Deutsche Firmen in Katar Und ewig lockt der Golf

Erst angelt sich Katar die Fußballweltmeisterschaft, dann steigt das Emirat beim Baukonzern Hochtief ein. In beiden Fällen eröffnen sich für deutsche Firmen verlockende Perspektiven - mal wieder. Deutschland und Katar verbindet eine Geschichte goldener Geschäfte. Allerdings werden diese schwieriger.
Beeindruckendes Wachstum: Katar und seine Hauptstadt Doha locken deutsche Firmen

Beeindruckendes Wachstum: Katar und seine Hauptstadt Doha locken deutsche Firmen

Foto: ? Fadi Al-Assaad / Reuters/ REUTERS

Hamburg - Die Legende des Sankt Martin ist nun auch manchem Kind der königlichen Familie in Katar nicht mehr ganz unbekannt. Zwei der herrschaftlichen Sprösslinge besuchen seit kurzem den Kindergarten der deutschen Schule, der mit einem munteren Laternenumzug durch die Hauptstadt Doha jüngst an den gutherzigen römischen Soldaten erinnerte.

Deutschland steht bei Katar hoch im Kurs - das belegen auch die vielen persönlichen Verbindungen zwischen der Familie des Emirs mit deutschen Einrichtungen und Firmen. In diesen Tagen, da Katar die Fußballweltmeisterschaft 2022 zugesprochen wurde und die Investmentgesellschaft des Landes beim deutschen Baukonzern Hochtief  eingestiegen ist, zeigt sich aber so deutlich wie wohl noch nie, wie wichtig die beiden Staaten füreinander geworden sind.

Katar - deutlich kleiner als Schleswig-Holstein, etwa 1,5 Millionen Einwohner - ist nur auf den ersten Blick ein ungleicher Partner. Das Land hat sich in den vergangenen 15 Jahren zu einem der wichtigsten Staaten im nahen Osten für Deutschland entwickelt. Vom Mittelständler bis zum Großkonzern profitieren deutsche Firmen immer stärker von gigantischen Wachstumsraten und schier unerschöpflicher Finanzkraft des an Öl und vor allem Gas reichen Landes, dessen Bewohner das weltweit höchste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Kaufkraft erwirtschaften.

Deutsche Unternehmen profitieren von der Fußball-WM 2022

Die Bundesrepublik exportiert so viele Maschinen, Autos und Dienstleistungen nach Katar wie fast kein anderes Land. In dem reichen Golfstaat haben vor allem deutsche Baufirmen auch nach der großen Finanzkrise die Möglichkeit Projekte zu verwirklichen, für die anderswo Wagemut und Geld fehlen würde: Darunter ein komplettes Eisenbahnsystem, eine gut 40 Kilometer lange Straßen- und Schienenverbindung in den benachbarten Inselstaat Bahrain oder eine komplett neue Stadt für 200.000 Einwohner.

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Qatar Holding: Die graue Eminenz der Finanzwelt

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Die Investmentgesellschaft Katars wiederum leitet in kritischen Phasen viele Milliarden Dollar in deutsche Firmen wie Porsche , Volkswagen  oder eben Hochtief. Die Qatar Holding gilt als umgänglicher Teilhaber.

Die Fußballweltmeisterschaft eröffnen deutschen Firmen noch verlockendere Perspektiven. "Die Chancen deutscher Firmen in Katar sind sehr groß. Alle, die sich dort engagieren, werden von der WM-Vergabe profitieren", sagt Katar-Expertin Helene Rang, Geschäftsführender Vorstand beim Nah- und Mittel-Ost Verein (Numov). Das Engagement des Emirats bei Hochtief verstärke den Effekt. Der Einstieg komme "zur perfekten Zeit."

Beide Ereignisse zusammen könnten dafür sorgen, dass bestehende Projekte zügiger umgesetzt und möglicherweise erweitert werden, zeigen sich Beobachter optimistisch. Der Brückenbau nach Bahrain drohte sich zuletzt zu verzögern - mit Aussicht auf die Weltmeisterschaft wird das Tempo wieder anziehen, sind Experten überzeugt.

Auch der Eisenbahnbau dürfte neuen Rückenwind bekommen, gilt es doch, im Jahr 2022 geschätzte 2,8 Millionen Fußballfans zu transportieren.

"I love my Germans" - doch auch China kommt immer besser ins Geschäft

Der ohnehin hohe deutsche Anteil an der Wertschöpfungskette dürfte weiter wachsen. So sind in Sachen Fußballweltmeisterschaft schon jetzt deutsche Firmen gut im Geschäft. Das Frankfurter Architektenbüro Albert Speer & Partner (AS&P) hat das Konzept für das Großereignis ausgearbeitet.

"I love my Germans", soll seine Exzellenz Scheich Mohammed bin Hamad bin Khalifa Al-Thani persönlich ins Telefon gerufen haben, als er sich bei den Hessen bedankte. Die Bewerbung selbst hatte die Münchener Agentur Serviceplan gestaltet.

Bei der Umsetzung wird Katar kaum auf die Dienste der Deutschen verzichten wollen. Er habe das Versprechen des Emirs, alle Stadien bauen zu dürfen, sagte AS&P-Partner Gerhard Brand. Der Auftrag, der den Bau von acht Stadien mit Solar-Klimaanlage beinhaltet, hat ein Volumen von drei Milliarden US-Dollar.

Über das Geheimnis hinter der einträglichen Verbindung zwischen Deutschland und Katar gibt unter Fachleuten kaum Dissens. "In Katar steht deutsches Knowhow und deutsche Wertarbeit weiterhin hoch im Kurs, Made in Germany ist ein Qualitätsmerkmal", sagt Numov-Vorstand Rang. "Deutschland hat einen Ruf wie Donnerhall", sagt der Geschäftsführer der deutschen Außenhandelskammer in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Peter Göpfrich.

Liberaler politischer Kurs Katars erleichtert Geschäfte

Daraus allein würde jedoch noch keine derart tief gehende Beziehung erwachsen, wie sie die beiden Staaten verbindet. "Es erleichtert die Zusammenarbeit erheblich, dass Katar sich in der Region mit einem politisch liberalen Kurs profiliert", sagt Rang.

Das Land stellt beispielsweise Frauen gegenüber Männern deutlich besser als Nachbarn wie Saudi-Arabien und gestattet ihnen etwa das Autofahren. Scheicha Mozah bint Nasser Al Missned, ein der drei Ehefrauen des Emirs, prägt das öffentliche Leben und die Beziehungen zu Deutschland im Besonderen - für andere Frauen von Staatschefs undenkbar. So fällt es westlichen Politikern und Wirtschaftsführern leichter, die Beziehungen voranzutreiben.

Fraglich ist dennoch, ob die Ära goldener Geschäfte ungebrochen weitergeht. Zwar reicht die Finanzkraft Katars aufgrund der drittgrößten Gasreserven weltweit noch lange. Politische Spannungen zwischen Einheimischen und Gastarbeitern lassen sich ebenfalls noch gut im Zaum halten.

Konkurrenz aus Asien rückt vor - der Preisdruck wächst

Zunehmend macht jedoch die Konkurrenz aus Asien den deutschen Firmen das Leben am Golf schwer - auch in Katar. "Deutsche Firmen bekommen Aufträge in Katar nicht mehr so selbstverständlich wie vor einigen Jahren", sagt Rang. "Anbieter aus Asien unterbieten sie teilweise um 50 Prozent, die Chinesen holen auf. Die junge Elite in Katar weiß, wie sie Angebote evaluieren muss." In den Bereichen Projektarbeit, Ingenieurwissen und Architektur hätten deutsche Firmen aber weiterhin eine sehr starke Stellung.

Manche Unternehmen merken inzwischen, dass die deutsche Herkunft längst nicht mehr reicht, um zum Zug zu kommen. "Viele Mittelständler sind allein zu klein. Ihre Chancen erhöhen sich in Konsortien", sagt Göpfrich.

Zunehmend fordern die Araber von ihren deutschen Partnern zudem, dass sie Abteilungen in den Bereichen Forschung und Entwicklung vor Ort ansiedeln. Derartige Wünsche formulierte das Emirat beispielsweise beim Einstieg bei Volkswagen  und Hochtief  .

Das Land versucht auf diese Weise auch, die einheimische Bevölkerung in neue Jobs in der freien Wirtschaft zu bringen. Bisher sind Arbeitsplätze in der Verwaltung attraktiver, doch für einen Wechsel zu einem deutschen Autobauer würden viele Katarer vielleicht umdenken. Auch der Kindergarten der deutschen Schule bekäme dann womöglich noch mehr Zulauf. Der weitere Ausbau wird jedenfalls schon geplant. Zufall ist es nicht, dass Hochtief diesen wohl übernehmen wird.

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