Peter Littger

Ein neuer Schicksalstag für die deutsche Geschichte? ... schon wieder ein 9. November!

Macht Präsident Donald Trump seine Andeutungen wahr, könnte sein Wahltag auch zu einem neuen Schicksalstag für die deutsche Geschichte werden. Weil wir uns ab sofort selbst verteidigen müssen!
Reichstag in Berlin.

Reichstag in Berlin.

Foto: DPA

Man braucht kein Zahlenfreak wie "Graf Zahl" aus der "Sesamstraße" zu sein, um über den historischen Tag zu stolpern, an dem Donald Trump zum Präsident gewählt wurde:

Der 9. 11..

Da US-Amerikaner Kalendertage in einer anderen Reihenfolge notieren als wir, schreiben sie den Monat zuerst. Deshalb ging der 11. September 2001 als "9/11" ("Nine Eleven") in die Geschichte ein. Standen diese Ziffern früher bloß für den Notruf 911, wurden sie während der Präsidentschaft von George W. Bush auf einmal zum Symbol für einen Moment nationaler Not. Nun werden die Zahlen 9 und 11 auch in umgekehrter Folge in die Geschichte eingehen. Was sie diesmal bedeuten, wissen wir nicht noch nicht. Aber sie bieten unheimlich viel Stoff für Interpretationen.

Wir Deutschen kennen uns damit aus. Schließlich haben wir schon lange unser eigenes "Nine Eleven" - und davon gleich mehrere! Schon in der Schule lernten wir das mysteriöse Datum des 9. Novembers kennen. Und viele von uns haben es auf ihren eigenen Lebenswegen auch miterlebt - jedenfalls, wenn sie vor 1989 geboren wurden.

Alleine im 20. Jahrhundert entwickelte sich der 9. November mehrere Male zu einem Tag mit großer Symbolkraft und historischer Nachwirkung:

  • 1918: die Ausrufung der Weimarer Republik durch den SPD-Politiker Philipp Scheidemann in Berlin. Es war das endgültige Ende der Monarchie und die Verwirklichung der Träume des republikanischen Revolutionärs Felix Blum, der ausgerechnet am 9. November 1848 hingerichtet worden war. Die Gründung der Republik war also kein zufälliges Ereignis, sondern eine Etappe in einem langen Streben nach mehr Volksbeteiligung. Es war auch ein wichtiger Moment für die spätere Bundesrepublik. Und nicht zu vergessen: In Konkurrenz zu Scheidemann rief der Kommunist Karl Liebknecht am 9. November 1918 eine sozialistische Republik aus. Sie wurde später mit der DDR Wirklichkeit.
  • 1923: Gescheiterter Putschversuch durch Adolf Hitler in München. Zum ersten Mal traten die Nationalsozialisten vor den Augen der Welt in Erscheinung; Hitler wurde inhaftiert, schrieb "Mein Kampf" und bereitete seinen Aufstieg vor. An der Macht angekommen erklärte er den 9. November zum Feiertag. In einem heute noch lesenswerten Essay-Band aus dem Jahr 1994  hob dessen Herausgeber Johannes Willms den 9. November 1923 als Ausdruck eines "systematischen Kults der Unzufriedenheit gegen die Republik" hervor. Dieser Kult führte zum nächsten epochalen Datum:
  • 1938: Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung. Es enthemmte die Deutschen und war das Vorzeichen für den Holocaust, ein in der Menschheitsgeschichte unvergleichliches und unvergessliches Verbrechen.
  • 1989: Der Fall der Mauer als Resultat eines friedlichen Aufstands. Die Spaltung Europas, die der "Kult der Unzufriedenheit" in Hitlers Deutschland verursacht hatte, wurde überwunden. Deutschland erlangte mit der Vereinigung ein Jahr später offiziell seine "Souveränität" zurück.
Peter Littger
Foto: Timm Kölln

Kolumnist Peter Littger (Jahrgang 1973) beschäftigte sich schon als Schüler in einem britischen Internat mit den Herausforderungen des englischen Sprachraums - und mit den eigenen sprachlichen Unzulänglichkeiten. In seiner "Fluent English"-Kolumne auf Spiegel Online sammelt er seit 2013 besonders kreative und verheerende Beispiele deutsch-englischer Sprachverwirrung.

Viel ist über den 9. November als "deutscher Schicksalstag" gesprochen und geschrieben worden. Ausführlich wurde auch diskutiert, ob er einen besseren nationalen Gedenktag hergegeben hätte als der 3. Oktober. Der im vergangenen Mai verstorbene Historiker Fritz Stern schrieb:

"Dass viermal in diesem Jahrhundert gravierende Ereignisse der deutschen Geschichte auf denselben Tag fielen, ist Zufall (...). … Die Koinzidenz dieser Daten versinnbildlicht [allerdings] eine Last, die auf der deutschen Nation liegt: Ihre komplizierte und kompromittierte Vergangenheit ist von ungeheuerlicher Gegenwärtigkeit in der Welt von heute (...)] Viele Menschen im vereinten Deutschland möchten heute die Vergangenheit am liebsten ,normalisieren' und beseitigen (...), der Wille zum Vergessen ist stark."

Was auch immer dieses "Normalisieren" in unseren Köpfen bedeuten mag - es ist gar nicht möglich, solange die Voraussetzungen nicht wirklich "normal" sind. Und was an der seit 1945 recht glücklich verlaufenen west- und später gesamtdeutschen Geschichte nicht wirklich "normal" war und ist, das hat der Brite Hans Kundnani in seinem Buch "The Paradox of German Power"  dargestellt - ein Buch, das ich übrigens zur Pflichtlektüre an deutschen Schulen machen würde.

Ein neues Zeitalter amerikanischer "Isolation"?

Kundani erklärt die beiden Hauptziele im Nachkriegsdeutschland seien stets "security and rehabilitation" gewesen, also Sicherheit und Rehabilitierung - ein Mix aus Aussöhnung und innerer Heilung. Anstatt nun eine autonome Sicherheitsstrategie zu verfolgen (und verfolgen zu dürfen), habe sich Deutschland in eine strategische Abhängigkeit von den USA begeben - eine, wie Kundnani schreibt, "relativ günstige und effektive Lösung des Verteidigungsproblems. So war es erst möglich die Energie auf wirtschaftliches Wachstum zu konzentrieren." Durch diesen "Deal" als Bestandteil der so genannten "Westbindung" konnte sich Westdeutschland einerseits seinen politischen Idealismus leisten: als "Friedensnation".

Andererseits konnte es einen nie dagewesenen Wohlstand erreichen und zu einer wirtschaftlichen Supermacht werden. Kundnani nennt es "the triumphalist narrative of German post-war history" - eine Erfolgsgeschichte, die indirekt von den westlichen Schutzmächten, allen voran von den USA, getragen wurde.

Wir brauchen zunächst gar nicht in die USA zu schauen, um Kritik an dem komfortablen deutschen Erfolgsmodell zu vernehmen. In Großbritannien wurde sie während der "Brexit"-Kampagne wieder laut, obwohl die Klagen Jahre alt sind: Während die Briten selbst ihr Empire verloren haben, glauben viele, Deutschland dabei geholfen zu haben, aus den Ruinen aufzuerstehen, zu gesunden und immer dominanter zu werden. Die herrschende Meinung, die auch Kundnani aufgreift: Die deutsche Bevölkerung genieße heute viel mehr Wohlstand als die britische - ohne jemals den vollen und fairen Preis dafür gezahlt zu haben.

Aus den USA können wir ähnliche Ressentiments hören, freilich in einer globaleren Perspektive, nicht nur auf Deutschland oder Europa gerichtet, sondern an alle Länder in der Welt, die bis heute vom Internationalismus der Amerikaner profitiert haben sollen. Dieser Prozess begann mit dem ersten Auftritt der USA als Weltpolizei vor ziemlich genau hundert Jahren im Ersten Weltkrieg. Fritz Stern hat auf den historischen Umstand hingewiesen, dass es die deutsche Führung gewesen sei, die verschuldete, dass die USA 1917 in den Weltkrieg eintraten. Dieser Einsatz setzte die Kräfte frei, die zum 9. November 1918 führten. Und seit ihrem zweiten Einsatz in Europa und der Gründung der Bundesrepublik sind die USA bei uns dauerhaft präsent, hilfreich und - keine Frage - auch Profiteure ihrer eigenen internationalen Strategie.

Allem Anschein nach will Trump nun mit dieser Tradition brechen und dafür sorgen, dass sich die USA zurückziehen. Aus deutscher Sicht ist es bereits irritierend, dass auch er mit einem "Kult der Unzufriedenheit" Politik macht und nun an einem 9. November die Macht erlangt hat. Seine Wähler scheinen in ihm einen neuen "Führer" zu sehen, der ihnen einerseits die Diskriminierung von Fremden und andererseits ein "national soziales" oder - je nachdem wie teuer es für den Staat wird - "national sozialistisches" Arbeitsprogramm verspricht. Im Licht von Kundnanis Darstellungen wird deutlich, dass sich die Ressentiments der vielen Millionen "Vernachlässigten" in den USA, die Trump gewählt haben, nicht nur gegen das oft zitierte linksliberale "Establishment" im eigenen Land richten. Vielmehr richten sie sich auch gegen uns! Weil wir in den vergangenen Jahrzehnten überdurchschnittlich von ihnen profitiert hätten ohne ausreichend zurückzuzahlen.

Es kann also sein, dass der 9. November 2016 eine enorme "Koinzidenz" im Sinn von Fritz Stern in sich birgt. Was wir in Deutschland und Europa nach der Wahl Donald Trumps zu befürchten haben, davor hat Madeleine Albright gerade im "Guardian" gewarnt : Es könnte ein neues Zeitalter amerikanischer "Isolation" anbrechen, in dem alles in Frage gestellt wird, was die Zusammenarbeit des Westens und vor allem das Bündnis der NATO seit 1949 bedeutet. Donald Trump könnte uns zwingen, viel mehr zum Bündnis beizutragen und letzten Endes stärker oder gar alleine für unsere Sicherheit zu sorgen. Daraus würden ganz neue Verpflichtungen zu einer militärischen Zusammenarbeit in Europa resultieren. In Zeiten des "Brexit" und einer allgemeinen Müdigkeit in der Union käme das zu einer totalen Unzeit.

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US-Wahl: Trump oder Clinton - Die Folgen für Deutschland

Foto: Steven Senne/ AP

Der 9. November könnte also auch in diesem Jahr - und damit zum fünften Mal - mehr für uns gewesen sein als bloß ein kalter Tag im Herbst. Es könnte der Beginn einer längeren heißen Phase sein, an deren Ende eine erhebliche Steigerung des deutschen Verteidigungshaushalts unvermeidbar wäre.

In einer nunmehr 70 Jahre alten "Friedensrepublik" wäre dies wie ein Erdbeben. Andauernde Demonstrationen und Proteste, kurz: viel Widerstand wäre vorprogrammiert. Es müsste der Bevölkerung erklärt werden, dass es der Preis für einen größeren und womöglich vollständigen Selbstschutz wäre. Knapp 30 Jahre verspätet würden wir mühsam einen Zustand von nationaler Sicherheit und Souveränität erlangen, der für die USA seit jeher "normal" ist - aber der uns - auch aufgrund unserer unterschiedlichen "Nine Elevens" - bisher nie anvertraut, zugetraut und zugemutet worden ist.

Peter Littger ist Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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