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Überblick: Was deutschen Anlegern und Unternehmen bei einer Zinswende blüht

Foto: McKinsey & Company

McKinsey-Chef Mattern warnt "Wir stehen vor einer radikalen Trendwende"

Die Welt läuft auf eine Ära der großen Kapitalknappheit zu, sagt die Strategieberatung McKinsey voraus. Die Folgen werden dramatisch sein, gerade für die deutsche Wirtschaft. Ein Interview mit Frank Mattern, Chef von McKinsey-Deutschland, über die kommenden Herausforderungen.

mm: Herr Mattern, McKinsey sagt in einer Studie eine Ära der verschärften Kapitalknappheit voraus; im aktuellen Heft gehen wir dem Thema in einem umfassenden Report nach. Wie schlimm wird es denn für die deutschen Unternehmen?

Mattern: Das hängt davon ab, ob sie sich rechtzeitig auf die neuen Rahmenbedingungen einstellen. Deutsche Unternehmen haben im Schnitt höhere Schulden als andere. Das könnte sich rächen, wenn die Zinsen deutlich steigen - was wir erwarten. Dann wird der Schuldendienst deutlich teurer. Für Investitionen wird dann der finanzielle Spielraum enger.

mm: Das ist überraschend. In den vergangenen Jahren galten doch deutsche Unternehmen als ziemlich krisenunempfindlich, gerade weil sie sich aus den Überschüssen des laufenden Geschäfts finanzieren konnten.

Mattern: Richtig, die beste Kapitalquelle ist das laufende Geschäft, das haben gerade deutsche Unternehmen in den vergangenen Jahren gezeigt. Aber wir kommen aus einer historischen Phase, in der seit den 80er Jahren die Realzinsen auf immer niedrigeres Niveau gesunken sind. Diese günstigen Finanzierungsbedingungen haben die Unternehmen lange genutzt, um Schulden aufzunehmen. Erst in letzter Zeit haben sie die Verschuldung etwas zurückgefahren.

mm: Ihren Sonderanalysen für manager magazin entnehmen wir, dass die USA und Großbritannien besser dastehen, was die Solidität des Unternehmenssektors betrifft. Wie kommen Sie zu diesem Ergebnis?

Mattern: Wir haben uns die Kapitalstrukturen börsennotierter Firmen genauer angesehen: Deutsche Unternehmen haben danach eine Fremdkapitalquote von 77 Prozent - die Eigenkapitalquote liegt entsprechend bei nur 23 Prozent. In den USA und in Großbritannien zum Beispiel beträgt die durchschnittliche Fremdkapitalquote nur 62 Prozent. Ähnlich sieht es in großen Schwellenländern wie China und Indien aus. Auch im kontinentaleuropäischen Vergleich mit Frankreich oder Italien ist der deutsche Unternehmenssektor höher verschuldet.

mm: Aber die private Verschuldung in Relation zur Wirtschaftsleistung ist doch hierzulande in den vergangenen Jahren gesunken - anders als in fast allen anderen westlichen Ländern.

Mattern: Stimmt, aber sie ist immer noch etwas höher. Das ist das Erbe der lange Zeit sehr niedrigen Zinsen. Und in Deutschland waren Kredite besonders billig, weil öffentliche Institute, für die der Staat die Gewährleistung übernahm, besonders billig Geld zur Verfügung stellen konnten.

mm: Und das rächt sich jetzt?

Mattern: Die hohe Fremdkapitalfinanzierung kann zu einem Wettbewerbsnachteil werden, ja. Unternehmen müssen viel langfristiger ihren Kapitalbedarf planen. Sie sollten sich verstärkt um dauerhafte Beziehungen zu Kapitalgebern bemühen - Banken, Versicherungen, Private-Equity-Firmen und auch Staatsfonds aus Schwellenländern. Vor allem aber: Unternehmen müssen ihr Kapital so produktiv einsetzen, dass sie die höheren Zinsen auch tragen können. Sie müssen weiter an ihrer Effizienz und ihrer Wettbewerbsfähigkeit arbeiten.

mm: Bislang gucken die Unternehmen ja vor allem die Personalkosten. Ein falscher Fokus?

"Dem Mittelstand droht ein dreifacher Schlag"

Mattern: Das alleine reicht künftig nicht mehr. Künftig werden die Kapitalkosten als Kenngröße viel wichtiger werden als bisher.

mm: Großunternehmen sollte Ihr Szenario vor keine unüberwindlichen Hürden stellen. Aber Mittelständler, die auf hiesige Banken angewiesen sind, dürften es schwerer haben. Oder?

Mattern: Dem Mittelstand droht ein triple whammy - ein dreifachen Schlag. Zum einen gibt es den sekularen Trend zu höheren Realzinsen durch die Kapitalknappheit. Zum zweiten rechnen wir mit steigenden Inflationsraten, wodurch die Nominalzinsen stärker in die Höhe schießen werden. Zum dritten wird die schärfere Bankenregulierung die Kreditvergabe an kleinere Firmen tendenziell erschweren. Zusammen stellen diese drei Trends mittelfristig eine echte Herausforderung dar.

mm: Wie sicher sind Sie denn, dass es tatsächlich so kommt? Die Experten Ihres Thinktanks McKinsey Global Institute sagen voraus, dass das Kapital vor allem deshalb knapp wird, weil der Investitionsbedarf der Schwellenländer drastisch ansteigt. Das mag ein plausibles Szenario sein. Aber es kann doch alles auch ganz anders kommen. Wie robust sind denn Ihre Vorhersagen?

Mattern: Sehr robust. Die kommende Kapitalknappheit ist ein übergeordneter Trend, der die kommenden 10 oder 20 Jahre prägen wird. Sicher, es kann zu Rückschlägen in den Schwellenländern kommen, mit der Folge, dass die Investitionsdynamik dort abflaut. Doch auch wenn China beispielsweise nicht mehr mit zehn, sondern nur noch mit sechs Prozent wächst, bleibt das Ergebnis im Kern das gleiche.

mm: Die Weltwirtschaft läuft trotzdem auf eine Kapitallücke zu - nur ist diese Lücke dann nicht mehr ganz so groß?

Mattern: Wir haben es mit zwei fundamentalen Entwicklungen zu tun: Zum einen steigt die Kapitalnachfrage in den Schwellenländern. Zum anderen sinkt das Kapitalangebot, also das weltweite Volumen der Ersparnisse. Wegen der demografischen Entwicklung wird weniger gespart, im Westen, aber auch in Ländern wie China. Ältere Leute sparen weniger oder geben einen Teil ihres Gesparten aus. In den vergangenen Jahrzehnten war es umgekehrt: In den reifen Volkswirtschaften wurde immer weniger investiert, aber die weltweiten Ersparnisse stiegen immer weiter…

mm: … so kam es zur Sparschwemme, dem "savings glut", wie das Ben Bernanke, der heutige Chef der US-Notenbank, mal genannt hat.

Mattern: Viele haben geglaubt, die Zinsen würden sinken, weil die Weltwirtschaft insgesamt so stabil geworden sei. Von "great moderation" - einer großen Beruhigung des makroökonomischen Umfelds - war die Rede. Wie wir heute wissen, war das vorschnell. Die Wirtschaft insgesamt erlebt derzeit eine radikale Trendwende. Nach Jahren eines reichlichen Kapitalangebots und sinkender Zinsen kehrt sich die Entwicklung nun um.

mm: Trotz einiger Verspannungen, insbesondere auf den Märkten für Staatsschulden, sind die Zinsen ja bisher immer noch sehr niedrig. Wann beginnt denn die neue Zeitrechnung der Kapitallücke?

Mattern: Ich gehe davon aus, dass die Zinsen unter Schwankungen in der Tendenz steigen werden. Derzeit macht sich die weltweite Konjunkturerholung bemerkbar, es kommt zu einer Normalisierung der Zinsen. Sofern keine großen Rückschläge auftreten, wird sich das so fortsetzen - und dann in eine Ära der globalen Kapitalknappheit übergehen.

mm: Der Prozess schreitet langsam voran, deshalb hat man Zeit, sich darauf einzustellen?

Mattern: Ja, wenn Sie so wollen, ist das die gute Nachricht.

Kapitalknappheit: Die Folgen für Firmen und Sparer im Überblick

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