Spritpreise auf Rekordniveau Warum Diesel und Heizöl jetzt schon knapp sind

Noch hat die EU Importe von russischem Öl nicht verboten. Trotzdem ist das Angebot von Diesel und Heizöl bereits knapp – und Diesel deswegen sogar teurer als Benzin. Vier Gründe für diese Entwicklung.
Dieselknappheit trifft Verbraucher: Autofahrende in Deutschland mussten am Sonntag laut ADAC pro Liter Diesel durchschnittlich 2,305 Euro bezahlen. Das ist binnen fünf Tagen ein Preissprung von 15,5 Cent und rund 10 Cent mehr als der Preis für Super E10.

Dieselknappheit trifft Verbraucher: Autofahrende in Deutschland mussten am Sonntag laut ADAC pro Liter Diesel durchschnittlich 2,305 Euro bezahlen. Das ist binnen fünf Tagen ein Preissprung von 15,5 Cent und rund 10 Cent mehr als der Preis für Super E10.


Foto: IMAGO / MiS / IMAGO

Die Preise an deutschen Tankstellen sind knapp drei Wochen nach Beginn des Krieges in der Ukraine so hoch wie nie: Am Sonntag kostete laut ADAC Super E10 im bundesweiten Tagesdurchschnitt 2,199 Euro pro Liter, Diesel schlug sogar mit 2,305 Euro pro Liter zu Buche. Und nicht nur Autofahrer leiden, auch Besitzer von Ölheizungen: Der Preis für Heizöl hat sich binnen drei Wochen mehr als verdoppelt, ist aber seit vergangener Woche immerhin wieder rückläufig.

Ein Grund für den massiven Preisanstieg beim Diesel: Panik-Käufe beim Heizöl. Dass der Anstieg bei Diesel noch größer als bei Benzin ist, erklärt sich laut ADAC vor allem aus der verstärkten Nachfrage nach Heizöl. Viele Endkunden befürchten aufgrund des Krieges zwischen Russland und der Ukraine Lieferengpässe und füllen jetzt im Spätwinter ihre Tanks – entgegen den sonstigen Gewohnheiten. Da Heizöl und Diesel annähernd das gleiche Produkt sind, ist Diesel knapp auf dem deutschen Markt.

Zusätzlich treibt allerdings die Nervosität am Rohölmarkt die Preise für Kraftstoffe und Heizöl in die Höhe. In den vergangenen Wochen sei deutlich weniger russischer Diesel nach Deutschland geliefert worden, berichten Ölhändler. Und das, obwohl die EU noch keine Sanktionen gegen Russland verhängt hat, die Importe von russischem Rohöl und Diesel nach Deutschland verbieten.

Das Problem: Deutschland ist beim Diesel auf Importe angewiesen. Die deutschen Raffinerien produzieren mehr Benzin als im Land gebraucht wird. Bei Diesel ist es andersherum. Die inländische Produktion reicht nicht aus, es muss zusätzlich im Ausland eingekauft werden – und das passiert nicht selten in Russland. "Knapp ein Drittel des Diesels importiert Deutschland aus Russland", sagte Hans Wenck, Geschäftsführer des Außenhandelsverbandes für Mineralöl und Energie (AFM+E) in der "Mitteldeutschen Zeitung".

Die Folge: Der Preis von Diesel ist sogar an jenen von Benzin vorbei gezogen. Aber warum kommt bereits jetzt weniger Diesel aus Russland in Deutschland an? Das hat vor allem vier Gründe:

1. Markt sanktioniert sich selbst

Viele Importeure beziehen aus Solidarität mit der Ukraine weniger oder gar kein Öl mehr aus Russland. Krisenrelevante Unternehmen, das sind Händler ab einer bestimmten Größe, müssen zwar weiterhin ihre vertraglich vereinbarten Mengen aus Russland einführen, um die Versorgung des Landes mit Mineralölprodukten zu sichern. Importe, die darüber hinaus gehen, etwa kurzfristige Lieferungen über den Spotmarkt, haben viele aber komplett heruntergefahren, berichten Importeure. "Fast die gesamte Branche kauft so wenig russisches Produkt wie möglich. Und das in einer Phase, wo wir wirklich gutes Geld damit verdienen könnten", heißt es aus Importeurkreisen. Der moralische Druck werde immer größer – sei es aus der Öffentlichkeit oder aus den eigenen Mitarbeiterkreisen hinaus.

Kein Händler möchte einen Shitstorm wie Shell erleben. Der britisch-niederländische Öl-Riese hatte kürzlich 725.000 Barrel russisches Öl zum Dumping-Preis von 28,50 Dollar eingekauft und damit einen zweistelligen Millionenbetrag gegenüber dem Marktpreis gespart – nach massiven Protesten kündigte der Konzern an, die Gewinne zu spenden und kein russisches Öl mehr auf dem Spotmarkt zu kaufen.

Durch den freiwilligen Verzicht auf russisches Öl fallen große Mengen des Angebots weg. Das erschwert Händlern die Nachversorgung, was sich auch an Europas wichtigstem Umschlagplatz für Mineralöl, den Häfen Antwerpen, Rotterdam und Amsterdam (ARA) zeigt. "Normalerweise konnten wir für Spotkäufe dort sechs bis acht Unternehmen ansprechen. Jetzt ist die Frage: Wer kann mir überhaupt noch etwas anbieten?", sagt Egbert Kerstholt, Geschäftsführer der Garant Service Trading, die für deutsche Händler Mineralöl aus dem ARA-Raum nach Deutschland importiert.

"Es entsteht eine Dieselknappheit, obwohl eigentlich ausreichend Diesel vorhanden ist", sagt auch Hans Wenck vom Außenhandelsverband für Mineralöl und Energie. Eine ähnliche Situation gebe es beim Erdöl: Russisches Öl sei aufgrund geringerer Nachfrage Anfang März rund 18 Dollar günstiger gehandelt worden als die Nordseesorte Brent.

2. Banken meiden russische Geschäfte

Zusätzlich zum moralischen Druck erschwert die finanzielle Abwicklung seit dem Ukraine-Krieg die Ölimporte aus Russland. "Es gibt wenige bis gar keine Banken mehr, die Bankgarantien eröffnen, wenn es um russische Geschäfte geht", berichtet ein Importeur. Sobald es um russisches Öl gehe, täten sich die Banken schwer oder erteilten dem Geschäft gleich eine Absage. Auch sie stehen jetzt im Fokus der Öffentlichkeit und ziehen sich daher aus den russischen Geschäften zurück. Insbesondere aktiengeführte Banken stehen unter Druck, sich selbst zu sanktionieren. Meist seien es die Compliance-Abteilungen, die von den Geschäften abraten, heißt es.

3. Die Sorge vor eingefrorenen Zahlungen

Damit verbunden sind Befürchtungen der Importeure, dass die Banken den Zahlungsverkehr für russisches Öl komplett einstellen. Zahlungen an russische Banken sind aufgrund der finanziellen Sanktionen gegen Russland bereits nicht mehr möglich. Was hingegen noch möglich ist, sind auf Einzelfall-Entscheidung Zahlungen an Konten bei europäischen Banken, die letztendlich auf russischen Empfänger zurückzuführen sind, berichten Importeure. Allerdings weiß keiner, wann die Banken den nächsten Schritt gehen und Händlern auch diese Option nehmen. Auch das verringert die Zufuhr mit Diesel für den deutschen Markt.

4. Neue Sanktionen schüren Unsicherheit

Schließlich hindert die Unsicherheit über weitere Sanktionen einige Importeure an Einfuhren von Öl aus Russland. Im Falle eines Embargos für russisches Öl von deutscher Seite könnten Schiffe, die bereits auf dem Weg nach Deutschland beziehungsweise ARA sind, nicht mehr entladen werden, so die Befürchtung. Andere Importeure rechnen dagegen nicht damit, dass derartige Sanktionen so kurzfristig greifen. Bei einem Importverbot von russischem Öl sei eine gewisse Vorlaufzeit zu erwarten – ähnlich wie im Fall der USA und Großbritanniens, sagt ein Importeur. Dies betreffe in der Regel kein fahrendes Schiff.

dri/afp