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Rückschlagserie: In welchen Wirtschaftsbereichen die USA zurückfallen

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US-Investments Deutschland setzt auf die Angezählten

An mehr und mehr Fronten wankt der Industriekoloss USA, die Ära der globalen Wirtschaftsdominanz der Vereinigten Staaten geht zu Ende. Doch ausgerechnet im Moment des beginnenden Niedergangs starten deutsche Konzerne den drastischen Ausbau ihres US-Engagements.
Von Markus Gärtner

Vancouver - Dem Provinzparlament von Virginia wurde am 12. Januar eine Vorlage präsentiert, die man getrost als Wette auf den Niedergang der Supermacht USA interpretieren darf. Die "Joint Resolution No. 557" fordert die Einrichtung eines Ausschusses mit einem höchst brisanten Mandat: eine Ersatzwährung für den Dollar zu finden. "Virginia kann viele der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Schocks, die aus Hyperinflation und Depression als Folge eines Zusammenbruchs der Notenbank entstehen können, nur mit der fristgerechten Einführung einer alternativen und soliden Währung abfangen". So heißt es in der Begründung des Antrags. Ganz klar: Im Hinterland der Weltmacht wird schon eifrig auf das Abdanken des Greenback spekuliert.

Wachsende Resignation über die Zukunft des Landes scheint seit Monaten mehr und mehr Amerikaner zu befallen. Trotz der Beteuerung vieler Ökonomen, dass sich die Konjunktur langsam stabilisiert. "Der Fluss von Kapital und Gütern, an dem sich die Superreichen nähren, macht immer öfter einen Bogen um Amerika", beklagt Chrystia Freeland - internationale Korrespondentin von Reuters - im Januarheft der Zeitschrift Atlantic. "Die US-Wirtschaft scheint aus den Fugen zu geraten", fürchtet der Columbia-Professor Robert Lieberman.

"Amerika wandelt sich von einem Industriekoloss zu einer müden, abgebrannten post-industriellen Gesellschaft", fasst der Kolumnist Steve Slavin die vermeintliche Misere der größten Volkswirtschaft auf dem Planeten zusammen. Dabei hat er sicher auch die hartnäckig hohe Arbeitslosigkeit und die Misere im Schulsystem vor Augen. Die fiskalische Auszehrung der Bundesstaaten und der Zentralregierung in Washington lähmt die Wirtschaft, befindet der Harvard-Professor Martin Feldstein. Der MIT-Ökonom Simon Johnson urteilt drastischer: "Die Ära der US-Dominanz ist vorbei".

Im Welthandel mit Gütern sind die ersten Schleifspuren für die Supermacht USA am deutlichsten zu erkennen. Die "Science and Engineering Indicators 2010" - herausgegeben von der National Science Foundation - dokumentieren einen Rückgang Amerikas an den globalen Hightech-Exporten: von knapp 25 Prozent Ende der 90er Jahre auf zuletzt 14 Prozent. Den Zahlen der Wissenschaftsstiftung zufolge exportierten die USA 2008 für 276 Milliarden Dollar Produkte mit "fortgeschrittener Technologie". Das war ein Fünftel der gesamten Ausfuhren. Doch in diesem Produktsegment erwirtschaften die USA seit 2002 ein Defizit im Außenhandel. Es schwoll zuletzt auf 56 Milliarden Dollar an.

US-Industriestandort entleert sich

Alan Tonelson, Analyst bei der U.S. Business and Industry Council Educational Foundation, rechnet die Erosion in der Exportstatistik auf andere Weise vor. Demnach erfasst die Handelskommission der USA 454 verschiedene Produktgruppen für den Außenhandel. Davon verzeichneten 2009 nur 74 einen Zuwachs im Export. Und von denen werden wiederum nur 43 in US-Fabriken hergestellt. Im Klartext: Der Industriestandort entleert sich zusehends.

Jene, die solchen Abgesang auf die USA anstimmen, finden dafür immer mehr Belege. Darunter die sinkende Kurve der Vereinigten Staaten auf den Grafiken des Internationalen Währungsfonds über die Weltmarktanteile der größten Exportwirtschaften. Darunter auch der alarmierende Befund, dass die USA im Hochtechnologiewettlauf mit dem aufsteigenden China immer mehr Boden preisgeben. So geschildert im Jahresbericht 2010 der U.S.-China Economic and Security Review Commission im November an den Kongress in Washington.

Mögen solch Abgesänge verfrüht sein. Sie mehren sich aber ausgerechnet in diesem Jahr, das man getrost als deutsches Jahr in Amerika bezeichnen könnte. Denn Volkswagen wirft im ersten Quartal die Produktion in seinem neuen Werk in Chattanooga an. Dort wird der eigens für den US-Markt entwickelte neue Passat gefertigt. Nur eine halbe Autostunde entfernt von Chattanooga, in Cleveland, bereitet Wacker Chemie in diesen Wochen die Baustelle für das neue Werk vor - wie das Volkswagen-Investment eine Milliardeninvestition; Wacker hat im Dezember gar die Ausdehnung des Projekts um ein Drittel bekannt gegeben. Weitere Beispiele gefällig?

ThyssenKrupp warf im Dezember in Calvert, Alabama, sein neues Stahlwerk an und fährt die Produktion derzeit hoch. BMW schließt kurz nach der massiven Ausweitung seiner Produktion in Spartanburg die Fertigung auch des 3er- oder 5er-Modells dort nicht mehr aus, wie Vertriebschef Ian Robertson am Rande der Autoshow in Detroit verriet. Und der Bau eines eigenen Werks oder die Nutzung von VW-Kapazitäten für eine Produktion in den USA hat auch Audi-Chef Rupert Stadler in Detroit als eine Möglichkeit bezeichnet.

Ins Wanken geraten, nicht ins Fallen

Wettet die deutsche Industrie also ganz groß auf Amerika just in dem Moment, in dem das Land die industrielle Schwindsucht ereilt? Hierfür gibt es zahlreiche Maßstäbe und internationale Vergleiche. Alle aber zeigen: Die Entscheidung der deutschen Manager, kräftig auf die USA zu setzen, fällt erstaunlich rigoros aus. Vielleicht sogar ist sie gewagt. Aber sie ist nicht verantwortungslos. Denn die USA zeigen im Zurückfallen, welche Anziehungskraft sie selbst unter schwerem Druck aufzubringen in der Lage sind.

Im jüngsten Global Competitiveness Report des Weltwirtschaftsforums beispielsweise fallen die USA vom zweiten nur gering auf den vierten Rang zurück; die globale Spitzenposition hatten sie 2008 abgegeben. Und die Position scheint bei wachsender globaler Konkurrenz weiter aufzuweichen: Seit der Erstauflage des Doing Business im Jahr 2003 wurde in drei Viertel aller vom Bericht erfassten Länder die Gründung eines Unternehmens vereinfacht. In den Vereinigten Staaten ist sie deshalb aber nicht unmöglich geworden.

Die anderen holen auf, die USA aber gehen nicht unter.

Und im Finanzsektor? Der Dollar scheint - trotz aller Bedenken chinesischer Toppolitiker - bislang kaum etwas von seiner Vormacht einzubüßen. Der Greenback kann bei 61,3-Prozent-Anteil an den globalen Devisenreserven seinen Status als Leitwährung ohne Probleme verteidigen. Das geht aus den jüngsten Zahlen des IWF in der "Currency Composition of Official Foreign Exchange Reserves hervor.

Rückfall in der Hitliste der weltweiten Topfusionen

Darin ist auch nachzulesen, dass der Dollar-Bestand an den weltweiten Reserven seit dem ersten Quartal 2009 von 2,64 Billionen auf 3,06 Billionen zugenommen hat, ein Plus von 15,8 Prozent. Die Währungsreserven insgesamt nahmen in dieser Zeit um 25,4 Prozent zu. Der Euro konnte um 28,8 Prozent zulegen. Hier ist eine leichte relative Erosion zu beobachten, mehr nicht. Von den zehn Ländern mit den größten Reserven - sie halten zusammen 77 Prozent der globalen Devisenvorräte - haben seit Oktober 2009 acht ihre Dollar-Bestände ausgebaut, teilweise deutlich, wie Japan, das um 18 Prozent aufstockte. Nach einem Kollaps des Vertrauens in den Greenback sieht das nicht aus.

Weitere Beispiele von den Kapitalmärkten: Der Anteil der US-Börsen an der weltweiten Kapitalisierung ging von 50 Prozent zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts auf 30 Prozent zurück, wie im jüngsten Bericht der World Federation of Exchanges (WFE) nachzulesen ist. Wettbewerber aus den Schwellenländern greifen "zunehmend die historische Stellung der traditionellen Finanzzentren an", urteilt die DB Research, die die Zahlen der WFE ausgewertet hat.

Und während der Global Financial Centers Index den Finanzzentren Seoul, Peking, Moskau und Mumbai seit 2007 jeweils über 20 Positionen Aufstieg in der Weltrangliste bescheinigt, tritt New York in dieser Tabelle auf der Stelle. Die WFE weist für das erste Halbjahr 2010 die Börse im südchinesischen Shenzhen als neuen Weltmeister für Börsengänge aus, mit 164 Börsengänge. New York kommt im selben Zeitraum auf 38, nicht einmal ein Viertel davon. Bei den weltweiten Fusionen und Übernahmen schließlich ging der US-Anteil 2010 auf 34,2 Prozent zurück - 40,8 Prozent waren es im Jahr davor.

Die Science Foundation weist für die USA anhaltende Exportüberschüsse für Luft- und Raumfahrtprodukte sowie für elektronische Erzeugnisse aus, aber bei Informations- und Kommunikationsgütern sowie in den Bereichen Life Sciences und Opto-Elektronik wachsen die Defizite.

Beides hier ein klarer Hinweis, dass die unangefochtene Führungsposition der USA durch das Aufholen neuer Konkurrenten ins Wanken gerät. Von einem Absturz kann aber vorerst keine Rede sein - und auch nicht davon, dass Deutschlands Unternehmen amerikanisches Roulette spielen.

Rückschlagserie: In welchen Wirtschaftsbereichen die USA zurückfallen

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