Niedrige Zinsen "Wer jetzt investiert, wird zum Gewinner"

Die in Davos versammelten Wirtschaftslenker sollten entschlossener handeln und die niedrigen Zinsen für weltweite Investitionen nutzen, fordert Orit Gadiesh, Chairwoman der Unternehmensberatung Bain & Company. So lasse sich das Risiko neuer Handelskriege verringern - und Global Player könnten zudem neue Wachstumsfelder erschließen.
"Irgendwann wird sich die Weltwirtschaft umfassend erholen"

"Irgendwann wird sich die Weltwirtschaft umfassend erholen"

Foto: ROSLAN RAHMAN/ AFP

mm: Deutschland boomt, die US-Wirtschaft scheint auch wieder langsam anzuziehen. Hat die westliche Welt jetzt endlich die Finanzkrise überwunden?

Gadiesh: Noch hat sich das Finanzsystem nicht erholt - deshalb haben wir 2011 noch eine Menge an Herausforderungen zu bewältigen.

mm: Was ist Ihrer Ansicht nach das größte Problem?

Gadiesh: Die mangelnde Nachfrage in den USA. Die Konsumenten bauen ihre Schulden ab, die Unternehmen investieren nicht. Dabei liegen die Zinsen auf einem historischen Tief. Die Bundesstaaten, die ihre Budgets ausgleichen müssen, kürzen ihre Ausgaben. Und Washington kann den Rückgang nicht kompensieren. Eine solche Situation finden Sie in den meisten westlichen Volkswirtschaften.

mm: Der große Ökonom John Maynard Keynes, dessen Nachfragepolitik die Weltwirtschaft aus der großen Depression der 30er Jahre führte, würde in dieser Situation wieder eine Stimulierung der Nachfrage vorschlagen.

Gadiesh: Bestimmt. Und er würde auch die ganze Diskussion, die gerade in den USA und Europa über die Staatsausgaben läuft, wieder erkennen. Viele Politiker und Ökonomen sagen, die fiskalischen Möglichkeiten seien ausgeschöpft und die Regierungen müssten sich dringend aus der Wirtschaft zurückziehen. Von dieser Ansicht ließ 1932 US-Präsident Herbert Hoover überzeugen und fünf Jahre später fuhr auch Roosevelt vorzeitig die Staatsausgaben zurück. Beide scheiterten fürchterlich.

mm: Der Vergleich zu heute hinkt doch etwas. Derzeit versorgen die Zentralbanken die Wirtschaft höchst großzügig mit Geld. Wünschen Sie sich etwa eine Inflation?

Gadiesh: Ich sehe eher das Risiko einer Deflation. Bislang erkenne ich keine inflationären Tendenzen. Und es weist auch nichts darauf hin, dass die Zinsen steigen. Noch können sich die meisten Staaten zu ausnehmend günstigen Konditionen Geld beschaffen. Sogar Japan, das weltweit die höchste Verschuldung im Verhältnis zu seinem Bruttoinlandsprodukt hat, kann sich problemlos Yen leihen. Glücklicherweise, denn die USA und andere Volkswirtschaften brauchen dringend mehr fiskalische Stimulation.

mm: Das sehen wir in Europa etwas anders. Die hohe Verschuldung von Irland, Portugal und Spanien bedroht die Währungsunion. Oder bangen Sie etwa nicht um den Euro?

Gadiesh: Keine Frage, diese Länder - und wohl auch noch Griechenland - stecken in einer schrecklichen Krise. Aber aus globaler Sicht spielen diese Staaten keine große Rolle, dafür sind ihre Volkswirtschaften zu klein. Etwas anderes wäre es natürlich, wenn der Euro an den PIGS-Ländern zerbräche. Aber jede Währungsunion zwischen sehr unterschiedlichen Ökonomien ist potenziell hoch riskant. Die EU hat in der Vergangenheit recht erfolgreich bewiesen, dass sie für solche Probleme eine Lösungen finden kann. Wir können nur alle hoffen, dass ihr das jetzt wieder gelingt - sonst stehen wir vor einer echten Katastrophe.

Konfliktpotenzial zwischen China und Amerika

mm: Europa und die USA haben also noch mit großen Problemen zu kämpfen. Kommt die Rettung aus den boomenden asiatischen Staaten - allen voran China?

Gadiesh: Achtung. China wächst dank eines gigantischen staatlichen Stimulationsprogramms wieder sehr schnell. Aber Chinas Erfolg hängt von seinem massiven Handelsüberschuß ab, vor allem mit den USA. Das riesige Handelsplus wird aber keinen Bestand haben, wenn Amerika in der Krise verharrt. Außerdem werden es die USA wohl auch politisch nicht zulassen, dass dieses Ungleichgewicht erhalten bleibt. Deshalb muß sich China schnellstens neue Abnehmer für seine Waren suchen - bevorzugt auch im eigenen Land.

mm: Sind Sie sicher, dass die USA China noch irgendetwas politisch erlauben oder verbieten können? Das Reich der Mitte stellt doch de facto die zweite große Weltmacht dar.

Gadiesh: Moment einmal. Noch ist die Wirtschaftskraft der etablierten Industriestaaten erheblich viel größer als die der Schwellenländer. Die chinesische Wirtschaft wächst zwar schnell. Aber sie ist bis heute lediglich ein Drittel so groß wie die der USA oder Europas. Zudem muß China in seiner Entwicklung noch viele Hürden überwinden. Und bisher haben sich die Chinesen immer sehr besonnen verhalten.

mm: Sie sehen also keine Friktionen zwischen der alten Macht Amerika und dem aufstrebenden China?

Gadiesh: Es besteht zwar wirtschaftliches Konfliktpotenzial zwischen China und Amerika. Aber genauso viel Grund haben wir, auf eine friedliche und wahrhaft multi-polare Welt zu hoffen.

mm: Ihr Optimismus in Ehren. Aber nimmt derzeit nicht die Zahl der Handelskonflikte ständig zu?

Gadiesh: Die meisten Ökonomen sind ja davon überzeugt, dass freier Handel allen Beteiligten mehr Wohlstand bringt. Allerdings existiert dieser freie Handel nicht wirklich. Währungsmanipulationen und unterschiedliche Regulierungen in den Ländern behindern ihn. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges versuchen die Nationen, diese Hemmnisse abzubauen. Wir stellen derzeit zwar noch keine echte Rückkehr des Protektionismus fest. Aber es geht auch nicht mehr richtig voran. Die Doha-Runden ziehen sich jetzt schon seit Jahren ohne großen Erfolg hin. Und auch auf dem jüngsten G-20-Treffen wurde nicht viel erreicht.

mm: Immer neue Krisen, zunehmender Protektionismus - wie können sich Unternehmen in diesen turbulenten Zeiten positionieren?

Gadiesh: Irgendwann wird sich die Weltwirtschaft umfassend erholen. Wer diesen Zeitpunkt richtig erfasst, gehört zu den Gewinnern. Die Chancen sich gut aufzustellen stehen derzeit so gut wie selten: Die Kapitalkosten sind historisch niedrig. Und viele Firmen sitzen auf riesigen Bargeldreserven. Deshalb sollten die CEOs über strategische Investitionen nachdenken. Wer jetzt mutig in die Zukunft investiert, der wird seinen Konkurrenten weit voraus sein und nach der Krise zum Gewinner.

Mehr lesen über