World Economic Forum in Davos Die fünf Risiken der Weltwirtschaft

Vorsichtig heiter - das ist die Stimmung in den Topetagen der Weltwirtschaft. Die akute Krise ist vorbei, viele Konzerne verfügen über große Cash-Reserven. Nun wenden sich die Konzernführer wieder weitreichenden strategischen Fragen zu. Worum sollte es in Davos gehen? Eine Fünf-Punkte-Agenda.
Treffen der Wirtschaftselite in Davos: Die Welt ist im Umbruch - und die Wirtschaftslenker sind gefordert

Treffen der Wirtschaftselite in Davos: Die Welt ist im Umbruch - und die Wirtschaftslenker sind gefordert

Foto: JOHANNES EISELE/ AFP

Die Welt steckt in der Klemme. Und sie wird sich nicht so leicht daraus befreien können. Das ist, kurz gesagt, das Fazit, das die mm-Redaktion aus vielen Interviews gezogen hat. In Vorbereitung auf das World Economic Forum, das heute in Davos beginnt, haben wir mit Dutzenden internationalen Topmanagern, Politikern und Experten gesprochen. Das Ergebnis ist das 60-seitige Extraheft "Globale Perspektiven", das dem aktuellen manager magazin beiliegt.

Die Welt steckt in der Klemme, weil die etablierten Volkswirtschaften und die Schwellen- und Entwicklungsländer auf einem schmalen Grat balancieren.

Erstens hat die Weltwirtschaft einen gigantischen Investitionsbedarf. Die Megacities in den Schwellenländern platzen aus allen Nähten und brauchen dringend Infrastruktur im großen Stil. Die USA und Großbritannien haben viel zu lange ihre Straßen, Schienen und Schulen verkommen lassen, sie müssen dringend Basisinvestitionen nachholen. Und auch Kontinentaleuropa braucht eine rundüberholte Verkehrs- und Energieinfrastruktur, um Energieverbrauch und Emissionen senken zu können. "Wir müssen die Mobilitätssysteme in und zwischen den Megacities neu gestalten", hat uns Guillaume Pépy, der Chef des französischen Bahnkonzerns SNFC, gesagt.

Gigantischer Investitionsbedarf und hohe Schulden

Zweitens sind große Teile der Weltwirtschaft hoffnungslos verschuldet. Die USA und Teile Europas halten die Welt - und auch die in Davos versammelten Topmanager - in Atem. Staatsbankrotte, Währungsrcrashes, das Auseinanderbrechen der Euro-Zone, ein grenzenloser Inflationsschub - alles möglich.

"Die grundlegenden Probleme, die die Finanzkrise ausgelöst haben, sind noch nicht gelöst", so Frederico Fleury Curado, Chef des brasilianischen Flugzeugbauers Embraer, zu manager magazin. Er befürchte deshalb Handels- und Währungskriege.

Kapital wird knapp - und der Kampf um die Rohstoffreserven verschärft sich

Drittens wird das globale Kapitalangebot im Westen spürbar knapper als bisher. Bislang haben Schwellenländer wie China große Teile ihrer Überschüsse in Form von langfristigem Kapital in die reichen Länder, vor allem in die USA, zurücküberwiesen. Dieser Transfer Richtung Norden wird abflauen, weil die Schwellenländer selbst größeren Investitionsbedarf haben, wie die Unternehmensberatung McKinsey für manager magazin ausgerechnet hat.

"Wie nur sollen die langfristigen Infrastrukturinvestitionen, die wir jetzt unbedingt anpacken müssen, finanziert werden?", fragt auch der Allianz-Vorstandsvorsitzende Michael Diekmann.

Viertens hat das globale Powerplay um die Rohstoffreserven eine neue Qualität erreicht. Förderländer wie China, Russland, Bolivien oder Südafrika sind sich der Macht ihrer Bodenschätze bewusst und spielen sie zunehmend breitbeinig aus. Offene Märkte und befriedende internationale Institutionen beschreiben die Welt von gestern.

Längst driftet die Welt zurück zur Logik der "Balance of Power" des 19. Jahrhunderts. Leidtragende sind gerade auch europäische Hightech-Branchen: Eine Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung zeigt, dass es gerade bei extrem knappen Rohstoffen wie Gallium und Germanium, die beispielsweise in der Chipproduktion benötigt werden, eng wird. Auch dazu mehr im aktuellen Heft.

Das alte Währungssystem wankt

Fünftens gibt es keine neue Hegemonialmacht, die bereit und in der Lage wäre, die Rolle der USA als stabilsierendes Element der Weltpolitik und -wirtschaft zu übernehmen. Statt einer neuen Weltordnung gibt es ein wachsendes Maß an Unordnung, die sich in den Aufständen des nervösen Maghreb ebenso zeigt wie in der untoten Welthandelsrunde der WTO. Sie zeigt sich auch im internationalen Währungssystem: Der Dollar ist eine Weltwährung auf Abruf.

Doch ein geordneter Übergang zu einem neuen Währungssystem ist nicht in Sicht. Statt gemeinsam eine tragfähige Lösung zu erarbeiten, versuchen die wichtigsten Volkswirtschaften der Erde sich jeweils kurzfristige Handelsvorteile durch die Manipulation der Wechselkurse zu verschaffen. "Wir leben wieder in einer Welt des Wirtschafts- und Finanznationalismus", schreibt der Princeton-Historiker Harold James in einem Essay für unser Davos-Extraheft. Ihn erinnere all das "beängstigend an das Jahr 1933".

Wie gesagt, die Welt balanciert auf einem schmalen Grad.

In den gängigen Konjunkturprognosen finden diese fundamentalen Verschiebungen keinen Niederschlag. So heißt es im gerade erschienen Update des World Economic Outlook vom Internationalen Währungsfonds lediglich: "Die Abwärtsrisiken bleiben erhöht." Die Dramatik der derzeitigen historischen Verschiebungen auf globaler Bühne trifft eine solche technokratische Wortwahl bei weitem nicht.

Immerhin, die globale Wirtschaftselite atmet auf. Die Zeit des reinen Krisenmanagements ist vorbei. Viele Konzerne haben große Cash-Reserven aufgebaut, nun wenden sich die Topmanager weitreichenden strategischen Fragen zu. Dazu bedarf es Tatkraft und einer gerade noch vertretbaren Portion Optimismus, sonst kann man das Nachdenken über Zukunftsfragen gleich lassen.

"Wer große Unternehmen führt", sagt Alcoa-Chef Klaus Kleinfeld im aktuellen manager magazin, "sollte die Kraft haben, zuversichtlich - und zugleich realistisch - zu sein." Das ist wahr. Es ist im übrigen die einzige Chance, aus der derzeitigen Klemme herauszufinden.

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