Familienunternehmer Adenauer "Der Rettungsschirm ist ein süßes Gift"

Die deutsche Wirtschaft profitiert vom Euro wie kaum eine andere. Dennoch sträuben sich viele Verbände gegen eine Ausweitung des Rettungsschirms für Schuldenstaaten wie Griechenland. Patrick Adenauer, Chef des Verbands der Familienunternehmer, begründet, weshalb jetzt Härte gefragt ist.
Euro-Dämmerung: Experten streiten darüber, wie die Gemeinschaftswährung zu retten ist

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mm: Herr Adenauer, die deutschen Unternehmen leben seit etwa zehn Jahren hervorragend mit dem Euro. Warum sollen die starken Länder ihn nicht schützen, indem sie den Rettungsschirm für Schuldenstaaten ausweiten?

Adenauer: Manche Staaten haben inzwischen so hohe Schulden, die sie nie zurückzahlen können. Wenn sie bereits derart hohe Zinsen zahlen wie die Griechen, müssen sie so drastisch sparen, sodass sie ein rückläufiges Bruttoinlandsprodukt haben und umso weniger die Zins- und Tilgungslast auf sich nehmen können. Wenn wir diesen Ländern helfen wollen, indem wir einen Rettungsschirm über sie spannen, müssen wir die dortigen Defizite auf Dauer finanzieren.

mm: Sie fürchten, dass das Zahlen kein Ende nehmen wird?

Adenauer: Ja, und die Beträge immer größer werden. Uns gehen dann die Druckmittel aus, mit denen wir Haushaltsdisziplin einfordern können. Die Entwicklung der CDS-Märkte deutet schon jetzt auf eine Schwächung Deutschlands hin.

mm: Deutschland profitiert mit am stärksten von der gemeinsamen Währung. Da ist es zwar bitter, aber letztlich im eigenen Interesse, den schwachen Staaten wieder auf die Beine zu helfen.

Adenauer: Die Euro-Einführung hat eine Phase hoher Belastung gebracht - in allen Bereichen der deutschen Wirtschaft. Jetzt sind wir in der Erntephase, und die wird sich verstärken, wir ziehen die Investitionen in der Euro-Zone auf uns. Das Geld fließt hierhin. Das verstärkt den Druck in den anderen Ländern auf deren Regierungen noch, von uns Garantien zu nehmen.

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mm: Der von ihnen geforderte Schuldenschnitt in den Defizitländern dürfte die Märkte aber extrem verunsichern, Investoren würden Euro-Staaten meiden.

Adenauer: Eine solche Maßnahme trifft das Bankensystem und Versicherungen, die ihr Geld in diesen Staaten anlegen - das muss man offen sagen. Wir würden alle unseren Beitrag leisten, das gibt es nicht umsonst. In einem zweiten Schritt müssten die Regierungen die Banken erneut stützen. Die dafür nötigen Instrumente gibt es ja bereits.

"Wir ziehen Investitionen an wie ein schwarzes Loch"

mm: Das könnte ebenfalls Milliarden kosten und die Wirtschaft schwächen. Ein Befreiungsschlag sieht anders aus.

Adenauer: Die Euro-Staaten stecken jetzt in einem Kreislauf, aus dem sie ohne einen solchen Schritt kaum herauskommen. Der Rettungsschirm ist ein süßes Gift. Erst einmal passiert ja gar nichts, außer dass die Politiker sich im Bundestag ein bisschen schämen. Der Anpassungsdruck wird nach hinten verlagert, aber im Alltag wird das nichts ändern.

mm: Was wäre die Folge?

Adenauer: Es läuft dann darauf hinaus, dass wir immer weiterzahlen. Der Schirm bringt Portugal oder Griechenland ja keine niedrigeren Zinsen. Ob der Schirm also 750 Milliarden oder 1,5 Billionen Euro groß ist, ist völlig egal. Die Erwartung der Märkte ist in beiden Fällen, dass die starken Länder für die schwachen eintreten.

mm: Tun sie es nicht mehr, könnte die Euro-Zone auseinanderdriften. Den deutschen Firmen entstünde ein klarer Nachteil.

Adenauer: Es wäre für einzelne Schuldnerstaaten wohl besser, wenn diese Länder eine Chance haben, ihre Währung abzuwerten, um eine Anpassung leichter hinzubekommen. Dann gingen Firmen eher dahin, um zu investieren. Diese Lösung geht aufgrund der Abwertung mit einer Gläubigerbeteiligung einher.

Wenn die Euro-Staaten aber weitermachen wie bisher, werden die Spannungen zunehmen. Es wird für die angeschlagen Länder immer schwieriger, ihre Schulden in vollem Umfang und in Euro zurückzahlen. Es ist schön und gut für die deutschen Firmen, dass sie im Moment nicht unter einer raschen Aufwertung ihrer Währung leiden, obwohl es schon starke Ungleichgewichte in der Euro-Zone gibt. Aber langfristig, wenn das System scheitert, könnte es zu einer ruckartigen Anpassung kommen, wie nach dem Zusammenbruch des Währungssystems von Bretton Woods. Dann wird es extreme Verwerfungen geben.

mm: Welches Signal würde von einer Erweiterung des Rettungsschirms ausgehen?

Adenauer: Die fatale Wirkung vom süßen Gift des ewigen Schuldenmachens ist ja gerade in Nordrhein-Westfalen zu beobachten. Da nimmt die Regierung einfach Milliarden neuer Schulden auf. Getreu dem Motto: Das machen wir mal schnell, das ist die alte Regierung schuld, und so richtig merkt das keiner. Damit löst die Politik die Probleme von heute mit höheren Schulden für die nächste Generation. Das war lange unter der Decke zu halten, aber jetzt lassen sich die Folgen nicht mehr kaschieren.

Die Deutschen haben angefangen, hier ihre Hausaufgaben zu machen, aber die anderen tun es nicht oder nur zögerlich. Jetzt könnte man sagen, Schwamm drüber, machen wir da auch nichts mehr - wird schon irgendwie gut gehen. Aber die Geschichte lehrt, das führt ins Chaos, in dem keiner dem anderen mehr Geld leiht. So war es jüngst während der Finanzkrise bei den Banken, und so kann es bei den Märkten für Staatsanleihen künftig auch sein.

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