Freitag, 19. Juli 2019

500-Euro-Schein: Angriff auf die Romantik des Kapitalismus Die EZB schafft Europas größtes Symbol ab

Das sind sie: 500-Euro-Scheine in einer Sparkasse in Bayern.

Zorn und Geld: Warum regt sich soviel Unmut darüber, dass die EZB den größten Euro-Schein nicht weiter produzieren lassen will? Weil Bargeld viel mehr ist als bloßes bedrucktes Papier.

Vertrauen ist ein Schlüsselwort für Mario Draghi. Neunmal taucht es im Intro zum diesjährigen Geschäftsbericht der Europäischen Zentralbank (EZB) auf. Immer wieder geht es um die "Stärkung des Vertrauens". Die Verbraucher, die Unternehmen, die Banken brauchen Vertrauen, damit die Wirtschaft wieder in Schwung kommt und die Deflationsgefahren verschwinden. Überhaupt soll alle Welt darauf vertrauen können, dass der Euroraum nicht durch einen spekulativen Unfall auseinanderfliegt. In einer unsicheren weltwirtschaftlichen Situation wolle die Zentralbank ein "Vertrauensanker" sein, so der EZB-Präsident.

Und jetzt das: Der EZB-Rat hat beschlossen, künftig keine 500-Euro-Scheine mehr drucken zu lassen. Eigentlich keine große Sache, sondern eine technische Entscheidung. Doch das öffentliche Echo ist heftig, gerade in Deutschland. Ifo-Chef Clemens Fuest formuliert, was viele befürchten: dass es der EZB letztlich darum gehe, das Halten von Bargeld zu erschweren, um die Strafgebühren auf digitale Zentralbankguthaben ("negative Einlagezinsen") weiter erhöhen zu können.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Geht es letztlich darum, das Bargeld gänzlich abzuschaffen? Die Idee steht im Raum, seit sie der US-Ökonom Kenneth Rogoff vor einiger Zeit in die Welt gesetzt hat. Gäbe es nur noch elektronisches Geld, so die Argumentation, könnten die Notenbanken nach Belieben die Geldhaltung mit Strafgebühren belegen und die Leute so zum Ausgeben animieren. Bargeld beschränke die Handlungsfähigkeit der Notenbanken, und zwar unnötiger Weise in Zeiten elektronischer Zahlungsmittel.

Die Debatte säht Misstrauen. Denn die rein technokratische Sicht übersieht den tiefergehenden Charakter des Geldes, der viel wichtiger ist, als Ökonomen gemeinhin annehmen: Es ist nicht nur Recheneinheit, Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel, nicht nur ein Mittel, das Transaktionen über Raum und Zeit hinweg ermöglicht. In modernen Gesellschaften ist es der Wertmaßstab schlechthin. Geld liegt nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch sozialen Beziehungen zugrunde. In einem durchökonomisierten Gemeinwesen wird alles in Geldwerten mess- und vergleichbar. Alles und jeder kann durch einen Geldbetrag ausgedrückt werden. Letztlich ist alles eine Frage des Preises.

Bargeld verankert diesen Wertmaßstab in der erlebten Realität. Das muss nicht auf ewig so bleiben, aber bislang hat die große Masse der Bürger Cash in der Tasche: 18,9 Milliarden Scheine im Wert von knapp 1,1 Billionen Euro waren Ende 2015 in Verkehr, rund 10 Prozent der gesamten Geldmenge (M3). Trotz der Verbreitung von Plastikgeld möchten die Bürger Scheine und Münzen nicht missen: Bargeld - gesetzliches Zahlungsmittel, Symbol für Staat und Nation, werthaltiges Zeichen in einer modernen Welt, die arm ist an großen Symbolen. Sicher, die multinationale Währung Euro ist ein mehrdeutiges Symbol. Aber immerhin ist sie ein Stück täglich erlebtes Europa. Der 500er-Schein ist womöglich Europas größtes Symbol.

Die EZB bemüht sich denn auch, die Sache mit dem 500er herunterzuspielen. Die Eindämmung der Machenschaften von Kriminellen, die häufig auf große Geldscheine zurückgreifen, seien der Grund dafür, dass die Produktion eingestellt wird. Es gehe keineswegs um die Abschaffung des Bargelds, schrieb Draghi kürzlich an den Europaparlamentarier Fabio De Masi, der eine entsprechende Frage gestellt hatte. Auch gehe es angeblich nicht um die Möglichkeit, die Strafgebühren auf Einlagen zu erhöhen. "Keinerlei Zusammenhang" gebe es zu "den geldpolitischen Erwägungen" des EZB-Rats.

Eigentlich geht es um Kleinkram. Ab Ende 2018 sollen keine 500er mehr produziert werden. Dafür sollen mehr von den kleineren Denominationen in Verkehr gebracht werden. Zuletzt wurde 2014 eine Ladung 500er gedruckt: 85 Millionen Stück, im Auftrag der Österreichischen Nationalbank; davor wurden die großen Scheine zuletzt 2011 produziert. Existierende 500er würden "für immer ihren Wert behalten", ließ die EZB verlauten.

Seite 1 von 3

© manager magazin 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung