Basel III System der Schattenbanken bleibt verschont

Basel III soll die Geschäftsbanken weltweit stabiler machen und helfen, Finanzkrisen wie die letzte zu vermeiden. Das ungleich größere Schattenbankensystem bleibt aber weitgehend unreguliert. Wenn die Politik sich nicht zu zusätzlichen Eingriffen durchringt, bleibt die Gefahr weiterer Bankengroßpleiten akut.
Von Shirish Pandit
Denkwürdige Bilder: Angestellte der US-Investmentbank Lehman Brothers räumen am 15. September 2008 ihre Büros. Der Zusammenbruch der Bank gilt aus Ausgangspunkt der folgenden Weltfinanzkrise. Neue Regeln wie Basel III sollen eine ähnliche Krise verhindern helfen.

Denkwürdige Bilder: Angestellte der US-Investmentbank Lehman Brothers räumen am 15. September 2008 ihre Büros. Der Zusammenbruch der Bank gilt aus Ausgangspunkt der folgenden Weltfinanzkrise. Neue Regeln wie Basel III sollen eine ähnliche Krise verhindern helfen.

Foto: ? Andrew Winning / Reuters/ REUTERS

Eins blieb uns in diesem September erspart: Wir müssen nicht mitansehen, wie aufgelöste Banker einer Einrichtung wie Lehman Brothers mitten in der Nacht ihre Büros räumen und mit einem Karton persönlicher Habe fluchtartig das Gebäude verlassen. Vielmehr erleben wir einen Ben Bernanke, Präsident der amerikanischen Notenbank, der schwungvoll wirkt, wenn er ein Podium betritt und sich optimistisch über die Zukunft äußert. Auch der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht hat es geschafft, Basel III zu verabschieden, ein internationales Regelwerk, das die Banken stabiler machen soll. Fast genau zwei Jahre nach dem Tag, an dem Lehman Brothers Gläubigerschutz nach Chapter 11 des Insolvenzrechts der Vereinigten Staaten beantragt haben, scheint die Finanzwelt sich über die gestärkte Widerstandskraft der Banken in Krisensituationen einig zu sein.

Eine dieser Schutzmaßnahmen verlangt eine Aufstockung des Kernkapitals der Banken. Unter dem Strich soll es von 2 Prozent auf 7 Prozent erhöht und somit mehr als verdreifacht werden. Diese 7 Prozent beinhalten eine Kernkapitalquote - die Schlüsselgröße der Finanzstärke einer Bank - von 4,5 Prozent und einen Kapitalerhaltungspuffer von 2,5 Prozent.

Zu diesen 7 Prozent kann die Bankenaufsicht in wirtschaftlich starken Zeiten den Banken einen antizyklischen Kapitalpuffer von bis zu 2,5 Prozent auferlegen - vergleichbar mit dem Sparen in guten für die schlechten Zeiten. Das sind vom Konzept her akzeptable Maßnahmen, die Banken in Stressphasen stabiler machen und dazu beitragen, Finanzkrisen wie die letzte zu vermeiden. Den G-20 Ländern, die dieses Reformpaket unterstützen, wird das Paket bei dem bevorstehenden G20-Gipfel im November 2010 in Seoul präsentiert. Bleibt zu hoffen, dass die Vereinigten Staaten die Basel-III-Regelungen im vollen Umfang unterzeichnen werden - Basel II war dort nur auf beschränkte Akzeptanz gestoßen.

Das Problem ist die geplante zeitliche Umsetzung von Basel III. Um eine drastische Einschränkung der Kreditvergabe durch Banken zu verhindern, lässt man ihnen bis 2019 Zeit, um die Basel-III-Anforderungen zu erfüllen. Das ist zu lang. Abgesehen davon wäre es naiv anzunehmen, dass der Weg bis dahin ohne Krisen verläuft.

Darlehens- und Hypothekenzinsen für die Kunden werden steigen

Die Bankkunden dagegen sind unmittelbar von den neuen Regeln betroffen. Um die höheren Kapitalanforderungen erfüllen zu können, müssen die Banken in den kommenden Jahren neues Kapital in dreistelliger Milliardenhöhe aufbringen - beispielsweise durch die Ausgabe neuer Aktien. Sie müssen Gewinnrücklagen aufbauen - vermutlich zu Lasten der Beträge, die für Dividenden und Bonuszahlungen zur Verfügung stehen - bis die Basel-III-Anforderungen abgedeckt sind. Mittlere Banken werden gezwungen sein, ihre Geschäftsaktivitäten zu optimieren und profitabler zu werden, was eine begrüßenswerte Veränderung ist. Dass zumindest ein Teil der Kosten für die Kapitalbeschaffung auf die Kunden abgewälzt wird, liegt auf der Hand. Die Ära des billigen Geldes wird zu Ende gehen, was auf Konsumentenseite höhere Darlehens- und Hypothekenzinsen bedeutet.

Die eigentlichen Probleme liegen jedoch an anderer Stelle. Basel III gilt für Banken, die Privatkundeneinlagen annehmen. Das sind die Banken, die sicherer werden. Allerdings gibt es noch ein unreguliertes "Schattenbankensystem". Es besteht aus der Menge der Zwischenhändler wie Investmentbanken, Hedgefonds, Beteiligungsgesellschaften, Structured Investment Vehicles (SIV), Proprietary Trading und anderen. In dieses unregulierte Schattenuniversum wird Basel III die Verlagerung von Risiken treiben.

Die Risiken werden ins Schattenbankensystem abwandern

Dieses Schattenbankensystem ist umfangreich. Schon vor der Krise übertraf das Volumen seiner Kreditvergaben das des traditionellen Bankensystems. Diese Institutionen befinden sich außerhalb des Bankensystems, sodass Regelwerke wie Basel III für sie nicht gelten. Infolgedessen werden sie diese Freiheit ausnutzen, um so viel Fremdkapital wie möglich aufzunehmen - das heisst, sich trotz einer dünnen Finanzdecke an liquiden Aktiva und Eigenkapital zu verschulden. Die Logik ist simpel: je größer die Verschuldung, desto größer die Ausschläge der Gewinne in einem Aufschwung, aber auch der Verluste in einem Abschwung.

Diese Institute versorgen sich am kurzfristigen Geldmarkt, um in langfristige, nicht liquide Werte zu investieren. Kommt es zu einem Liquiditätsengpass, können sie entweder ihre Zahlungsverpflichtungen nicht erfüllen oder versuchen zu überleben, indem sie ihre Investitionen verschleudern. Schattenbanken sind auch an den enormen Handelsvolumina auf dem unregulierten Freiverkehrsmarkt oder Over-the-counter market (OTC) beteiligt, auf dem große Volumina an Wertpapieren wie Kreditausfallversicherungen oder Credit Default Swaps (CDS) gehandelt werden. AIG, zum damaligen Zeitpunkt das größte Versicherungsunternehmen weltweit, musste 2008 gerettet werden, als es hunderte von Milliarden Dollar für die CDS einer seiner Sparten ausgleichen musste.

Basel III wird Macht des Schattensystems nicht beschneiden

Diese Macht des Schattenbankensystems wird Basel III nicht beschneiden. Das Damokles-Schwert der nächsten Rettungsaktion für eine Bank, die zu groß ist, um Bankrott gehen zu dürfen, hängt weiterhin über dem Steuerzahler. Trotz Basel I im Jahr 1998 und Basel II im Jahr 2004 hat es mehrfach Abschwünge gegeben. Falls Basel III nicht durch Richtlinien wie Regulierung der Schattenbanken, Änderungen bei der Offenlegung von Bilanzen, Kontrollen der Ratingagenturen ergänzt wird, dann wird Basel III bestenfalls die Ausgangsbasis für Basis IV nach der nächsten Krise.

Dagegen ist das kürzlich in den USA in Kraft getretene Dodd-Frank-Gesetz zur Wall Street-Reform umfassender. Zum einen untersagt es den Eigenhandel, das heiss den Wertpapierhandel von Banken in eigenem Namen und für eigene Rechnung. Darüber hinaus setzt es eine Beschlusslage in Kraft, die es erlaubt, insolvente Institutionen notfalls rasch abzuwickeln.

Lehmann ist nach wie vor quicklebendig

Die Lehmann-Geschichte wiederum ist längst nicht ausgestanden. Richard Fuld, der frühere CEO von Lehmann Brothers, der derzeit vor der Untersuchungskommission zur Aufklärung der Finanzkrise aussagt, beschuldigt im Gegenzug die Notenbank, nicht rechtzeitig eingegriffen und die Bank gerettet zu haben. Eine Website mit dem Titel Lehmann Brothers Lives bloggt die neuesten Episoden der Lehmann-Serie und deren Nachwirkungen. Nachdem bereits Barclays und JP Morgan Chase verklagt wurden, hat Lehmann Brothers nun Milliardenklagen gegen eine Gruppe weiterer Großbanken eingereicht, darunter CIBC, Bank of America Corp, Bank of New York Mellon Corp, Deutsche Bank, US Bancorp und andere, und vertritt darin die Ansicht, dass diesen Banken unfairerweise erlaubt war, die eigenen Forderungen über die von Lehmann Brothers zu stellen.

Sollten wir demnächst auf eine ähnliche Blogsite von einer der verklagten Banken stoßen, müssen wir womöglich verschärfte Basel-IV-Bedingungen einführen, ehe Basel III implementiert wurde.

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