Armutsbekämpfung Die Krise der Mikrokredite

Trotz Miniprodukten, Mikrokrediten und Mikro-Franchise ist am Boden der Einkommenspyramide bisher weder Reichtum entstanden noch die Armut besiegt worden. Allerdings ist das langfristige Scheitern schon in der Logik der Mikrokonzepte angelegt.
Von Martin Kupp
Mikrokreditgeber Mohammed Yunus: Gründer der Grameen Bank in Bangladesch

Mikrokreditgeber Mohammed Yunus: Gründer der Grameen Bank in Bangladesch

Foto: PAVEL RAHMAN/ AP

2004 erschien Der Reichtum der dritten Welt, ein Buch des jüngst verstorbenen Wirtschaftswissenschaftlers C.K. Prahalad. Seinerzeit wurde in den USA daraus das Business-Buch des Jahres. Auch bei uns löste es einen Paradigmenwechsel aus, der den bisherigen rein humanitären Ansatz zur Bekämpfung weltweiter Armut in Frage stellte. Denn Prahalad setzte sich über gängige Befindlichkeiten hinweg und forderte, Slumbewohner und Landarbeiter der dritten Welt nicht als Hilfsempfänger der industrialisierten Länder sondern als Konsumenten zu betrachten.

Für sie sollten multinationale Unternehmen, vornehmlich aus den Industriestaaten, spezielle Produkte und Diensteistungen entwickeln und an sie vertreiben. Erst wenn die unterste Schicht der Einkommenspyramide als Kunde ernst genommen werde, sprich, die geschätzten drei bis vier Milliarden Menschen, die mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen müssen, schaffe man für sie passende Dienstleistungen und Produkte. Und obwohl die individuelle Zahlungsfähigkeit dieser Kundengruppe minimal sei, könne die Größe des Segments durchaus attraktiv sein und bei richtiger Ansprache nicht nur Armut bekämpft sondern auch Profit erwirtschaftet werden.

Trotz dieser naiven Glücksformel wurde Der Reichtum der Dritten Welt euphorisch aufgenommen, und es folgte eine Reihe von Veröffentlichungen, Studien und Beispielen erfolgreicher Unternehmen, die mit neuen spezifischen Produkten für die Ärmsten nicht nur Gewinne machten, sondern dieser Zielgruppe auch Zugang zu neuen, bezahlbaren Produkten ermöglichte.

Inzwischen, gut sechs Jahre nach Erscheinen des Buchs, ist Ernüchterung eingetreten, es mehren sich kritische Stimmen, und etliche der von Prahalad angeführten Beispiele haben sich anders entwickelt als damals von ihm prognostiziert. So hat Hindustan Unilever Limited (HUL), die indische Niederlassung von Unilever, bis heute keine Zahlen darüber veröffentlicht, ob ihr Engagement im Bottom-of-the-Pyramid- oder BOP-Segment tatsächlich profitabel ist.

Staatliche Unterstützung zurückgefahren

Auch die staatliche Unterstützung für das HUL-Projekt, qualitativ hochwertige Seife in kleinen Mengen zu günstigen Preisen anzubieten, wurde zurückgefahren. Darüber hinaus fällt auf, dass obwohl Prahalad die Verbindung von Kommerz und Armutsbekämpfung explizit postulierte, viele seiner Beispielunternehmen gemeinnützige Gesellschaften sind, wie das Jaipur-Foot-Projekt, das einfache, funktionale Prothesen für die Ärmsten herstellt und vertreibt, oder das Aravind Eye Care System, das für dieselbe Zielgruppe bezahlbare Augenoperationen anbietet.

Die Erweiterung des Prahaladschen Ansatzes bedeutet - von Autoren wie Aneel Karnani der Universität von Michigan oder Arvind Virmani des Internationalen Währungsfonds gern als Gegenposition dargestellt -, Geringstverdiener in Entwicklungsländern nicht nur als passive Konsumenten sondern vielmehr aktive Produzenten zu definieren. Die Logik dahinter ist, dass Armut nur dann dauerhaft bekämpft werden kann, wenn das Realeinkommen der Armen steigt. Das kann entweder dadurch geschehen, dass ihnen, wie von Prahalad angeregt, zu niedrigen Preisen bessere Produkte angeboten werden, oder aber dadurch, dass sie mehr verdienen. Um letzteres zu erreichen, werden gegenwärtig vor allem zwei Möglichkeiten diskutiert: Mikro-Kredite und Mikro-Franchising.

Das Geschäft mit Mikro-Krediten ist spätestens seit der Verleihung des Friedensnobelpreises 2006 an Muhammad Yunus, den Gründer der Grameen Bank in Bangladesh, bekannt. Es beruht auf der Idee, an Unternehmensgründer in Entwicklungsländern Kleinstkredite zu vergeben. Inzwischen existieren weltweit nahezu zehntausend Mikro-Kredit-Institute, auch sie großteils gemeinnützig. Und während Studien durchaus die Rolle von Mikro-Krediten bei der Armutsbekämpfung betonen, gibt es noch wenige Daten über die finanzielle Tragfähigkeit dieses Konzepts.

Zu kurz gegriffen war jedenfalls das Projekt der GrameenPhone und GrameenTelecom, einzelne Frauen in bangladesischen Dörfern mit einem Mobiltelefon auszustatten und gewissermaßen lebende Telefonzellen zu schaffen, denn der Verdienst dieser sogenannten Village Phone Ladies resultierte aus der Vermietung ihres Handys an Dorfbewohner. In der Anfangsphase des Projekts verdienten die Frauen zwischen USD 750-1.200 im Jahr. Mit der allgemeinen Verbreitung der Mobilfunktelefone haben die Verdienstmöglichkeiten allerdings drastisch abgenommen.

Die Ärmsten zu Produzenten machen

Eine weitere Möglichkeit, das Einkommen von Geringstverdienern zu steigern, stellen sogenanne Mikro-Franchise-Konzepte dar. Hier ist die Grundidee, zum Nutzen des eigenen Franchise-Geschäfts auf lokale Ressourcen zu bauen. Der Mobilfunkbetreiber Celtel Nigeria beispielsweise verpflichtete für seine Rural Acquisition Initiative (RAI) im Jahr 2007 gezielt Subunternehmensgründer, sogenannte Associated Distributors. Sie verkauften die pre-paid SIM- und Aufladekarten, betrieben die Mobilfunktürme und waren mit 2,5 Prozent am Umsatz der Celtel Nigeria beteiligt. Mit der früheren Praxis, die Infrastruktur des Mobilfunks, einschließlich Nutzung und Wartung, exklusiv bei den Betreibergesellschaften zu belassen, hatte das nichts mehr zu tun.

Wie sich herausstellte, wurde in der sechswöchigen Testphase im Juni/Juli 2007 über 60 Prozent mehr als zuvor telefoniert. Darüber hinaus hatte jeder dieser Subunternehmer zum Verkauf der SIM-Karten vor Ort durchschnittlich fünf weitere Personen eingestellt. Der Associated Distributor selbst konnte bei einer Steigerung der Gesprächsminuten um zehn Prozent eines bis dahin durchschnittlich genutzten Mobilfunkturms bis zu 13.000 US-Dollar pro Jahr verdienen. Insofern ist das Projekt durchaus als erfolgreiches wirtschaftliches Entwicklungsmodell zu betrachten.

Gemeinsam ist Mikro-Krediten und Mikro-Franchises die Idee, die Ärmsten der Entwicklungsländer als Produzenten zu begreifen. Das Problem beider Ansätze ist, dass die Wettbewerbsfähigkeit solcher Klein-Unternehmen in vielen Fällen schon aufgrund der fehlenden Skaleneffekte gering ist. Schaut man sich Statistiken über die Mikro-Kredite an, werden sie vorangig zum Anbau von Nahrungsmitteln, zur Tierhaltung, Herstellung von Kleidung oder Möbeln verwendet. Ökonomisch sinnvoller wäre jedoch, statt fünfzig Kleinst-Möbelfabrikanten zu unterstützen, in einer konzertierten Aktion sämtlicher Beteiligter eine Möbelfabrik aufzubauen, die Kostenersparnisse der Arbeitsteilung zu nutzen, Maschinen anzuschaffen und die Fixkosten zu verteilen.

Unterm Strich bleibt, dass sowohl Abkürzungen auf dem Weg zur Armutsbekämpfung - wie Prahalad sie sich per Konsum vorgestellt hat - als auch die gutgemeinten aber sonst konzeptschwachen Mikro-Kredite auf Dauer nirgendwohin führen und bestenfalls moralisierende Aktionsgesten werden. Letztlich gibt es nur einen sinnvollen Weg, die Notstarre am Boden der Einkommenspyramide zu lösen; und der heißt, dass ausgewiesene Unternehmen in die dortige Infrastruktur und Ausbildung der Arbeitskräfte investieren, idealerweise in Kooperation mit ortskundigen NGOs. Eingebunden in die derzeit aktuellen Nachhaltigkeitsprojekte und als CSR-Bestandteil steuerlich absetzbar wäre das mindestens so überzeugend wie der Schutz seltener Arten und Artefakte und ein größerer Beweis zeitgemäßer Intelligenz als eine Spendenaktion im Geist gesellschaftlicher Frömmigkeit.

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