Fed nimmt Schwellenländer in die Schulden-Zange Wer Janet Yellen derzeit am meisten fürchtet

Fed-Chefin Janet Yellen würde mit einer Erhöhung des Leitzinses am Donnerstag ein Zeichen der Stärke der US-Wirtschaft senden - und unfreiwillig für Panik in den Schwellenländern sorgen. Denn diese haben selbst bei einem Mini-Zinsschritt viel zu verlieren.
Fed-Chefin Janet Yellen: Viele Schwellenländer haben hohe Schulden in Dollar aufgenommen. Eine Aufwertung des US-Dollar wird für diese Länder extrem teuer - auch daran musss die Fed denken, wenn sie am Donnerstag über die erste Zinserhöhung nach fast zehn Jahren entscheidet

Fed-Chefin Janet Yellen: Viele Schwellenländer haben hohe Schulden in Dollar aufgenommen. Eine Aufwertung des US-Dollar wird für diese Länder extrem teuer - auch daran musss die Fed denken, wenn sie am Donnerstag über die erste Zinserhöhung nach fast zehn Jahren entscheidet

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Eigentlich ist die Entscheidung für Janet Yellen ganz einfach. Seit Monaten bereitet die Chefin der US-Notenbank Federal Reserve die USA und den Rest der Welt auf die Zinswende vor: Erstmals nach fast zehn Jahren könnten die Leitzinsen in den USA wieder steigen. Im Sommer 2006 hatte die Fed letztmalig den Schlüsselzins von damals 5 auf 5,25 Prozent angehoben, danach folgten in rascher Folge Zinssenkungen und - seit dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008 - praktisch eine Nullzinspolitik der wichtigsten Notenbank der Welt. Seit der Krise haben sich Konjunktur und Arbeitsmarkt in den USA kräftig erholt, die Arbeitslosenquote ist mit 5,1 Prozent auf den tiefsten Stand seit sieben Jahren gefallen.

Das Zinsniveau von aktuell 0 bis 0,25 Prozent jetzt minimal auf ein Niveau von 0,25 bis 0,5 Prozent anzuheben, dürfte den wieder zu Kräften gekommenen Patienten US-Wirtschaft nicht umwerfen, sondern im Gegenteil ein Zeichen setzen, dass die akute Erkrankung überwunden ist. Zweitens würde die Yellen ihren Worten Taten folgen lassen und so die Glaubwürdigkeit der Fed stärken.

Also rauf mit den Zinsen, worauf wartet Yellen noch?

Die Entscheidung der Fed-Chefin ist leider doch nicht so einfach, denn sie hat nicht nur einen Patienten. Die Notenbanken weltweit haben inzwischen die Aufgabe übernommen, als Notärzte eines kränkelnden und aus dem Gleichgewicht geratenen Finanzsystems immer neue Krisen zu bekämpfen und ihren nationalen Regierungen Zeit zu kaufen. Die Fed ist eigentlich nur für den Patienten US-Wirtschaft zuständig, der könnte eine Zinserhöhung verkraften. Doch nebenan, im Wartezimmer, blicken eine Vielzahl schwindsüchtiger und hoch verschuldeter Schwellenländer ängstlich nach Washington: Selbst wenn in den USA die Zinsen nur minimal steigen, könnte dies bei ihnen den nächsten Schwächeanfall auslösen. Setzt Yellen für die USA endlich das Nullzins-Doping ab, riskiert sie als Kollateralschaden ein neues Beben in den Emerging Markets.

Beben in den hoch verschuldeten Schwellenländern als Kollateralschaden

Vier Tage vor Yellens Entscheidung hat sich die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) zu Wort gemeldet und eindringlich auf die aktuelle Schwäche der Schwellenländer hingewiesen. Die Schwellenländer seien "verwundbar", die Verschuldung in Ländern wie China, Brasilien, Indonesien, Singapur und Thailand habe ein bedrohliches Niveau erreicht, schreibt die Dachorganisation der Notenbanken in ihrem am Sonntag erschienenen Quartalsbericht.

Ähnlich wie schon IWF-Chefin Christine Lagarde richten die Ökonomen der BIZ indirekt mahnende Worte an Yellen, sie möge neben der Erholung in den USA doch bitte auch das große Ganze im Blick behalten.

Doch warum sind minimal steigende Zinsen in den USA für die Schwellenländer so eine Horrorvorstellung? Die Autoren des BIZ-Berichtes nennen dafür mehrere Gründe.

Geld fließt ab, Schuldenlast steigt - Schwellenländer in der Zange

Zum einen sorgt eine Zinserhöhung dafür, dass der Anlagestandort USA für die weltweite Investorenschar interessanter wird. Da Anleger mit langfristig weiter steigenden Zinsen rechnen, wird zusätzliches Geld in die USA gelenkt - Geld, das schon seit Monaten massenhaft aus den Emerging Markets abgezogen wird. In den vergangenen zwei Jahren waren es bereits rund 150 Milliarden Dollar - und dieser Trend könnte sich nach einer Zinswende verstärken.

Zweitens ist die Verschuldung der Unternehmen in den Schwellenländern enorm gestiegen: Entsprachen die addierten Verbindlichkeiten der Firmen (außerhalb des Finanzsektors) im Jahr 2006 noch rund 70 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, so sind diese inzwischen auf rund 120 Prozent des BIP gestiegen. "Die Verschuldung liegt mittlerweile deutlich höher als vor Ausbruch der Asienkrise im Jahr 1997 (58 Prozent)", heißt es in einem Bericht der Commerzbank.

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Die Fed-Flüsterer: Wer will die Zinserhöhung, wer warnt?

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Die BIZ legt in ihrem Quartalsbericht noch einige Warnhinweise nach: In vielen Schwellenländern sei die private Verschuldung inzwischen um mehr als 10 Prozent über ihren langfristigen Mittelwert gestiegen, in China um 25 Prozent, in Brasilien um 15 Prozent, in der Türkei um 16 Prozent und in Ländern wie Indonesien, Singapur und Thailand ebenfalls weit über die Warnschwelle von 10 Prozent. Ein Überschreiten dieser 10-Prozent-Schwelle gilt für die BIZ deshalb als kritisch, weil sie in zwei von drei Fällen eine Bankenkrise in den betreffenden Ländern innerhalb der folgenden drei Jahre zur Folge hatte. Sprich: Leuchtet diese Warnlampe erst einmal auf, drohen dem Bankensektor in diesem Land ernsthafte Turbulenzen.

Hohe Verschuldung und steigende Kreditkosten als toxische Mischung

Eine US-Zinserhöhung ist für viele Emerging Markets deshalb so gefährlich, weil sie einen großen Teil ihrer Schulden in US-Dollar aufgenommen haben. Sich in ausländischer Währung zu verschulden, gilt in der Ökonomie als eine Erbsünde: Unternehmen, die sich zum Beispiel US-Dollar leihen, leiden doppelt, wenn die inländische Konjunktur absackt und die eigene Währung (zum Beispiel der brasilianische Real, der mexikanische Peso oder die indonesische Rupie) gegen den US-Dollar abwertet.

Genau solch ein Szenario droht nun Brasilien, Mexiko, Indonesien und anderen Schwellenländern: Ihre Schuldenbelastung (in US-Dollar) würde bei einer Aufwertung des US-Dollar kräftig steigen, und die heimischen Unternehmen bekämen Schwierigkeiten, ihre Schulden noch zu bedienen.

Hohe Verschuldung, dazu steigende Kreditkosten durch eine Aufwertung des US-Dollar: Für viele Schwellenländer könnte dies zu einer toxischen Mischung werden, warnt die BIZ. Umso mehr, weil viele Schwellenländer (zum Beispiel Brasilien, Indien und Venezuela) Rohstoffexporteure sind und derzeit besonders unter dem Crash der Rohstoffpreise sowie der Konjunktur-Abkühlung in China leiden: Während die Einnahmen wegbrechen, die Konjunktur schwächelt und das weltweite Kapital sich andere Anlageziele sucht, steigt die Belastung durch die in Dollar aufgetürmten Schulden.

Zinswende auf Dezember verschieben - auch das birgt Risiken

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Aber muss Janet Yellen wirklich auf die Warnrufe aus den Schwellenländern hören? Die Fed-Chefin ist für die US-Ökonomie zuständig - die zwar robust, aber mit der schwächelnden Weltwirtschaft eng verwoben ist. Eine neue Asien-Krise oder ein Credit-Crunch in Südamerika würden auch auf die US-Wirtschaft zurückwirken. Andererseits hat die Fed-Chefin nur noch wenig Zeit, die angekündigte Zinswende einzuläuten: Eine Zinserhöhung im Jahr 2016, wenn in den USA ein neuer Präsident gewählt wird, würde als Einmischung in den Wahlkampf verstanden. Eine Mehrheit der US-Ökonomen geht inzwischen davon aus, dass Yellen die Zinsen eher im Dezember, also auf den letzten Drücker, erhöhen wird.

Sollte Yellen am Donnerstag die Warnungen in den Wind schlagen und die Zinsen erhöhen, dürfte es an den Schwellenland-Börsen in den kommenden Wochen turbulent zugehen. Doch selbst wenn Yellen die Zinswende wieder einmal verschieben sollte, bedeutet das nicht zwangsläufig steigende Kurse - schließlich würde die US-Notenbank mit einer Verschiebung signalisieren, dass auch sie sich große Sorgen um den Zustand der Weltwirtschaft macht.

Es wird wieder einmal sehr viel davon abhängen, wie die Fed ihre Zinsentscheidung begründet: Die weltweite Aufmerksamkeit ist Janet Yellen sicher.