruhig geworden, dass der feine Privatclub im Business District der Finanzdrehscheibe Alberta sich gezwungen sah, einen "Test Drive" anzubieten, eine Mitgliedschaft auf Probe, quasi ein Stimuluspaket gegen die schwindende Zahl von Geschäftsleuten mit Cowboyhüten in dem mächtigen Businesszirkel.

Das Lockangebot kann jetzt wieder kassiert werden, denn Kanadas Provinz Alberta steht vor einem wahren Ölrausch. Und der steigende Ölpreis ist nur ein Grund dafür.

Sicher, in den Bilanzen der Ölfirmen ist der Ölboom dank des Ölpreis-Sprungs über die 100 Dollar-Grenze für einen Barrel (159 Liter) schon zu erahnen. Die Exxon Mobil-Tochter Imperial Oil beispielsweise, Kanadas zweitgrößter integrierter Energiekonzern, meldete für das jüngste Quartal vor wenigen Tagen eine Gewinnsteigerung um 50 Prozent. Doch es geht um mehr als nur den Ölpreis.

Kanada im Epizentrum globaler Energiestrategien

Ein globaler Sturm zieht über das Land, schnell und mächtig, ausgelöst nicht zuletzt durch drei Nachrichten in den vergangenen Tagen. Sie haben das Ahornland ins Epizentrum globaler Energiestrategien gestoßen, ohne dass zwischen Halifax und Vancouver selbst jemand etwas dazu beigetragen hätte.

Proteste erschüttern weite Teile des Nahen Ostens. Sie werfen drängender als je zuvor die Frage nach der Sicherheit der Lieferquellen für westliche Länder auf. Hinzu kommen die von Wikileaks verbreiteten Depeschen amerikanischer Diplomaten zu Äußerungen des früheren Chefgeologen von Aramco, Saudi Arabien habe seine Vorräte um bis zu 40 Prozent überschätzt. Das hat in der Energiewirtschaft für ein Beben gesorgt.

Und schließlich der Paukenschlag am Donnerstag: Der chinesische Ölkonzern Petrochina sichert sich für 5,4 Milliarden Dollar die Hälfte des riesigen Cutbank-Gasfeldes von Encana im Nordosten der kanadischen Provinz British Columbia. Dies ist nur einer von zahlreichen Deals, mit denen Peking sich den Zugriff auf Energiereserven sichert.

14 Milliarden China-Dollar für Kanadas Ölsand

Es geht um 7,2 Millionen Kubikmeter Gasförderung pro Tag und um die größte Auslandsinvestition von Chinas führendem Energiekonzern. Der hat ganz offiziell erklärt, in den kommenden zehn Jahren weltweit mindestens 60 Milliarden Dollar auszugeben, um Reserven und Produktion so auszubauen, dass sie mit Chinas Turbowachstum schritthalten können. Mehr als 14 Milliarden Dollar haben staatliche Energiekonzerne aus der Volksrepublik seit 2008 in kanadische Öl- und Gasfirmen investiert.

Das grenzt an eine Provokation der USA. Denn bislang verkauft Kanada sein Öl ausschließlich in das südliche Nachbarland. Dank der Ölsande ist es zum größten Öllieferanten der angeschlagenen Supermacht aufgestiegen. Und Kanada, so scheint es plötzlich, hat auf alles eine Antwort:

Immense Reserven, eine starke Währung, eine stabile Demokratie, dazu solide Banken und - in den Augen von Investoren besonders wichtig - alle großen Projekte in Privatbesitz, nicht verstaatlicht wie im Nahen Osten, in Venezuela oder in Mexiko. Das schwarze Gold in Alberta - 95 Prozent von Kanadas Ölreichtümern - ist für internationale Investoren zugänglich.

Es war daher nur eine Frage der Zeit, bis China mit beiden Händen im Westen Kanadas zugreifen würde. Im April 2010 erwarb die China Petroleum & Chemical Corp., Asiens führender Raffineriebetreiber, für 4,65 Milliarden Dollar den Anteil von ConocoPhillips am Ölsand-Produzenten Syncrude in Alberta. Im Dezember 2009 erhielt Petrochina dann von Kanadas Behörden bereits die Genehmigung, für 1,9 Milliarden Dollar Teile der Ölsandprojekte MacKay und Dover zu erwerben. Und weiter: Im August 2009 kaufte China Petrochemical für 8,3 Milliarden kanadische Dollar den Ölproduzenten Addax Petroleum in Calgary.

Neuer Frontabschnitt im globalen Rohstoffkampf

In den Augen der US-Administration ist das ein energiepolitischer Affront, und das im Hinterhof der USA. Das beschauliche Kanada wird damit zu einem der wichtigsten Frontabschnitte im zunehmenden Verteilungskampf der beiden größten Volkswirtschaften auf der Erde um die schwindenden Energiequellen. Denn die Reserven, um die es im Norden von Alberta geht, sind in der Tat enorm.

175 Milliarden Barrel Öl vor allem in Form von Ölsand schlummern in der Erde, 95 Prozent in den Vorkommen von Alberta. Es ist das größte bekannte Vorkommen außerhalb Saudi Arabiens. Kanadas Anteil an den globalen Reserven beträgt damit etwa 13 Prozent - und deren Ausbetung nehmen Kandas Ölfirmen jetzt erst so richtig in Angriff.

Die Exxon Mobil-Tochter Imperial Oil, die gerade erst einen Gewinnschub vermeldete, ist schon jetzt einer der führenden Ölsand-Player und beweist der Welt, was das für die Zukunft beweisen kann. Das Unternehmen hat sein acht Milliarden Dollar teures Kearl-Ölsandprojekt in der Region schon zur Hälfte gebaut und will die Anlage mit täglich 110.000 Barrel Förderkapazität bis Ende 2012 anwerfen.

Auch Suncor, Kanadas größter börsennotierter Energiekonzern, glänzt bereits mit phantastischen Bilanzzahlen: Der Gewinn im Schlussquartal 2010 wurde fast verdreifacht. Wichtigster Grund: Die Ölsandförderung. "Stetige und zuverlässige Produktion", heißt es im Quartalsbericht, verhalf zu neuen Spitzenergebnissen. "Es war ein Rekordquartal für uns", sagt Suncor-Chef Rick George. Von dem ölreichen Schlick, der chemisch für die Weiterverarbeitung in herkömmlichen Raffinerien aufwändig präpariert werden muss, pumpte Suncor im Quartal so viel aus der Erde, dass die tägliche Produktion auf 326.000 Barrel anstieg.

Wirtschaftswachstum von 4,3 Prozent

Dass die glänzenden Geschäfte der kanadischen Ölfirmen und die noch besseren Zukunftsaussichten bereits jetzt wie ein Wirtschaftsturbo für manche kanadischen Regionen wirken, sehen auch Kanadas führende Analysten so: "Wir sagen Alberta für 2011 ein Wirtschaftswachstum von 4,3 Prozent vorher", sagt Craig Wright, der Chefökonom der Royal Bank, des größte Geldinstitut im Ahornland. "Das ist das höchste Wachstum, das die Provinz seit 2006 gesehen hat", sagt Wright.

Energieanalysten der kanadischen Investmentbank BMO Capital Markets prognostizieren dem ölreichen Gebiet in Alberta für dieses Jahr 20 Milliarden Dollar Investitionen. Das wären über 30 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Bis 2015 soll das Volumen gar auf knapp 30 Milliarden Dollar anschwellen. Laut der Investmentbank Peters & Co. in Calgary, die sich auf den kanadischen Energiesektor spezialisiert hat, sollen die Ölsandinvestitionen bis zum Ende des Jahrzehnts um 180 Milliarden Dollar zunehmen. Das entspräche fast dem Bruttoinlandsprodukt der Tschechischen Republik.

"Die Zunahme der Transaktionen ist der robusten Wirtschaft in Kanada und dem weltweiten Mangel an so großen Vorkommen mit politischer Stabilität zu verdanken", heißt es in dem Bericht, den Peters im Januar mit der Prognose vorlegte. Hier scheinen Wachstumsraten möglich, wie sie sonst nur in China beobachtet werden.

In Washington sind deshalb nicht wenige beunruhigt, dass sich ausgerechnet das energie- und rohstoffreiche Kanada so rasant in Richtung Asien zu öffnen beginnt und bei diesem strategischen Schwenk auch die Öl- und Gasquellen im Visier hat. Selbst Notenbank-Gouverneur Mark Carney ruft die kanadische Wirtschaft auf, von der einseitigen Ausrichtung auf den Handel mit den USA weg in Richtung Asien zu diversifizieren. Und Saskatchewan verhandelt mit den Chinesen, um wenigstens einen Teil seiner eigenen Ölsande, die es jetzt forciert erschließen will, nach Asien zu verkaufen. Der nächste Milliarden-Deal zeichnet sich damit ab.

Monster-Pipeline für die USA

In der Agrarprovinz Saskatchewan, ein Nachbar Albertas, grassiert dank steigender Ölpreise ebenfalls das Energiefieber. Der Verkauf von Förderrechten auf staatlichem Land an Energiefirmen hat im Februar bereits den zweithöchsten Wert aller Zeiten erreicht. In diesem Fiskaljahr sind schon für 467 Millionen Dollar Schürfrechte an Öl- und Gasvorkommen versteigert worden, drei Mal mehr als im Vorjahr.

Für das Öl aus Alberta und Saskatchewan ist der Bau der sogenannten Northern Gateway-Pipeline geplant, eine 1200 Kilometer lange Röhre von Alberta an die pazifische Küste, zur Verschiffung des schwarzen Goldes nach Asien. Chinas Sinopec soll einer der Investoren in dem Projekt sein. China importierte 2010 im Schnitt 4,8 Millionen Barrel Öl pro Tag, ein Zuwachs gegenüber dem Vorjahr von 18 Prozent.

Den Energiestrategen in Washington wird das alles langsam unheimlich. Auf dem Schreibtisch von Barack Obama liegt daher zur Unterschrift ein Projektantrag für die sogenannte Keystone Pipeline, eine zwölf Milliarden Dollar teure Ölleitung von Alberta über Saskatchewan durch die Raffineriezentren in den USA und weiter bis nach Texas. Das Transportmonster könnte zusätzlich 500.000 Barrel Öl pro Tag aus dem hohen Norden in die USA befördern und in Verbindung mit den bereits beschlossenen Gesetzen für abgasärmere Autos die USA sogar zu einem Nettoexporteur für Benzin und Diesel machen. Das zumindest behauptet der Energieberater Ensys Energy in Lexington, der im Auftrag des US-Energieministeriums das Pipeline-Projekt geprüft hat.

Als das Außenministerium in Washington das Papier am 2. Februar auf seine Webseite stellte, war der Jubel in Kanada groß. Jetzt warten alle auf Obama. Der hatte im Präsidentschaftswahlkampf noch gegen "schmutziges" Öl aus Kanada gewettert. Seit er den Amtseid geleistet hat, war nichts mehr davon zu hören.