Warum Trump trotz seiner Aussetzer Wähler fasziniert Hirn ist nicht Verstand

In der Nacht zum Montag treffen die US-Präsidentschaftskandidaten Trump und Clinton zum zweiten TV-Duell aufeinander. Und wieder wird man die Demokratin vor allem an ihren inhaltlichen Aussagen messen und den Republikaner - nicht. Warum nur kommt ein eitler Selbstdarsteller wie Trump bei Millionen Menschen so gut an? It's the Körpersprache, stupid!
Von Stefan Verra
Donald Trump: Trotz inhaltlicher Aussetzer ist der Kandidat beliebt. Das liegt vor allem an seiner Körpersprache

Donald Trump: Trotz inhaltlicher Aussetzer ist der Kandidat beliebt. Das liegt vor allem an seiner Körpersprache

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Stefan Verra
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Stefan Verra ist einer der gefragtesten Körpersprache-Experten im deutschen Sprachraum. Er ist Gastdozent, Bestsellerautor und teilt seine Tipps und Körpersprache-Analysen auf stefanverra.com . Sein aktuelles Buch: "Leithammel sind auch nur Menschen - Die Körpersprache der Mächtigen" 

US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump hat Millionen Anhänger. Sein Poltern und Provozieren fasziniert das Publikum. Aber Inhalte? Fehlanzeige. Seine Ausfälle und Aussetzer? Berüchtigt. Wie kommt es, dass ein Mann nachweislich Unfug redet und ihm dennoch viele Wähler treu bleiben? Wir erklären das aus unserer Perspektive schnell mit der angeblichen Tumbheit der Amerikaner, die nur eines wollen: Show, Show, Show. Wir Europäer hingegen entscheiden eben rational und achten auf Inhalte. Jaja.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass besonders Deutsche der Meinung sind, sie agierten bei Entscheidungen besonders reflektiert. Mitnichten! Liebe Deutschinnen und Deutsche, auch Sie agieren wie jeder Mensch auf diesem Planeten. Erinnern Sie sich an Ihre Begeisterung 2008, als Sie Obama das erste Mal wahrnahmen? Wegen der Inhalte? Natürlich nicht, das Einzige, was Sie noch wissen, ist "Yes, we can!" Und seither tragen Sie Obama tief in ihrem Herzen. Kommen Sie mir jetzt nicht mit der Schließung des Gefangenenlagers Guantanamo und dem Weltfrieden. Beide Ziele hat er weit verfehlt. Sind Sie ihm deswegen böse? Nein! Denn Sie haben ja vorab entschieden, dass der Obama ein Schnucki ist. Und dem verzeihen Sie auch, wenn er die rationalen Argumente dafür gar nicht erfüllt.

Hirn ist nicht Verstand

Für die wichtige Grundsatzentscheidung, ob ich einen Menschen emotionale an mich heranlasse oder lieber von mir fernhalte, spielt die Körpersprache eine entscheidende Rolle. Das war 190.000 Jahre (so lange gibt es den Homo sapiens mindestens) ein Erfolgsprogramm, das ändert Mutter Natur nicht mal schnell wegen einer US-Wahl. In erster Linie geht es nämlich vor allem um eines: die Aufmerksamkeit des Stamm- und Mittelhirns zu bekommen. Und "Hirn" bedeutet in diesem Zusammenhang eben gerade nicht "Verstand".

Um die Aufmerksamkeit der Wähler bekommen, hat Trump wie jeder andere Kandidat genau fünf Möglichkeiten: die fünf Sinnesorgane der Menschen. Über diese fünf Datenkanäle nehmen diese nämlich Informationen auf. (Und kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit dem sechsten Sinn, der ist und bleibt wissenschaftlich höchst zweifelhaft, auch wenn ihr bevorzugter Neurodingscoach das Gegenteil behauptet.)

Nun ist es so, dass unsere Sinnesorgane die Umweltinformationen nicht gleichberechtigt aufnehmen. Die Augen nehmen mit Abstand die größte Datenmenge auf, mehr als alle anderen Sinne zusammen. Und Sinnesorgan Nummer zwei ist - nein, nicht die Ohren! Die zweitmeisten Daten bekommen wir über die Haut geliefert, die Ohren folgen erst an dritter Stelle. Der Anteil der auditiven Daten, die Menschen aufnehmen, ist erstaunlich gering, und zwar nicht nur bei Trump-Sympathisanten. Denken Sie nur an Ihr letztes Meeting: Drei Stunden herumsitzen und am Ende bleibt trotzdem die Frage: "Was haben wir die ganze Zeit eigentlich besprochen?"

Unser Gehirn ist erstaunlich unfähig, zu viele Informationen über die Ohren aufzunehmen. Dabei gibt es nur eine Ausnahme: Wenn das Gehörte starke Bilder erzeugt. Deswegen können wir Geschichtenerzählern und Comedians so lange Zeit unsere Aufmerksamkeit schenken. Und eben auch Populisten. Unser Gehirn kommt ohne Bilder nicht aus. Und wenn die Worte keine Bilder erschaffen, dann machen wir sie uns selbst. Schauen Sie nur mal, was Sie während einer Telefonkonferenz so alles kritzeln und tippen.

Und hier kommt Donald Trump ins Spiel.

Inhalt einfältig, Körpersprache vielfältig

Und hier kommt Donald Trump ins Spiel. Oder Pepe Grillo. Oder Marine LePen. Oder Boris Johnson. Oder Geert Wilders. Sie sind als Redner für unser Gehirn "attraktiver" als, sagen wir mal, Christian Wulff. (Nicht aufregen, liebe Hannoveraner, wir sind ja noch nicht beim Thema Inhalte.) Sie sind optisch ein Hingucker, weil sie sich bewegen. Starke Mimik und Gestik macht den Unterschied. Und zwar von der Kategorie "ungezwungen" bis hin zu "flegelhaft".

Trump lässt sich durch sein Rednerpult nicht einengen, er umklammert es förmlich und verlässt es spontan, um aufs Publikum zuzugehen. Mal beugt er sich vor, als wolle er übers Pult kriechen, dann wieder erhebt er sich, um auf überlegenen Staatsmann zu machen. Dabei reißt er mal die Augen weit auf, mal verengt er sie und man weiß, jetzt gibt's gleich eine verbale Rechts-links-Kombination. Am deutlichsten aber ist seine Gestik. Handkantenschläge prasseln in schneller Abfolge auf das arme Holz. Gerne verwendet er auch mal die Faust. Er zeigt körpersprachlich eine sehr hohe Vielfalt und weckt damit das Interesse unseres Gehirns. Da können Sie mit einer Raute nicht mithalten.

Inhalt einfältig, Körpersprache vielfältig

Der Auftritt eines Populisten zieht unser Gehirn stärker in den Bann und das auch über einen längeren Zeitraum. Auch wenn die meisten Zuhörer im Anschluss der Meinung sind, dass der Inhalt Blödsinn war, haben sie trotzdem zugehört. Das ist etwas ganz anders als eine Galaveranstaltung, bei der 17 Redner im Pinguinoutfit ihre Dankesreden runterlesen. Am besten noch festgetackert hinterm Rednerpult. Sie ahnen gar nicht, wie sehr in diesem Moment der WhatsApp-Traffic im Saal ansteigt.

Es reicht also nicht, inhaltlich relevant zu sein. Nehmen Sie einen entspannten, ausgelassenen Abend in einer Kneipe: Dort unterhalten Sie sich auch ungezwungen und vergessen irgendwann, ob jeder Satz, jede Bewegung relevant und opportun ist. Wer es schafft, ein wenig von dieser Lockerheit in den Konferenzraum zu transferieren, wird attraktiver wirken. Ich rede nicht den Polterern das Wort, aber die zu starke Kontrolle des körpersprachlichen Ausdrucks hinterlässt wenig Eindruck.

Wenig Ausdruck hinterlässt wenig Eindruck

Wenn Sie die Aufmerksamkeit Ihrer Zuhörer haben und dann noch wertvolle Inhalte liefern, haben Sie genau so agiert, wie die Gehirne Ihrer Zuhörer arbeiten: erst aufmerksam sein, dann Inhalte aufnehmen. Es funktioniert niemals umgekehrt. Niemals. Hören Sie? Niemals! Wenn Sie in Ihrer Firma schon mal das Gefühl haben, dass Kollegen Lorbeer einheimsen der eigentlich Ihnen gehört, dann lag es vermutlich nicht an schlechten Inhalten. Sie haben nicht genug Aufmerksamkeit gehabt, als Sie Ihre Inhalte abgeliefert haben. Oder: Sie haben während des Ablieferns die Aufmerksamkeit verloren. Hier heißt es: Lernen von Donald Trump:

•- Beugen Sie sich am langen Konferenztisch nach vorn! Wer immer zurückgelehnt sitzt, während die anderen hitzig nach vorne gebeugt diskutieren, ist für die anderen nicht sichtbar.

•- Sprechen sie laut! Wer zu leise spricht, geht oft unter.

•- Benutzen Sie Ihre Arme! Wer bei jeder Gestik Angst hat, nervös zu wirken, wirkt mit herabhängenden Armen wie ein begossener Pudel.

•- Hände aus den Taschen! Wer für den Coolnessfaktor seine Hände in den Hosentaschen lässt, versprüht keine Begeisterung, auch nicht inhaltlich.

•- Machen Sie sich locker! Sie brauchen keine reißerischen Folien aufzulegen oder einen suuuperlustigen Witz abzufeuern. Es reicht, wenn Sie etwas weniger gehemmt an die Sache herangehen.

Donald Trump macht uns vor, wie man die Aufmerksamkeit des Publikums gewinnt. Stellen Sie sich die Wirkung vor, wenn er jetzt auch noch Inhalte hätte.

Die Sprache der Niedertracht: Englisch Lernen mit Donald Trump

Unser Gastkommentator Stefan Verra ist einer der gefragtesten Körpersprache-Experten in Deutschland. Er ist Dozent und Autor zahlreicher Bücher.

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