Mittwoch, 21. August 2019

Im Kaufrausch China greift an, der Westen schaut zu

Übersicht: Warum sich Deutschland und China stark unterscheiden
REUTERS

Firmen, Rohstoffe, Technologien, politischer Einfluss - China strebt auf immer mehr Feldern nach weltweiter Bedeutung. Der Westen schaut geschwächt und paralysiert zu. Dabei müssten wir längst umfassende Strategien für den Umgang mit der neuen Supermacht entwickeln.

Die Chinesen greifen weltweit an. Sie beteiligen sich mal eben an General Motors, schlucken ganze Firmen wie Volvo und kaufen Minen und Ölfelder in Afrika, Australien und Südamerika. Geld spielt keine Rolle, denn sie haben genug davon. Im aktuellen manager magazin analysieren wir in einem umfangreichen Report Ziele und Methoden des chinesischen Expansionismus.

Der Westen sieht dem Kaufrausch der Neureichen aus Fernost staunend zu - und wundert sich. Lange Zeit haben viele im Westen mit einer Mischung aus Arroganz und Ignoranz Chinas wirtschaftlichen Aufstieg verfolgt. Sie prophezeiten, so ein berühmter Buchtitel, "The Coming Collapse of China" oder träumten von platzenden Blasen.

Aber China ist weder kollabiert noch implodiert. Im Gegenteil: China ist wirtschaftlich stärker denn je, gerade nach der globalen Finanzkrise, die China viel besser überstanden hat als die Europäer und erst recht als die Amerikaner. Inzwischen ist China Export-Weltmeister und zweitgrößte Wirtschaftsnation der Welt, vor Japan und hinter den USA.

Wie soll der Westen auf China reagieren?

China ist und bleibt damit in den kommenden Jahren die größte Herausforderung für die westlichen Industriestaaten. Aber wie sollten sie auf diesen Newcomer reagieren?

Erstens: indem sie endlich realisieren, dass China in vielen Branchen längst ein Rivale auf Augenhöhe mit der westlichen Konkurrenz ist.

Zweitens: dass sie nach dieser notwendigen Erkenntnis eine klare Strategie für den Umgang mit China entwickeln.

Dazu gehört auch eine Antwort auf die Frage, ob chinesische sich an westlichen Unternehmen beteiligen oder diese gar ganz kaufen dürfen. Natürlich dürfen sie das - grundsätzlich, denn wir leben schließlich in einer globalisierten Wirtschaft.

Übernahmen hier, Joint Ventures dort: Die Spielregeln sind nicht gleich

Aber das muss auch umgekehrt gelten. Doch in vielen Branchen Chinas dürfen sich westliche Unternehmen nicht einkaufen. Sie werden vielmehr in Joint Ventures gezwungen - zum Beispiel in der Autoindustrie. Wenn sich chinesische Autofirmen im Westen bedienen können, wie und wo sie wollen, VW & Co. in China aber nur in Joint Ventures aktiv sein dürfen, dann stimmt die Verhältnismäßigkeit nicht.

Zwecks Chancengleichheit sollten die westlichen Politiker, die fast im Wochenrhythmus nach Beijing pilgern, auf solche Ungereimtheiten hinweisen und auf deren Abstellung pochen. Doch viele fallen dort zu schnell in die Kotau-Haltung.

Der Westen muss dem zunehmend selbstbewusster und manchmal auch arroganter werdenden China entschiedener entgegentreten. Das gilt bei der Öffnung bislang weitgehend verschlossener Märkte wie Auto, Banken, Versicherungen oder Medien. Das gilt auch bei der häufig beklagten Benachteilung westlicher Firmen bei öffentlichen Aufträgen.

Langfristige Rohstoffpolitik ist dringend nötig

Und das gilt insbesondere für die Rohstoffpolitik. Die Chinesen gehen seit Jahren strategisch vor. Sie wissen genau, welche Rohstoffe sie in den nächsten Jahren in welchen Mengen brauchen. Sie engagieren sich deshalb massiv in den Ländern, die diese Rohstoffe haben. Dabei gehen sie geschickt vor, denn sie beuten eben nicht die Rohstoffe aus, sondern bauen gleichzeitig Krankenhäuser, Schulen und Stadien fürs gemeine Volk.

Wir können - wie bislang - diesem Treiben taten- und verständnislos zuschauen und lamentieren, dass das Neokolonialismus sei, und dass eine solche staatliche Rohstoffpolitik nicht mit unseren liberalen Systemen vereinbar sei.

Doch irgendwann - und das kann bald sein - kommen wir mit einer solch puristischen Haltung nicht mehr an die benötigten Rohstoffe ran, weil sie zum großen Teil in China eingesetzt werden.

Wir brauchen deshalb eine Rohstoffpolitik, und zwar eine europäische und keine deutsche. Insofern sind alle aktuellen Vorstöße in diese Richtung, sei es vom BDI und insbesondere von Thyssen-Krupp-Chef Ekkehard Schulz, richtig und dringend notwendig.

Wenn wir im Wettbewerb mit dem staatskapitalistischen China bestehen wollen, müssen wir manchmal auch Mittel anwenden, die nicht in den marktwirtschaftlichen Lehrbüchern stehen.

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