Donnerstag, 19. September 2019

Globale Konkurrenz Abkupfern, verbilligen, verdrängen

Biokerosin: 2012 will Embraer erstmals einen E-Jet ausschließlich mit Kerosin aus nachwachsenden Rohstoffen fliegen lassen

Die in Davos versammelten Mächtigen sind besorgt. Die Wettbewerbsregeln verschieben sich, alles scheint zum Schaden der Konkurrenz erlaubt. Im Interview mit dem manager magazin sagt Embraer-Chef Frederico Fleury Curado, warum Chinas Unternehmen eine andere Form der Konkurrenz sind.

mm: Herr Curado, ist die große Krise für den Flugzeugbau vorbei?

Curado: Weltweit wächst die Wirtschaft zwar wieder um durchschnittlich 3 Prozent. Aber die grundlegenden Probleme, die die Finanzkrise ausgelöst haben, sind noch nicht gelöst. Deshalb bleiben wir vorsichtig. Wir exportieren 90 Prozent unserer Produktion. Entsprechend hart hat uns die Rezession getroffen. Wir mussten Kosten senken, Personal abbauen und Investitionen verschieben. Aber das Unternehmen hat überlebt. Wir haben einen festen Auftragsbestand von 15,6 Milliarden Dollar. Es geht uns gut - auch im Vergleich zu unserer großen Konkurrenz.

mm: Sie spielen auf Airbus und Boeing Börsen-Chart zeigen an, als deren aggressivster Wettbewerber Sie bislang galten. Laufen Ihnen jetzt die Chinesen den Rang als angriffslustigster Flugzeughersteller ab?

Curado: China ist für alle Hightech-Unternehmen ein ernsthafter Konkurrent - von den Herstellern von Hochgeschwindigkeitszügen bis hin zu Solarfirmen. Aber die Luftfahrt ist besonders komplex. Deshalb rechnen wir in den nächsten fünf Jahren noch nicht mit ernsthaftem Wettbewerb. Langfristig aber könnte sich ein besorgniserregendes Szenario ergeben.

mm: Weil die chinesischen Konzerne so stark vom Staat gefördert werden?

Curado: Wir wissen nicht genau, wie unsere chinesischen Konkurrenten von ihrer Regierung unterstützt werden oder woher sie die Gelder für ihre milliardenteuren Neuentwicklungen erhalten. Aber Firmen wie etwa Siemens Börsen-Chart zeigen mit Hochgeschwindigkeitszügen müssen erleben, dass ihre ehemaligen chinesischen Partner heute eigenständig fast baugleiche Produkte anbieten. Deshalb mache ich mir Sorgen. Die Bedingungen im globalen Wettbewerb müssen für alle Spieler fair und gleich sein.

mm: Die Probleme könnten schneller kommen, als Ihnen lieb ist. Die Chinesen wollen schon 2015 ein marktreifes Flugzeug vorstellen.

Curado: In dieser Dekade werden die chinesischen Firmen noch kein Flugzeug anbieten können, das außerhalb ihres Heimatlandes konkurrenzfähig wäre. Aber in 10 bis 15 Jahren sind sie globale Spieler und können uns Marktanteile abnehmen. Auf diesen harten Wettbewerb sollten sich alle etablierten Hersteller vorbereiten.

mm: Die Fachwelt geht davon aus, dass Airbus und Boeing aber zuerst mit der Konkurrenz von Embraer fertig werden müssen. Wann bringen Sie denn nun den erwarteten 150-Sitzer auf den Markt, um gegen den A320 oder die Boeing 737 anzutreten?

Curado: Wir haben keinerlei Entscheidung getroffen, in diesen Markt einzusteigen. Wir haben Respekt vor Boeing und Airbus und deren Stärken.

mm: Kein größeres Flugzeug also - womit will Embraer denn sonst in Zukunft wachsen?

Curado: Wir sind ein sehr pragmatisches Unternehmen. Unser neuer 100- bis 120-Sitzer ist sehr populär und noch ein sehr junges Produkt auf dem neuesten Stand der Technik. Jetzt wollen wir erst einmal unsere Jets an die nächste Generation von Triebwerken anpassen, die bis zu 15 Prozent weniger Kerosin verbrauchen. Wenn wir dann wissen, wie sich die Technik und das Wettbewerbsumfeld verändern, können wir über neue Perspektiven nachdenken. Wir sind unter keinerlei Zeitdruck.

mm: Sie wollen also mit grünen Jets punkten?

Curado: Wir setzen auf Biokerosin, das zum Beispiel aus brasilianischem Zuckerrohr hergestellt werden kann. Gemeinsam mit General Electric Börsen-Chart zeigen, der brasilianischen Airline Azul und dem Biotreibstoffhersteller Amyris wollen wir 2012 erstmals einen E-Jet ausschließlich mit Kerosin aus nachwachsenden Rohstoffen fliegen lassen. Also nicht nur mit einer Beimischung, sondern wirklich zu 100 Prozent mit Biosprit. Schon heute sind wir die Einzigen, die einen kleinen Flieger haben, der ausschließlich mit Ethanol abhebt.

mm: Ganz anders als Boeing und Airbus, die mit Problemen bei Dreamliner und A380 zu kämpfen haben, scheint Embraer neue Techniken zu beherrschen. Haben sich die Konkurrenten technisch übernommen?

Curado: Ganz so neu sind die neuen Technologien wie etwa der Einsatz von Karbonfasern als Werkstoff für Flugzeuge gar nicht mehr. Wir verwenden sie schon seit den 90er Jahren. Das Problem ist weniger die Technik als die Komplexität der Systeme. Die Integration hat im Flugzeugbau extrem zugenommen. Die Herausforderung liegt daher vor allem im Management der vielen Beteiligten. Da müssen Hunderte von Firmen und Tausende Ingenieure koordiniert werden. Aber Airbus und Boeing sind hochkompetent - die schaffen das schon.

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