Kapitalknappheit Der neue Super-Kapitalismus und seine Gegner

Teurer, umkämpfter, härter - weil das Kapital immer knapper wird, erreicht der kapitalistische System eine neue Stufe. Ist das gut? Oder schlecht? Letztlich kommt es drauf an, was die Unternehmen daraus machen.
Trendwende: In der neuen Phase des Human-Kapitalismus werden Geld und Fachkräfte knapp

Trendwende: In der neuen Phase des Human-Kapitalismus werden Geld und Fachkräfte knapp

Foto: Corbis

Der Kapitalismus, so besagt ein derzeit populäres Vorurteil, sei am Ende. Habe nicht die Finanzkrise gezeigt, dass da "systemisch" etwas falsch laufe? Dass die Staatshaushalte und damit die Steuerzahler zu Geiseln eines maroden Wirtschaftssystems geworden seien? Ein anderes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem müsse her, diese Aussage findet in Deutschland breite Mehrheiten, wie diverse Umfragen zeigen.

Wohin die Systemfrage führen soll, darüber gibt es verschiedene Vorstellungen: Ob "neue soziale Marktwirtschaft", "demokratischer Sozialismus" oder sogar "Kommunismus", der als Utopie in die politische Debatte zurückgekehrt ist - so unklar ist, was genau sich hinter diesen Begriffen verbirgt, so gemeinsam ist der Wunsch nach sanfter Veränderung.

Die Macht des Kapitals muss geschwächt werden, das ist eine überaus populäre Forderung. Nun zeigt eine Studie des McKinsey Global Institute exklusiv für manager magazin, dass genau das Gegenteil bevorstehen dürfte: Kapital wird weltweit immer knapper, begehrter, teurer und umworbener. (Im aktuellen Heft befassen wir uns eingehend mit den Auswirkungen auf die wichtigsten Industriebranchen in Deutschland.)

Der Kapitalismus dürfte deshalb keineswegs am Ende sein, sondern lediglich eine neue Stufe erreichen. Man kann das schlecht oder gut finden - ändern wird es wenig. Unabhängig von moralischen Kategorien, kann es sein, dass in der heraufziehenden Ära der Kapitalknappheit die Wirtschaft sich erst recht an den Interessen der Kapitaleigner orientieren wird.

Historisch materialistisch argumentiert: Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme richten sich nach objektiv knappen Faktoren aus. Der Kapitalismus des 19. Jahrhunderts entstand durch massiv gestiegenen Kapitalbedarf, der mit der sich durchsetzenden industriellen Wirtschaftsweise einher ging. Immer größere Fabriken und stark wachsende Metropolen brauchten immer mehr Kapital. Nur wer den Interessen seiner Eigner entgegenkam, bekam genug Kapital, um damit arbeiten zu können.

Kapitaldurst: Die Nachfrage wächst, die weltweiten Ersparnisse sinken

In den vergangenen Jahren passierte etwas Ähnliches im Zuge der Globalisierung. Weil durch die Öffnung der Schwellenländer die Märkte rasch wuchsen, stieg der Kapitalbedarf enorm: Unternehmen bauten immer größere Strukturen auf, sie expandierten an immer mehr Standorte, zunächst in Osteuropa und Lateinamerika, dann in China, Indien, Indonesien…. Dafür mussten sie große Mengen Kapital beschaffen. Entsprechend wurden die Shareholder und ihr Value zum zentralen Maßstab.

Die McKinsey-Studie legt nun den Schluss nahe, dass dies erst das Präludium war. Für die kommenden 20 Jahre sagen die Experten einen massiven Anstieg der globalen Investitionsdynamik vorher: Die Schwellenländer werden massiv in ihre Industrialisierung und die dafür notwendige Infrastruktur investieren. Die Kapitalnachfrage wächst also stark. Zugleich dürfte das Kapitalangebot - also die weltweiten Ersparnisse - zurückgehen, weil alternde Gesellschaften weniger auf die Seite legen.

Vom Ersparnisüberschuss zum Investitionsboom: Geld wird teurer

Es ist eine fundamentale Trendwende. Während die vergangenen drei Jahrzehnte von sinkenden Investitionsquoten im Westen und einer noch recht üppigen Ersparnisbildung geprägt waren, dürften sich nun beide Entwicklungen umkehren: Aus einem strukturellen globalen Ersparnisüberschuss ("savings glut") wird ein struktureller Überschuss an Investitonsprojekten. An eine lange Phase immer weiter sinkender Zinsen schließt sich nun eine Ära deutlich teureren Kapitals an. Die Ergebnisse der McKinsey-Studie sind ziemlich robust: Auch wenn das weltweite Wachstum deutlich zurückgehen sollte, so bleibt doch die globale Kapitallücke bestehen - sie fällt lediglich nicht ganz so groß aus.

Die Wirtschaft steht vor einer Gezeitenwende. Nach Jahrzehnten der Flut beginnt nun eine lange Phase der Ebbe.

Die große Frage ist, wie die Wirtschaft darauf in den kommenden Jahren und Jahrzehnten reagieren wird. Wird die "Entmenschlichung" des Systems fortschreiten, die die Kapitalismuskritiker beschwören? Werden im Szenario der Kapitalknappheit die Interessen der Beschäftigten und der Bürger tatsächlich vollkommen unter den Tisch fallen?

Vermutlich nicht. Vielleicht passiert gerade das Gegenteil: Ohne den Faktor Mensch, ohne sein Wissen, seine Fähigkeiten und seine Kreativität, ist Kapital unproduktiv. Erst durch das intelligente Zusammenspiel der beiden wichtigsten Produktionsfaktoren Mensch und Kapital lassen sich jene hohen Renditen erreichen, die künftig erwirtschaftet werden müssen.

Weil Kapital erheblich teurer wird - die Studie rechnet mit einem Anstieg der langfristigen Zinsen um die Hälfte! -, sollten Unternehmen in diesem Szenario relativ stärker auf Humankapital (ich weiß, ein Unwort) setzen. Und da in Deutschland und vielen anderen Volkswirtschaften nicht nur das Kapital, sondern auch die Menschen im produktivsten Alter knapp werden, müssen sich die Unternehmen auch darum bemühen, Leute an sich zu binden.

Bis vor kurzem konnten sich Unternehmen auf ein reichliches Angebot an Produktionsfaktoren verlassen: Kapital war relativ billig und jederzeit verfügbar; der Arbeitsmarkt war voll von qualifizierten Beschäftigungswilligen. In der neuen Phase des Human-Kapitalismus werden beide Faktoren knapp. Entsprechend müssen Unternehmen für beide Seiten attraktiv sein und ihre Geschäftsmodelle und Prozesse entsprechend organisieren.

Der Kapitalismus lebt - und das muss nicht unbedingt schlecht sein.

Kapitalknappheit: "Wir stehen vor einer radikalen Trendwende"

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