Boom im Norden Wie Deutschland und Schweden Europa abhängen

Während Europa vor dem Dominoeffekt der Pleitestaaten bangt, schnurrt die Ökonomie im Norden. Die Schweden zum Beispiel schaffen ein aufsehenerregendes Wirtschaftswachstum - und profitieren von ähnlichen Effekten wie die Deutschen.
Von Susanne Schulz
Holzhaus in Schweden: Von einer Blase auf dem Häusermarkt blieb Schweden wie Deutschland verschont - und profitiert nun von der weltweiten Nachfrage nach Investitionsgütern, von günstigen Wechselkursen und einer anziehenden Binnennachfrage

Holzhaus in Schweden: Von einer Blase auf dem Häusermarkt blieb Schweden wie Deutschland verschont - und profitiert nun von der weltweiten Nachfrage nach Investitionsgütern, von günstigen Wechselkursen und einer anziehenden Binnennachfrage

Foto: Heiko Lossie/ picture-alliance/ dpa

Stockholm - Selbst die Schweden sind überrascht von ihrer Stärke. Das im Europa-Vergleich überdurchschnittliche Wirtschaftswachstum im dritten Quartal gibt Schwedens Statistisches Zentralbüro (SCB) am Montag mit 6,9 Prozent gegenüber dem dritten Quartal im Krisenjahr 2009 an. Das liegt deutlich über den Erwartungen der Analysten, die von 6 Prozent ausgegangen sind - und das wäre ja auch schon überaus positiv gewesen.

Aber warum geht es ausgerechnet den Schweden jetzt so gut, wo doch gleichzeitig alle anderen an den Nachwirkungen der Krise darben, oder - wie etwa Irland, Portugal, Griechenland oder Spanien - noch mittendrin stecken?

Schwedens Wirtschaftsentwicklung weist erstaunliche Parallelen zu der in der Bundesrepublik auf. Wie Deutschland hat auch Schweden sehr früh von der Nachfrage nach Investitionsgütern aus dem Ausland profitiert. Schwedens Wirtschaftsleistung stieg in der Folge im dritten Quartal um 16 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Besonders viele Käufer fanden sich im Ausland für Waren aus der Automobilbranche und der Telekommunikation - allen voran von dem Telekomausrüster Ericsson und dem Fahrzeughersteller Volvo. Größter Export- und Importpartner ist dabei neben Norwegen auch Deutschland. Somit profitiert Schweden also auch von dem Aufwärtstrend hierzulande. Und noch eine Parallele gibt es zur Wirtschaftsentwicklung in Deutschland.

Schub durch günstige Wechselkurse

Wie auch die hiesigen Exporteure profitierten Schwedens Ausfuhrunternehmen von einer günstigen Wechselkursentwicklung. Die schwedische Krone hat zwischenzeitlich gegenüber den Devisen bedeutender Handelsparter erkennbar an Wert verloren - und damit die Wettbewerbsfähigkeit der schwedischen Exportwirtschaft gefestigt. Ebenso profitiert Deutschlands Exportindustrie - andere, negative Auswirkungen einmal ausgeblendet - davon, dass der Euro-Kurs in der Schuldenkrise verglichen etwa mit dem US-Dollar unter Druck geraten ist.

Aber das allein reicht nicht als Erklärung aus. Um die positive wirtschaftliche Lage Schwedens zu verstehen, ist ein Blick in die Vergangenheit nötig, wie Stefan Fölster, Chefvolkswirt des Arbeitgeberverbands SvensktNäringsliv gegenüber manager magazin erklärt: "Schweden hatte eine tiefe Finanzkrise vor fast 20 Jahren. Und aus den Fehlern, die man da gemacht hat, haben die Schweden gelernt."

Sowohl die seit der Krise amtierenden Regierungen als auch die Schweden selbst hätten seitdem die Forderung nach starken Staatsfinanzen gestellt: Eine Trumpfkarte, die viele andere EU-Länder während der aktuellen Krise nicht aus dem Ärmel schütteln konnten.

Finanzpolster half durch die jüngste Krise - Überschuss bereits wieder 2011

In den zwei Jahren vor Beginn der Finanzkrise 2008 befand sich ein Überschuss von 103 Milliarden beziehungsweise 135 Milliarden Kronen im Staatssäckel. Während der Krise konnte die Regierung also aus dem Vollen schöpfen, um die Wirtschaft am Laufen zu halten - der Staatshaushalt sank 2009 auf minus 176 Milliarden Kronen.

Doch man zahlt bereits fleißig wieder zurück: Die Reichsbank Riksgälden schätzt, dass das Staatsdefizit bis Ende des laufenden Jahres auf fünf Milliarden Kronen geschrumpft sein wird. In den kommenden zwei Jahren sei wieder mit einem Überschuss von 18 Milliarden, beziehungsweise 78 Milliarden Kronen zu rechnen.

Dazu kämen dann noch geschätzte 35 Milliarden Kronen aus Verkäufen staatlicher Unternehmen. Nicht mit einbezogen sind dabei Hilfsmittel, die Irland angeboten wurden, da die Riksgälden-Prognose vom 16. November stammt.

Die Lehren aus der frühen Krise

Wohnungspreise blieben stabil

Als zweiten Grund führt Arbeitgeber-Chefökonom Fölster an, dass damals in den 90er Jahren auch Firmen und Konsumenten aus der Finanzkrise gelernt hätten. "Sie haben nicht - oder zumindest noch nicht - an einer Bauspekulation teilgenommen und haben auch selbst ziemlich viel gespart. Deswegen waren sie besser vorbereitet und deswegen hat es in Schweden auch keinen Wohnungspreisfall gegeben."

Gerade der aufgeblasene Immobiliensektor war ja in den USA und auch in Irland das Momentum, dass die Krise zum Ausbruch brachte. In Schweden war man bereits gewarnt, denn in den 90ern war es ebenfalls der geplatzte Immobilienmarkt, der die Krise auslöste.

Außerdem hat es in den vergangenen 20 Jahren viele Reformen gegeben: Fölster nennt als Beispiele Steuersenkungen und Deregulierungen. "Schweden hatte eine Periode in den 70er und 80er Jahren mit sehr hohen Steuern, sehr reglementiert und sehr wenig Konkurrenz. Und die Konsequenz der Politik war ja, dass Schweden absackte." Die Wirtschaft wuchs nicht mehr, und die Arbeitslosigkeit stieg.

Dazu kamen in den 70er Jahren die Ölkrisen. Diese hätten Schweden hart getroffen und zu staatlichen Firmenaufkäufen geführt. "Damals wusste man noch nicht, dass Politiker keine besseren Unternehmer sind", sagt Kjell Nordström, Ökonom und Autor des Buchs "Funky Business", gegenüber manager magazin. Der Schuldenberg war bis Anfang der 90er Jahre enorm gewachsen und Währungsspekulanten machten sich über die Krone her. Der damalige sozialdemokratische Ministerpräsident Göran Persson machte sich dann sehr unbeliebt mit seinem Vorhaben, das System zu reformieren.

Niedrigere Steuern, mehr Beschäftigte

Auch wenn Schweden als geduldig und tolerant gegenüber höheren Steuern gelten: Sobald das Wohlfahrtssystem nicht mehr funktioniert, wie es soll, verstehen sie keinen Spaß mehr. Deshalb konnte man auch lange Zeit keine Wahlen mit Steuersenkungen in Schweden gewinnen. Erst nach Persson war es sowohl den Sozialdemokraten als auch den bürgerlichen Moderaten gelungen, in kleinen Schritten Steuern von einem sehr hohen Niveau zu senken.

"Schweden wechselt sich ja immer noch Jahr für Jahr mit Dänemark ab, wer die Liste mit den höchsten Steuern anführt", sagt Kjellström. Doch die Steuersenkungen hätten Wirkung gezeigt, fährt Fölster fort. Zwar seien jetzt die Sozialleistungen niedriger geworden. Doch seien auf der anderen Seite mehr Menschen in Lohn und Brot als noch vor der Krise - 112.000 mehr Beschäftigte als im Vorjahr gab das SCB für Oktober an.

Arbeitsmarkt robust - Konsum in Deutschland und Schweden zieht an

Arbeitsmarkt in Deutschland und Schweden sehr robust

Die Arbeitslosenquote beträgt laut SCB aktuell 7,5 Prozent. "Das ist immer noch eine hohe Quote für Schweden. 4 bis 5 Prozent sind normal, wenn nicht gar weniger", ordnet Fredrik Möller, Pressesekretär der schwedischen Arbeitsvermittlung, die Zahlen ein. "Während der Krise hatten wir eigentlich mit einer Arbeitslosenquote von bis zu 12 Prozent gerechnet. Doch bei 8 Prozent blieb sie plötzlich stehen."

Auch das ist parallel zur Entwicklung in der Bundesrepublik: Hierzulande steigt die Beschäftigung mit aktuell mehr als 40,9 Millionen auf historische Höhen. Mittlerweile ist Deutschlands Arbeitslosenquote zeitgleich auf knapp 7 Prozent gefallen und unterbietet damit die noch die schwedische Erfolgsbilanz minimal.


Einkaufslaune: Die Binnennachfrage steigt

Dass die Quote in dem Nordland überhaupt noch so hoch liegt, ist nach Expertenmeinung der Tatsache geschuldet, dass besonders geburtenstarke Jahrgänge nun auf den Arbeitsmarkt drängten. "Und da nützt das Wachstum der Exportindustrie wenig. Die meisten Jobs werden im Dienstleistungssektor geschaffen", erklärt Möller. "Am meisten wächst hierzulande der IT-Sektor. In ein bis zwei Jahren wird es nicht mehr genügend Fachkräfte geben. Und in fünf bis zehn Jahren, wenn viele Leute in Rente gehen werden, wird Schweden auf die Zuwanderung von Arbeitskräften angewiesen sein."

Unter dem Strich sind also mehr Menschen beschäftigt. Auch das hat im EU-Vergleich zu einem positiven Klima der schwedischen Haushalte geführt. Zwar sank der Index in den vergangenen Monaten, befindet sich aber dennoch weltweit auf hohem Niveau: Laut einer Ipsos-Umfrage in 24 Ländern sind 72 Prozent der Schweden mit der ökonomischen Situation in ihrem Land entweder zufrieden oder sehr zufrieden.

Kein Wunder. Die Schweden schaffen es gleichzeitig, mit mehr Konsum die Binnennachfrage zu steigern (plus 3,5 Prozent) und nebenher noch zu sparen (Sparquote: 1,5 Prozent). Und nicht zuletzt unterstützt eine niedrige Inflationsrate die weiterhin niedrigen Leitzinsen der Reichsbank. Auch hier gibt es Parallelen zu Deutschland, wo ein vergleichsweise niedriger Realzins die Wirtschaft stützt und der über Jahre vernachlässigte Binnenkonsum in Schwung kommt.

Eine gute Voraussetzung für weiteres Wirtschaftswachstum. Der Motor brummt.

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