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Irische Immobilien: Bad Bank in Dublin

Foto: Matthias Kaufmann

Bauwirtschaft Irlands Denkmäler für eine Blase

Dem irischen Baugewerbe steht eine Rosskur bevor. Die Schlüsselfiguren des vergangenen Baubooms haben sich zwar schon aus dem Staub gemacht, doch die Folgen und Zeugnisse ihres Treibens werden noch lange zu besichtigen sein. Sehr zum Ärger der Nachbarn, die im Schatten von Bauruinen leben.

Dublin - Kerstin Schreyer kennt den irischen Boom. Und sie kennt die Krise, die Irland derzeit durchlebt. Vor zwölf Jahren kam die Lüneburgerin auf die Insel und trat ihre erste Stelle als Architektin an, mitten im Boom, als man von Irland noch als keltischem Tiger sprach. "Ich konnte mich vor Arbeit kaum retten", erinnert sie sich. Sie plante Wohnblocks, Bürogebäude, Banken. Und schrieb sogar an ihre Universität, ob nicht noch mehr Absolventen Lust hätten zu kommen. "Unglaublich gut" verdiente sie und kaufte sich ein schickes Apartment, mit Blick auf den Hafen.

Heute sind von 20 Mitarbeitern in ihrem Architektenbüro noch drei übrig. Eine davon ist sie, einer ihr Chef. Aufträge gibt es derzeit keine. Vergangene Woche war sie einen Tag im Büro, die restliche Zeit meldete sie sich arbeitslos. Die Regelung, nach der das möglich ist, ist das irische Pendant zum Kurzarbeitergeld.

Über die Wertentwicklung ihres Apartments denkt sie lieber nicht nach. Seit 2008 die Wirtschaftskrise den irischen Boom beendete, sind die Immobilienpreise implodiert. Vielerorts haben sie sich halbiert, Tendenz weiter fallend. Kunststück, es war ja weit mehr gebaut worden als gebraucht wurde: Durchschnittliche Mittelstandsfamilien hatten sich Zweit- und Drittimmobilien geleistet. Weil das Geld dafür geliehen war, sind viele nun bankrott. Hinzu kommt bald das Sparpaket, das die irische Regierung ihren Bürgern abverlangt.

Wer durch die Docklands geht, kann den Stillstand in der Immobilienbranche sehen. Das Viertel am Hafen galt in den Boomjahren als In-Stadtteil. Hier, mit Blick zum Meer und über die Stadt, wurden riesige Büro- und Apartmentkomplexe aus dem Boden gestampft, die nun zu einem Großteil leerstehen. Auf den Straßen geht es ruhig zu.

Die wenigen Anwohner sind die Reporterfragen offenbar leid. Wer will schon Wildfremden sagen, ob er sich noch seine Wohnung leisten kann? Manchmal bekommt man eine Flapsigkeit zur Antwort: "Die Parkplatzsituation hat sich stark verbessert", lacht eine junge Frau und wendet sich wieder ihrem iPhone zu.

Die prominenteste Bauruine der Docklands ist sieben Stockwerke hoch, ein Betongerippe, das eine riesige Fläche abdeckt, direkt am Ufer des Liffey. Um die Ecken pfeift der Wind und bläst frische Schneeflocken in die offenen Stockwerke. Fraglich, ob das Gebäude je seine geplante Glasfassade bekommen wird.

Denn der Neubau sollte die Zentrale der Anglo Irish Bank werden. Das Geldhaus schacherte im großen Stil mit Immobilienkrediten und ist heute faktisch pleite. Der Staat sprang 2008 zur Rettung der Bank ein. Inzwischen werden zahlreiche Liegenschaften, die nach dem Platzen der Kredite der Bank zufielen, von der staatlichen Bad Bank, der NAMA, verwaltet. Verkäuflich sind diese Immobilien praktisch nicht mehr - so auch die Bauruine der Anglo Irish Bank.

Der Hund als einziges Vermögen

Die früheren Chefs der Bank, David Drumm und Sean Fitzpatrick, haben sich in die USA geflüchtet und ihre private Insolvenz erklärt. Drumm gab als Vermögensgegenstand vor Gericht unter anderem seinen Hund an, Wert ein Dollar. Dennoch hat die Regierung angekündigt, strafrechtlich gegen die beiden vorzugehen. Die Anglo Irish Bank vermisst unter anderem die Summe von 8,5 Milliarden Euro, die sich Drumm geliehen haben soll. Ernsthafte Untersuchungen dürften aber auch für Regierungsmitglieder unangenehm sein. Die beiden Bankchefs pflegten nicht nur enge Seilschaften mit großen Immobilienkonzernen, sondern ebenso mit der regierenden Fianna-Fáil-Partei.

Leute wie Drumm und Fitzpatrick sind Hassfiguren für die Öffentlichkeit. Sie stehen für das System aus Korruption, Baustellen und Fantasiegeld, das zur Immobilienblase wurde. Die Zentrale der Anglo Irish Bank ist ihr trauriges Denkmal.

Mancher Ire mag davon schon nichts mehr hören. Direkt neben dem unvollendeten Bau am Liffey-Uffer hat der Autohändler Richford seinen Sitz: Bentley, Lamborghini, Porsche zählen zu seinem Angebot, doch es ist niemand da, der sich für die Preziosen interessiert. Fragt man, was da neben seinem Laden für ein großes Gebäude gebaut wird, lügt er: "Ich habe nicht den leisesten Schimmer" - und dreht sich um.

Die Krise setzt nicht nur dem Finanzsektor zu, vor allem auch die Baubranche ist betroffen. "Da regelt sich vieles sehr langsam wieder auf ein vertretbares Niveau runter", sagt Paul Sweeney, Chefökonom des Gewerkschaftsbundes ICTU. "Kurz vor der Krise gab es auf den Baustellen so viel zu tun, das sich viele polnische Arbeiter hier niedergelassen haben. Die haben so viel verdient, dass sie neue Wohnungen kauften. Und die wurden wiederum von neuen polnischen Bauarbeitern hochgezogen - und so weiter."

Die Einwanderer verlassen wieder das Land. Die eingesessenen Betriebe leiden stark unter dem Einbruch. Helmut Clissmann, der die irische Tochter des Bauchemieherstellers Sika leitet, berichtet: "Seit 2007 hat sich mein Umsatz halbiert, ich musste meine Belegschaft um ein Viertel reduzieren." Immerhin, durch schlankere Prozesse habe er seine Marge halten können. Das sei schon viel in diesen Zeiten. Er hofft, dass sich die Verhältnisse bald normalisieren: "Meine Vertriebsleute werde ich nicht entlassen", sagt er. "Die brauche ich bald wieder."

Auch die Deutsche Kerstin Schreyer wird von ihrem Chef nicht vor die Tür gesetzt. Die unfreiwilligen freien Tage nutzt sie zur Fortbildung in einem Programm, das von Ryanair gesponsert wird. Nach Deutschland mag Schreyer nicht zurückkehren. "Das wird schon wieder, hier in Irland", macht sie sich Mut.

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